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Alkoholkranker erzählt: „Wenn ich weiter trinke, sterbe ich“

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Von: Daniel Göbel

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Hat sich nach einem Leberschaden aus der Alkoholsucht gekämpft: Dirk Faust aus Baunatal-Rengershausen möchte anderen Betroffenen mit seiner Geschichte Mut machen.
Hat sich nach einem Leberschaden aus der Alkoholsucht gekämpft: Dirk Faust aus Baunatal-Rengershausen möchte anderen Betroffenen mit seiner Geschichte Mut machen. © Daniel Göbel

Rund 1,6 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren sind in Deutschland alkoholabhängig. Anlässlich der bundesweiten Aktionswoche werfen wir einen Blick auf das Thema.

Baunatal – Als Dirk Faust aus Baunatal-Rengershausen im Februar vor einem Jahr mit einer Leberentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wird, geben ihm die Ärzte noch sechs Monate zu leben. „Das hat alles verändert. Ich habe mir gedacht, du kannst doch nicht mit 52 Jahren sterben. Das ist einfach kein Alter zum Sterben“, sagt Faust. Seitdem hat er sich mithilfe von Therapieangeboten aus der Alkoholsucht herausgekämpft und keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Mit seiner Geschichte will er anderen Mut machen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, sich aber davor scheuen, Beratungs- oder Therapieangebote in Anspruch zu nehmen.

Den ersten Kontakt mit Alkohol macht Faust als Jugendlicher. Mit Freunden trinkt er abends gelegentlich ein Bier, mehr nicht. Auch in seinem Elternhaus wird selten Alkohol konsumiert. Nach seiner Ausbildung im VW-Werk arbeitet Faust in der Produktion, häufig in drei Schichten. „Nach Feierabend habe ich immer gern mit den Kollegen ein Bier getrunken, alles in Maßen.“

Alkoholkranker erzählt: „Man wird sehr erfinderisch, wenn es ums Verheimlichen geht“

Das ändert sich, als bei seiner Mutter Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wird und er sich um ihre Pflege kümmert. Von der Arbeit wird Dirk Faust freigestellt. „In dieser Zeit habe ich bereits sechs Flaschen Bier pro Tag getrunken und bin auf Wodka und Whisky umgestiegen.“ Anfangs reicht ihm ein Flachmann, doch die Flaschen werden größer. Faust trinkt nun vier Flaschen Bier, manchmal noch eine halbe Flasche Wodka täglich, über eineinhalb Jahre lang. Seiner Frau verschweigt er das Ausmaß seines Konsums. „Man wird sehr erfinderisch, wenn es ums Verheimlichen geht.“

Durch eine Leberentzündung entwickelt Faust eine Gelbsucht und muss ins Krankenhaus. Auch ohne Alkohol hätten ihm die Ärzte nur noch wenige Monate gegeben. In dem Glauben kümmert er sich sofort um eine Vollmacht für seine Frau. In Gedanken malt er sich seine Beerdigung aus.

Betroffener erzählt: Der Weg aus der Alkoholsucht ist hart

Nach dem Tod seiner Mutter fällt Faust in ein emotionales Tief, dennoch beschließt er, nicht aufzugeben und sich Hilfe zu suchen, die er vom Blauen Kreuz und der Diakonie bekommt. „Ich habe mittlerweile meine fünfte Therapeutin und langsam wird es besser“, sagt der 54-Jährige.

Der Weg sei hart gewesen, besonders der zwölfwöchige Aufenthalt in der Suchtklinik. „Da haben viele Angst vor, aber rückblickend kann ich sagen, dass ich es ohne nicht geschafft hätte.“ Die Vormittage verbringt er mit Gesprächen, Sport und Ergotherapie. Nachmittags hat er Zeit für sich. „Das war anfangs ziemlich schwer zu ertragen, man fängt aber an, über sein Suchtverhalten nachzudenken und hinterfragt, was man eigentlich für einen Mist gebaut hat.“

Betroffener erzählt: Krankhafter Alkoholkonsum hat Spuren hinterlassen

Heute geht es ihm deutlich besser, sagt Dirk Faust stolz. Der jahrelange Konsum habe Spuren hinterlassen. Bis heute ist Faust arbeitsunfähig und ihm geht etwa beim Treppensteigen schnell die Luft aus. Der Leberschaden lässt sich nicht heilen.

Die Gewohnheit, die Unbeschwertheit, der Kick – all das, was ihm Alkohol einst gegeben habe, vermisse er nicht. Auch wenn es schwer sei, sich zu outen, rät Dirk Faust anderen Betroffenen, sich jemandem anzuvertrauen. „Ich hatte auch große Angst davor, aber ich gehe mittlerweile offen mit meiner Geschichte um und habe ausschließlich positive und verständnisvolle Reaktionen bekommen.“ Die Alkoholsucht zu bezwingen, ist möglich. Die Voraussetzung dafür sei allerdings, dass der eigene Willen vorhanden ist. „Wenn man sich nicht helfen lassen will, bringen auch Therapieangebote nichts.“ (Daniel Göbel)

In Göttingen steht die Beratung am Arbeitsplatz im Mittelpunkt der Aktionswoche zum Thema Alkohol vom 16. bis 22. Mai. Dazu werden Experten für psychische Gesundheit der Fachstelle Sucht und Suchtprävention der Diakonie Mitarbeiter der Göttinger Stadtverwaltung an ihren Arbeitsplätzen besuchen.

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