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Gregor Gysi erklärte in Baunatal die Welt

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Gregor Gysi berichtete am Donnerstagabend in der Stadthalle Baunatal über seine verschiedenen Lebensabschnitte.
Gregor Gysi berichtete am Donnerstagabend in der Stadthalle Baunatal über seine verschiedenen Lebensabschnitte. © Andreas Fischer

„Ich kann von meinem Leben nicht behaupten, es verlaufe ruhig.“ Wer würde dem nicht zustimmen, wenn er sich ein wenig mit der Biografie von Gregor Gysi beschäftigt? Am Donnerstagabend war der SED-PDS-Linke-Politiker zu Gast in der Baunataler Stadthalle. Seine Rhetorik ist immer noch brillant wie die kaum eines anderen Politikers (außer vielleicht Sarah Wagenknecht).

Baunatal – Über diesen Vergleich und über das „immer noch“ würde er sich wohl ärgern, denn sein siebtes Leben, das Alter, ist mit seinen jugendlichen 74 Jahren noch nicht angebrochen, wie er sagt. „Ein Leben ist zu wenig“ (Aufbau-Verlag) heißt denn auch seine Autobiografie von 2017. Die sechs dem Alter vorangehenden Leben rasselt Gysi herunter: Kindheit und Jugend, Studium, Anwalt in der DDR, Wendezeit, gehasster BRD-Bürger, schließlich akzeptierter Politiker mit eigenem Kopf.

Allein schon das Format der Veranstaltung zeigt Gysis Sonderstellung. Ohne erkennbaren Anlass tritt Gysi auf – das neue Buch „Was Politiker nicht sagen … weil es um Mehrheiten und nicht um Wahrheiten geht“ (Econ Verlag 2022) spielte kaum eine Rolle. Der Veranstalter verkauft die Karten zu Preisen ab erstaunlichen 26 Euro. Kein aktiver Politiker tritt so auf.

Weil es der Konvention entspricht, gibt es auch einen Moderator. Doch Thomas Kney ist kaum mehr als Stichwortgeber. Schon die erste Frage nutzt der Berliner Politiker zu einer Welterklärung in wenigen Minuten: In der Ukraine müsse es einen Waffenstillstand und Verhandlungen geben, der Westen, der nicht aufhören können zu siegen, trage eine Mitschuld an dem gleichwohl völkerrechtswidrigen Krieg. Und natürlich die DDR: Sie sei von der Bundesrepublik besiegt worden, Gutes wie die Gleichstellung der Frauen, die schulbegleitende Berufsausbildung und anderes seien dabei unter die Räder gekommen. Gysis Ansicht, dass die Ampelregierung mit der Vielzahl der Krisen völlig überfordert sei, überraschte nicht weiter. Der Moderator fragte nach Lösungen. „Der Einzige, der es kann, bin ich“, sagte Gysi, nicht ganz ernst gemeint.

Nach der Pause, in der viele Bücher mit Autogramm verkauft wurden, drehte sich das Gespräch mit Monologcharakter mehr um Gysis Leben, zum Beispiel um das Aufwachsen in einem Bildungshaushalt, die Ausbildung zum Rinderzüchter (!), bei der er nützliche Fähigkeiten wie das Ausmisten und den Umgang mit Hornochsen lernte, und die Tätigkeit als selbstständiger Anwalt, exotisch und beargwöhnt in der DDR. Auch Gysis Vorfahren bekamen ihre Zeit, darunter so verschiedene Menschen wie Robert Oettel, der Begründer der Geflügelzucht in Deutschland, und die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing.

Zwei Stunden dauerte die Veranstaltung vor 125 Besucherinnen und Besuchern. Gysi hätte noch stundenlang sich und die Welt erklären können. Seine gute Laune blieb ungetrübt, weil der Vorwurf der Stasi-Mitarbeit nicht angesprochen wurde. (Johannes Mundry)

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