Kein Kollege zeigt „Scheiß Bulle“ an

So gehen die Polizisten mit Beleidigungen im Arbeitsalltag um

+
Chef des Reviers Süd-West in Baunatal: Polizeioberrat Henning Hinn. 

Ein höflicher Umgang scheint immer mehr verloren zu gehen. Wir haben nachgefragt, wie Polizisten mit Beleidigungen und ähnlichem umgehen.

Die Hemmschwelle bei seinen Kollegen sei sehr hoch. Wegen Beleidigungen wie „Du Arschloch“ oder „Scheiß Bulle“ erstatte kein Beamter eine Anzeige, sagt Polizeioberrat Henning Hinn, Leiter des Polizeireviers Süd-West in Baunatal.

Bei Beleidigungen, die vulgär seien und deutlich unter die Gürtellinie gingen (wir wollen diese an dieser Stelle nicht wiederholen), würden die Kollegen dann schon tätig. „Nazischweine“ werde etwa häufig von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu den Polizisten gesagt. Besonders schlimm sei es, wenn aus den Beleidigungen Drohungen werden. „Ich weiß, wo Du wohnst“ mussten sich schon einige Polizisten anhören.

Diese Grafik zeigt die Aufklärungsquote und den Widerstand gegen Beamte.

Wenn allerdings nur die Beleidigung, ein Antragsdelikt, von den Polizisten zur Anzeige gebracht würde, habe das für die Täter keine Sanktion zur Folge. Beleidigungen würden nur bestraft, wenn sie zusammen mit einem anderen Delikt, wie zum Beispiel Körperverletzung, vor Gericht angeklagt würden, sagt Hinn. 

Wenn das anders wäre, würden die Beleidigungen gegenüber Polizeibeamten auch abnehmen, ist sich Hinn sicher. Stattdessen bekämen seine Kollegen von jungen Männern immer wieder zu hören: „Ihr könnt uns gar nichts.“ Manche Männer ließen sich auch von Beamtinnen nichts sagen. „Deshalb vermeiden wir reine Frauenstreifen“, sagt Hinn.

Auch körperliche Attacken haben zugenommen

Als der heute 58-Jährige seinen Dienst bei der Polizei begann, da sei man den Beamten mit mehr Respekt begegnet. Anordnungen seien nicht infrage gestellt worden, man habe eine Wertschätzung erlebt und bei normalen Situationen seien die Bürger freundlich gewesen. Im Lauf der Jahre habe sich dies in einem fließenden Prozess geändert.

Dass nicht nur die Beleidigungen gegenüber Polizisten zugenommen haben, sondern auch körperliche Attacken, sei an der steigenden Zahl von Widerstandsanzeigen festzustellen. Die Täter seien in der Regel zwischen 15 und Ende 20. Die ältere Generation behandele Polizisten eher noch als Respektspersonen.

Auch interessant: Ordnungspolizisten in Kassel: „Viele Menschen haben keinen Respekt vor uns“

Auch die Beschwerden von Bürgern, die sich bei Einsätzen nicht richtig behandelt fühlten, hätten zugenommen, so der Revierleiter. Pro Monat lande eine Beschwerde auf seinem Tisch, sagt Hinn. Nicht jeder Bürger, der sich über einen Polizisten beschwere, sei im Unrecht oder ein notorischer Nörgler. „Es kommt auch vor, dass sich ein Kollege von uns im Ton vergreift. Auch als Streifenbeamter muss man sich Respekt verdienen“, sagt Hinn. Polizisten müssten ein dickes Fell sowie ein vernünftiges Auftreten und Erscheinungsbild haben.

Bürger bedanken sich bei Polizei

Kommt es zu einem Konflikt zwischen Bürger und Polizei, lade er den Beschwerdeführer zum direkten Gespräch auf die Dienststelle nach Baunatal ein. „Das hat sich bewährt.“

Bei all diesen Konflikten komme es natürlich auch vor, dass Bürger sich bei der Polizei bedankten. Das sei zum Beispiel geschehen, als ein Mann sein Auto in Kirchditmold als gestohlen gemeldet hatte. Die Polizei habe dann nach dem Wagen geschaut und festgestellt, dass es nicht gestohlen war, sondern der Fahrer nur den Abstellort vergessen hatte. „Der ein oder andere Tatverdächtige entschuldigt sich später auch bei uns, wenn er sich bei einer Festnahme unmöglich verhalten hat“, sagt Hinn.

Die Beleidigungen, die seine Kollegen zum Teil im Dienst erfahren, versuche man ein stückweit durch Lehrgänge und Schulungen zu kompensieren, sagt Hinn. Er versuche auch, seinen Kollegen klar zu machen, sich jede Situation wieder vorurteilsfrei und neu anzuschauen, um nicht bei bestimmten Typen aufgrund mehrerer schlechter Erlebnisse automatische Handlungsmuster zu entwickeln.

So sieht ein "klassischer Fall" aus

Polizeioberrat Henning Hinn, Leiter des Reviers Süd-West in Baunatal, schildert einen „klassischen Fall“ aus dem Dezember 2018. Er stellt ihn unter das Motto „Banaler Anlass mit drastischem Ende“:

Eine Streife des Reviers Süd-West wird am 20. Dezember 2018 um 23.45 Uhr zu einer Firmen-Weihnachtsfeier gerufen, auf der ein 22-jähriger Mitarbeiter alkoholisiert randaliert.

Die Person verhält sich beim Eintreffen der Streife hochaggressiv und provoziert die Beamten verbal, verweigert jede Angabe zu den Personalien. Ein Kollege vermerkt im Bericht: Die permanenten Beleidigungen haben wir zunächst wohlwollend ignoriert.

Lesen Sie auch: Viel Verständnis für Patienten: Respekt in Kasseler Notaufnahme

Der Mann soll aufgrund seines Verhaltens in den Gewahrsam transportiert werden. Im Funkwagen sitzt ein Kollege zur Sicherung neben dem mit Handschellen gefesselten jungen Mann. Dieser beleidigt den Kollegen während der gesamten Fahrt unter anderem mit den Begriffen „Hurensohn“ und „Bastard“.

Währenddessen spuckt er mehrmals auf den Boden des Streifenwagens. Er klagt dann über Übelkeit, woraufhin die Beamten anhalten und ihn aus dem Fahrzeug führen.

Polizist wird getreten

Draußen erklärt er, dass er jetzt gehen würde, ihm sei nicht schlecht. Daraufhin wird er wieder mit erheblicher Anstrengung ins Fahrzeug verfrachtet, diese Gelegenheit nutzt er, einem Beamten mit dem Fuß einen gezielten Tritt gegen den Kopf zu verpassen. Der Kollege wird verletzt, setzt jedoch den Nachtdienst fort. Auf der gesamten weiteren Fahrt setzen sich die Beleidigungen gegenüber den Kollegen fort, auch das Spucken auf den Boden des Streifenwagens.

Es wird eine Anzeige wegen Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgelegt. Bis zum heutigen Tag hat es in dieser Sache keine Verhandlung und somit auch keine Sanktion gegen den Täter gegeben.

Interner Respekt hat sich geändert

Als Henning Hinn vor 40 Jahren seinen Dienst bei der Polizei begann, sei es noch üblich gewesen, dass man vor „Führungspersönlichkeiten von Amts wegen“ Respekt haben musste. Sein erster Dienststellenleiter habe keine persönliche Autorität gehabt, sondern nur Amtsautorität“, sagt der 58-jährige Polizeioberrat. Damals sei es sehr schwierig gewesen, als junger Kommissar innovativ zu sein. Mit der Begründung „Das war schon immer so“, seien viele Ideen von jungen Kollegen abgeschmettert worden.

Das habe sich zum Glück im Laufe der Jahre geändert. Junge Kollegen könnten Strukturen und Vorgänge innerhalb der Polizei heute deutlich kritischer hinterfragen als früher.

Hinzu komme, dass ein Vorgesetzter nicht mehr automatisch Respekt gezollt bekommen würde, sondern sich diesen erarbeiten müsse. „Um heute als Führungspersönlichkeit respektiert zu werden, muss man authentisch sein und das leben, was man vorgibt.“

Hintergrund: 247 Taten in Nordhessen

Nach der steigenden Anzahl von Gewalttaten gegen Polizeibeamte wurden die dafür in Frage kommenden Schutzparagrafen im Mai 2017 geändert. In der polizeilichen Kriminalstatistik 2018 wurden die beiden Paragrafen 113 StGB „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ und Paragraf 114 StGB „Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ erstmals zusammen erfasst.

Bis zum Jahr 2017 war in der polizeilichen Kriminalstatistik ausschließlich der Paragraf 113 StGB aufgeführt. Diese Erweiterung, aber auch die weiterhin ansteigenden Angriffe gegen Polizeibeamte, führten dazu, dass es zu einer Zunahme um rund 45 Prozent von 170 auf 247 Taten im Bereich des Polizeipräsidiums Nordhessen kam. Die Aufklärungsquote betrug 2018 laut Polizei 100 Prozent.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.