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Linken-Politiker Gregor Gysi: „Ich bin ein Zweckoptimist“

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Von: Amira Sayed El Ahl

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Gregor Gysi warnt eindringlich vor einer möglichen Folge der Russland-Sanktionen. (Archivbild)
Stellt seine Autobiografie vor: der Linken-Politiker Gregor Gysi. (Archivbild) © Christoph Hardt/Imago

Der Linken-Politiker Gregor Gysi tritt am Donnerstag, 17. November, in der Stadthalle in Baunatal auf, um seine Autobiografie vorzustellen.

Baunatal – Er ist streitbar und kann gut streiten – trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gehört Gregor Gysi zu den beliebtesten Politikern Deutschlands. Der Linken-Politiker hat ein bewegtes Leben hinter sich, über das der 74-Jährige eine Autobiografie geschrieben hat. In „Ein Leben ist zu wenig“ erzählt er von seinen zahlreichen Leben als Anwalt, Politiker, Autor, Moderator und Familienvater. Am Donnerstag, 17. November, stellt er das Buch in der Stadthalle Baunatal vor. Wir haben mit dem Linken-Politiker gesprochen.

Herr Gysi, wie groß ist Ihre Sorge vor diesem Winter und einem dritten Weltkrieg?

Ich glaube nicht an den dritten Weltkrieg oder den Atomkrieg. Wenn es dazu käme, würde von Deutschland nichts übrigbleiben, dazu wird es meiner Meinung nach nicht kommen. Ich bin Zweckoptimist. Im Winter kann sich die Situation auch in Deutschland zuspitzen.

Sie fordern weniger Sanktionen gegen Russland. Wäre das in der jetzigen Situation nicht ein Einknicken vor Putin, das ihn animieren würde, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortzusetzen?

Sanktionen gegen die Führung und das Militär sind richtig, bei Oligarchen muss es rechtsstaatlich laufen, dann geht das auch in Ordnung. Wirtschaftssanktionen fand ich von Anfang an falsch. Sie treffen die russische Bevölkerung, die den Krieg nicht beschlossen hat. Putin hat die Teilmobilmachung angeordnet und die Bevölkerung wehrt sich dagegen. Wir können die Menschen dort doch nicht verarmen lassen. Zudem: Ich warnte von Anfang an, dass solche Wirtschaftssanktionen Putins Antworten herausfordern. Wenn er andere Kunden findet, wird er uns den Hahn zudrehen. Und so ist es geschehen. Natürlich wirkte es im Augenblick schief, man hätte dies gar nicht erst beschließen sollen. Aber der Krieg eskaliert und wir sollten an Deeskalation interessiert sein. Was es dafür braucht, ist etwas, was ich sonst nicht befürworte, neben der offiziellen Diplomatie auch Geheimdiplomatie.

Sie sind privilegiert in der DDR aufgewachsen, ihre Mutter war Verlegerin, Ihr Vater war Botschafter in Rom sowie Kulturminister. Wie lebt man mit den Gegensätzen als Sozialist?

Ich war nie im Regierungskrankenhaus oder in einem Heim des Ministerrats der DDR, ich war genauso eingesperrt wie andere. Erst 1988 bekam ich eine Dienstreise nach Frankreich, wo ich einen Vortrag hielt. Ich hatte zwei entscheidende Privilegien: Beide Eltern waren eine Zeit lang Verleger, wir hatten also viele Bücher. Bei meinem besten Freund gab es ein Kochbuch und die Bibel. Ich hatte einen ganz anderen Zugang zu Büchern als mein Freund. Das zweite Privileg bestand darin, dass meine Eltern auch nach dem Mauerbau Besuch hatten aus den USA, Großbritannien, Südafrika, Belgien, Holland, vor allem aus Frankreich, was in der DDR eine Rarität war. Ich habe dadurch ein anderes Weltbild bekommen.

Ihnen wurde nach der Wende vorgeworfen, Stasi-Spitzel gewesen zu sein. Was sagen Sie den Opfern des DDR-Regimes, die die Linke für die Nachfolgepartei eines Verbrecher-Regimes halten?

Der Vorwurf war falsch und ist widerlegt worden. Ich nenne die DDR nie einen Unrechtsstaat. Diese Zuschreibung steht allein für das Naziregime. Aber es gab staatliches Unrecht, das habe ich nie bestritten. Sie war auch kein Rechtsstaat. Die Menschen haben sehr unterschiedliche Leben gelebt, was auch Opfer berücksichtigen sollten. Ich erkläre Letzteren, dass ich mich für ihre Entschädigung einsetze. Es gab zur Wendezeit Menschen, die die Einheit nicht wollten, auch weil sie wussten, dass aus ihnen nichts wird, zum Beispiel Parteifunktionäre, Offiziere der NVA, der Polizei, der Staatssicherheit. Dann gab es allerdings auch die, die dachten, dass etwas aus ihnen wird und dann enttäuscht wurden. Eine Partei musste auch die Interessen solcher Menschen vertreten, damit sie einen Weg in die Einheit finden. Unsere Partei hat langsam an Akzeptanz gewonnen.

Die Wahl- und Umfrageergebnisse sind für Ihre Partei schon länger ernüchternd. Es gibt Personalquerelen und immer wieder öffentlich Streit. Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Linke bald in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist?

Zunächst haben wir uns gut entwickelt, die PDS, später die Linke, auch mit guten Wahlergebnissen. Jetzt sind wir in einer existenziellen Krise. Was wählt man eigentlich, wenn man die Partei wählt? Es gibt unerträgliche Denunziationen durch Mitglieder der Partei. Die Partei muss sich auf folgende fünf Fragen konzentrieren: reale Friedenspolitik, soziale Gerechtigkeit einschließlich Steuergerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit in sozialer Verantwortung, Gleichstellung von Mann und Frau, die Angleichung von Ost und West.

Hat die Partei ein Problem mit Putin-Verstehern?

Ja, es gibt ein Problem. Nicht so sehr bei den Mitgliedern der Partei. Beim Parteitag war die Mehrheit ganz klar gegen den Krieg und Putin. Aber aus dem Osten bekomme ich viele Rückmeldungen, vor allem von Älteren, die die DDR erlebt und eine andere Beziehung zur Sowjetunion und heute auch zu Russland haben. Sie hatten über Jahrzehnte einen positiven Bezug zu diesem Land. Gorbatschow hat ihnen ermöglicht, relativ mutig gegen die DDR-Führung zu sein. Aber völkerrechtswidrige Kriege muss man trotzdem deutlich verurteilen.

Die Linke ruft diesen Winter zum Protest auf. Mancherorts grenzt man sich aber kaum von Montagsdemos ab, die Rechtspopulisten und Neonazis organisieren. Wie populistisch darf die Linke sein?

Wir stehlen denen wieder die Montagsdemos. Eigentlich waren es Oppositionelle in der DDR, die montags demonstrierten. Dann hat sich die AfD die Montagsdemos geklaut, und jetzt versuchen wir, sie Ihnen zu klauen. Die Montagsdemos sind ein sozialer Protest. Von der Bundesregierung gibt es immer nur Stückwerk, wichtige Gruppen werden bei der geplanten Entlastung vergessen. Deshalb demonstrieren die Leute, weil sie Angst haben, vergessen zu werden und in Armut zu fallen. Sie haben Angst vor steigenden Mieten und Preisen und die Regierung lässt sich Zeit und erklärt jede Woche etwas Neues. Außerdem: Wir dürfen doch die Straßen und Plätze nicht der AfD überlassen. Wir müssen der AfD die Stirn bieten und versuchen, mit den Montagsdemos ein demokratisches Ventil zu finden für den sozialen Protest. Das muss eine Initiative der Linken werden und nicht der Rechten sein.

Vor fünf Jahren waren Sie in Vellmar für eine Lesung. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Region?

Kassel ist mir schon aufgefallen, als sich dort Willi Stoph und Willy Brandt trafen. Kassel war eine besonders zerstörte Stadt und musste wieder aufgebaut werden. Mein Herz schlägt immer für Städte, die so benachteiligt waren und von Männern, aber vor allem von Frauen wieder aufgebaut wurden. Das hat mir sehr imponiert. Es ist auf jeden Fall eine spannende Region.

Was können andere Menschen aus Ihrer Biografie lernen?

Dass man von der Sozialisation viel abhängiger ist, als man glaubt, auch diejenigen, die sich gegen die Eltern stellen, sind abhängig. Dass vieles in meinem Leben Zufall war, außer der Entscheidung, Anwalt zu werden. Dass man sehr wohl harmoniebedürftig sein kann, aber man auch wissen muss, wann die Harmonie nicht mehr geht. Dann muss man Haltung zeigen und die Kontroverse aushalten. Und, ganz wichtig, dass man bei allem, was man erlebt, nicht den Humor verlieren sollte. Wenn man ihn verliert, wird man für sich und andere langweilig. (Amira Sayed El Ahl)

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