Wald als Erholungsgebiet

Mehr Konflikte mit Jägern – Spaziergänger wenden sich an die Polizei

Jäger Ingo Norwig aus Guntershausen mit seinem Hund im Wald.
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Will, dass jede Partei im Wald auf ihre Kosten kommt: Jäger Ingo Norwig aus Guntershausen.

Immer häufiger gibt es Ärger zwischen Jägern und Spaziergängern oder Joggern im Kreis Kassel. Die Polizei gibt Hinweise, was beachtet werden muss.

Baunatal – Spaziergänger, Jogger, Hundebesitzer, Radfahrer, Landwirte und Jäger – sie alle müssen sich den begrenzten Platz in der Natur teilen. Das führt nicht selten zu Konflikten – oft sind auch Jäger in der Schusslinie.

„Das Verständnis für uns und unsere Arbeit hat abgenommen“, sagt Ingo Norwig, Vorsitzender des Hegerings Habichtswald und Pächter des 360 Hektar großen Jagdreviers Hertingshausen. „Neulich hat meine Tochter, die auch Jägerin ist, im Wald mit unserem Hund geübt und dabei ein paar Schüsse in die Luft abgegeben. Das ist ein ganz normaler Vorgang bei der Ausbildung eines Jagdhundes. Irgendjemand hat deshalb die Polizei gerufen, die auch mit mehreren Beamten hier angerückt ist“, sagt Norwig. „Das muss doch nicht sein. Wenn jemand in grüner Kleidung und Hund im Wald unterwegs ist, kann man davon ausgehen, dass es ein Jäger ist.“

Konflikte zwischen Jägern und Spaziergängern im Kreis Kassel nehmen zu

Norwig kritisiert außerdem, dass es immer öfter zu Konfliktsituationen zwischen Jägern und Radfahrern oder Spaziergängern komme, weil diese sich zu jagdtypischen Zeiten abseits der Wege im Wald aufhielten. „Wenn in der Dämmerung jemand plötzlich durchs Gebüsch bricht, schafft das Situationen, die für beide Seiten unangenehm sind“, sagt Norwig. Die Gefahr, dass es im Zusammenhang mit der Jagd zu einem Unfall komme, sei zwar sehr gering, aber nicht unmöglich.

„Ich als Jäger bin aber natürlich dafür verantwortlich, dass mein Schuss niemanden gefährdet oder verletzt. Wir passen sehr gut auf, dass nichts passiert.“ Der Jäger schieße beispielsweise von einem Hochsitz aus immer Richtung Boden, damit die Kugel nicht unkontrollierbar weit fliegt. Außerdem versichere er sich mehrfach, ob wirklich niemand in der Nähe ist, der in Gefahr geraten könnte.

Aber eine gewisse Angst, dass doch jemand plötzlich auftaucht und verletzt werden könnte, sei immer da – gerade in der heutigen Zeit, in der so viele unterschiedliche Gruppen im Wald unterwegs sind.

Kreis Kassel: Jäger verärgt über „grob fahrlässiges Verhalten“ von Joggern und Spaziergängern

Auch „grob fahrlässiges Verhalten“, verärgert Norwig und seine Jägerkollegen immer öfter. „Wir haben es schon bei einer Treibjagd erlebt, dass plötzlich zwei Jogger direkt vor den Schützen herliefen. Unfassbar. Die haben alle Absperrungen und Hinweise ignoriert.“ Auf eine organisierte Treibjagd weisen Schilder hin oder die Bereiche sind abgesperrt, erklärt Norwig. „Es sind dann viele Jäger unterwegs, da sollte man als Spaziergänger oder Jogger dieses Gebiet auf keinen Fall betreten.“

Jäger Peter Hose aus Kassel spricht ebenfalls von schwierigeren Zeiten für sich und seine Kollegen. „Ich gehe seit 49 Jahren zur Jagd, früher war das Verhältnis zwischen den verschiedenen Parteien viel entspannter als heute.“ Dass die Polizei gerufen werde, komme nun öfter vor, außerdem Auseinandersetzungen mit Radfahrern oder Spaziergängern. „Ein Problem sind auch die Geocacher. Denn die sind auch abends und nachts mitten im Wald unterwegs, wenn man gar nicht damit rechnet.“

Nach Ärger im Kreis Kassel: Obere Jagdbehörde erklärt Sinn von Bewegungsjagden

„Seit Anfang Oktober finden wieder Bewegungsjagden in Hessens Wäldern statt“, erklärt Henrik Kalvelage, Pressesprecher des Regierungspräsidiums Kassel (RP) als Obere Jagdbehörde. „Dabei wird das Wild von Hunden und/oder menschlichen Treibern auf einer relativ großen Fläche in Bewegung gebracht, um effektiv und an wenigen Tagen den gesetzlich vorgeschriebenen Abschuss zu erfüllen.“

Das könne bei Erholungssuchenden für Irritationen sorgen – vor allem, wenn Wald und Feldbereiche abgesperrt sind, viele Jäger sich mit ihren Autos und Hunden verteilen und zahlreiche Schüsse zu hören sind. Gelegentlich werde auch die Polizei von aufgeregten Spaziergängern angerufen.

Diese Art der Jagd ist laut der Oberen Jagdbehörde jedoch notwendig, um den Wildbestand auf ein angepasstes Level zu bringen und so übermäßige Wildschäden in Forst- und Landwirtschaft zu verhindern.

Obere Jagdbehörde in Kassel klärt auf: Deshalb ist die Arbeit von Jägern wichtig

„Gerade die Trockenjahre, die Windwurf- und Borkenkäferschäden haben den Wäldern stark zugesetzt“, sagt Kalvelage. „Die jungen Pflanzen müssen nicht nur den immer extremeren Witterungseinflüssen standhalten, sondern sind auch einem starken Wildverbiss durch Hirsch und Reh ausgesetzt.“

Ebenso sei die Population der Wildschweine in Wald und Flur weiterhin so hoch, dass deren Bestandsregulierung eine große Herausforderung für die Jägerschaft darstelle. Nicht nur die Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen gelte es auch im Kreis Kassel abzumildern, sondern auch die herannahende Afrikanische Schweinepest.

„Diese für den Menschen ungefährliche Viruskrankheit ist für Wild- und Hausschweine absolut tödlich“, erklärt Kalvelage. „Hier gilt es, die Populationsdichte durch scharfe Bejagung zu reduzieren, um damit einen Beitrag zu leisten, potenzielle Ansteckungsmöglichkeiten zu verringern.“

Kreis Kassel: Diese Regeln gelten für eine sichere Jagd

Schon für die Einzeljagd gelten laut der Oberen Jagdbehörde strenge Sicherheitsbestimmungen. Sie werden für die Bewegungsjagd noch einmal verschärft. Die Vorbereitungen beginnen schon Wochen zuvor. Diese Regeln gelten:

  1. Die Schusswaffen dürfen nur während der tatsächlichen Jagd geladen sein und sind – unabhängig vom Ladezustand – immer in eine Richtung zu halten, in der niemand gefährdet werden kann.
  2. Auf der Pirsch oder auf dem Weg zum Hochsitz muss die Waffe gesichert sein, beim Transport im Auto ist die Waffe zu entladen.
  3. Ein Schuss darf ausschließlich dann abgegeben werden, wenn sich der Schütze vergewissert hat, dass ein Kugelfang – zum Beispiel von einem Ansitz herab in Richtung Boden – vorhanden ist. So wird verhindert, dass ein Schuss unkontrolliert ins Leere läuft.
  4. Der Jagdbereich muss an den Wald- und Feldwegen mit Warnschildern versehen werden. Polizei und Straßenmeistereien sind informiert, in einigen Fällen sind auch Straßen- und andere Verkehrswege gesperrt.
  5. Am Tag der Jagd werden alle Teilnehmer überprüft und auf ihre Stände verteilt. Alle haben Warnkleidung zu tragen und sich exakt an einen vorgegebenen Zeitrahmen zu halten, in welchem Schüsse abgegeben werden dürfen.
  6. Andere Waldnutzer sollen die abgesperrten Flächen nicht betreten. Das ansonsten geltende Betretungsrecht ist dann für die Bevölkerung eingeschränkt.

Jagen im Kreis Kassel: Das sagt die Polizei

Jäger im Kreis Kassel berichten auch immer wieder von Kontakten mit der Polizei durch Anrufe von verängstigten Spaziergängern. Wir haben nachgefragt, wie oft so etwas vorkommt und wie man sich als verunsicherter Bürger verhalten sollte.

Wie viele Meldungen bei der Polizei gibt es pro Jahr von Bürgern, die Schüsse gehört haben und deshalb verunsichert wurden?

„Pro Monat sind in diesem Jahr in ganz Nordhessen im Schnitt etwa drei bis vier Meldungen über Schüsse wegen Jagden bei der Polizei eingegangen“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. „Da solche Einsätze aber langfristig nicht statistisch erfasst werden, können wir keine Aussage zum Vergleich mit früheren Jahren treffen. Eine deutliche Zunahme von solchen Anrufen ist aber nach unserer Einschätzung nicht eingetreten.

Wie groß ist der Aufwand für die Beamten, dem dann nachzugehen?

Häufig informieren Jäger vorab die örtlich zuständige Polizeidienststelle über anstehende Jagden, insbesondere wenn diese in der Nähe von bewohnten oder publikumsträchtigen Orten stattfinden. So können Meldungen über Schüsse dann recht schnell der jeweiligen Jagd zugeordnet werden. In anderen Fällen führen Nachfragen bei den für das betreffende Gebiet zuständigen Jägern meistens zu einer Klärung. Nur selten muss die Polizei der Sache vor Ort auf den Grund gehen. Letztlich ist es die Aufgabe der Polizei, solchen Meldungen ungeachtet des Aufwandes nachzugehen.

Soll man immer bei der Polizei anrufen, wenn man Schüsse hört oder sich erst versuchen zu vergewissern, ob es sich um eine Jagd handelt?

„Den Bürgerinnen und Bürgern ist es grundsätzlich nicht zuzumuten, bei der Wahrnehmung von Schussgeräuschen eine abschließende Beurteilung treffen zu können. Insofern sollte bei Zweifeln immer die Polizei verständigt werden, damit am Ende wirklich ausgeschlossen werden kann, dass eine Gefahrensituation besteht“, sagt Mänz. (Theresa Novak)

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