Baunatalerin berichtet

Auf dem Motorrad: Mundartexpertin Ria Ahrend hat seit 70 Jahren den Führerschein

Stets am Steuer: Hans Ahrend überließ seiner Frau Ria fast immer das Lenkrad – auch in diesem Rennwagen, der 2005 für ein Familienfest vorgefahren war.
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Stets am Steuer: Hans Ahrend überließ seiner Frau Ria fast immer das Lenkrad – auch in diesem Rennwagen, der 2005 für ein Familienfest vorgefahren war.

Die Tante in Hertingshausen schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Mein Gott! Wenn da was passiert.“ Soeben war ihre gerade mal 16-jährige Nichte Ria Koch aus Großenritte auf einem Motorrad vorgefahren.

Baunatal – 1951 hatten nicht nur solche Zweiräder Seltenheitswert auf dem Dorf – ganz und gar exotisch war, dass ein junges Mädchen mit Zöpfen am Lenker saß. Hier jedoch hatte das einen Hintergrund: Kochs Vater verkaufte Motorräder, deshalb war das Interesse der Tochter daran früh geweckt. So kurvte sie bald ab und an mit einer Rixe, so hieß das Modell, durch die Gegend.

Diese Frau, die längst Ria Ahrend heißt, ist bis heute nicht zu bremsen. 70 Jahre liegt es nun zurück, dass sie die Fahrerlaubnis erhielt. Beim Ortspolizisten hatte sie einige Fragen beantworten müssen. Praktische Prüfung? Damals nicht nötig. Kostenpunkt? 20 Mark.

1953 kam der Autoführerschein dazu, diesmal allerdings musste die junge Frau ihre Fahrkünste in Gudensberg unter Beweis stellen. Seitdem ist sie nahezu unfallfrei unterwegs und wurde dafür 2011 sogar vom Kraftfahrtbundesamt ausgezeichnet. Im vorigen Jahr jedoch riss die Serie. „Eine Schramme an einem anderen Auto beim Ausparken“, erzählt Ahrend. Folge war das letzte von vier Strafmandaten während sieben Jahrzehnten.

Auf dem Bock: Ria Ahrend, die vor 70 Jahren den Motorrad-Führerschein erwarb, auf einer Aprilia Tuono 125 in der Ausstellung von Motorrad Koch.

Die 86-Jährige, seit langem in Altenritte zuhause, verfügt auch deshalb über viel Fahrpraxis, weil sie stets die Chauffeurin der Familie war. Bis nach Sizilien, Portugal und Jugoslawien gingen die Urlaubsreisen. Ehemann Hans, 2016 gestorben, überließ seiner Frau gern das Lenkrad. Und die Kinder bettelten: „Mutti fahr du, der Papa guckt sich jede Kirche an.“

Mit der Mama am Steuer ging es zügiger voran. Wobei Ria Ahrend versichert: „Ich bin nie gerast.“ Den grauen Lappen von 1951 hat sie bis heute. Er gilt, weil Ahrend vor 1953 geboren ist, bis 2033. Erst dann müsste sie ihn gegen eine Plastikkarte umtauschen.

Die 86-Jährige ist aber Realistin. „Wenn ich selbst merke, es geht nicht mehr, dann gebe ich den Führerschein ab“, sagt sie. Sie traue sich zu, diesen Zeitpunkt zu erkennen: „Dann ist Schluss.“

Ahrend verstand es schon immer, Dinge abzuhaken und in schöne Erinnerungen umzuwandeln. Sechs Jahre verkörperte sie in der Öffentlichkeit die Grimmsche Märchenfrau Dorothea Viehmann, mit der sie sogar verwandt ist. Vier Jahre spielte sie in der Seniorenklasse des Kasseler Staatstheaters. Sie veröffentlichte sechs Bücher, hielt Vorträge und trat mit Sketchen auf Platt auf. Aktuell hofft Ahrend, Nachfolger für die Leitung des Baunataler Literaturcafés und des Mundarttreffs zu finden, die sie seit 16 beziehungsweise vier Jahren organisiert.

Grauer Lappen: Zum Motorrad-Führerschein von Ria Koch, wie sie damals noch hieß, kam 1953 die Auto-Fahrerlaubnis hinzu. Das Dokument ist noch gültig.

Es bleiben Film- und Fotobeiträge für den Offenen Kanal Kassel – über 800 waren es seit 1994. Ahrend hofft zudem, dass sie nach Corona wieder auf Reisen gehen kann, eine ihrer vielen Leidenschaften.

Motorradfahren ist für sie schon lange Geschichte. Ende der 50er-Jahre, als ihr Mann und sie eine Druckerei aufbauten, kam ein Opel vors Haus. Und wenig später ein VW, weil die jungen Unternehmer häufig für das neue Werk in Altenbauna arbeiteten – „da konnten wir doch nicht mit einem fremden Auto vorfahren“. Fürs Zeitungsfoto erklomm die Seniorin nun nochmals ein Motorrad und scherzte mit Marcus Schroer: „Ich werde aber keines mehr bei Ihnen kaufen.“ Schroer übernahm 2007 die Großenritter Firma von Ahrends Familie. Der Betrieb heißt bis heute „Motorrad Koch“. (Ingrid Jünemann)

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