Vereine haben hunderte Kinder auf Wartelisten

Nichtschwimmer bleiben zurück

Wartet bereits mit Schwimmnudeln im Sportbad: Andrea Göbel von der Schwimmschule Baunatal hofft darauf, ab nächster Woche wenigstens einige wenige Kinder zum Seepferdchen führen zu können.
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Wartet bereits mit Schwimmnudeln im Sportbad: Andrea Göbel von der Schwimmschule Baunatal hofft darauf, ab nächster Woche wenigstens einige wenige Kinder zum Seepferdchen führen zu können.

Bekommen wir durch Corona eine Generation von Nichtschwimmern? Steigen durch den Wegfall von Schwimmkursen die Gefahren für junge Menschen an Seen, in Bädern und am Meer? Diese Befürchtung haben zumindest die Schwimmschulen.

Baunatal - Die Schwimmschulen gehen davon aus, dass in Hessen allein 10 000 Kinder auf Wartelisten für einen Schwimmkurs stehen. Auch der KSV Baunatal hat laut Schwimmschulleiterin Andrea Göbel schon seit Pandemie-Beginn 2020 „eine Endloswarteliste“. Und die Bäder in Baunatal sind wegen Corona für Schwimmunterricht immer noch geschlossen. Im Sportbad dürfen derzeit lediglich Kaderschwimmer, Rettungsschwimmer und Triathlonprofis trainieren. Schwimmunterricht gibt es noch nicht.

Schon vor Corona habe sie Interessenten gehabt, die seit anderthalb Jahren auf ein Kursangebot warteten, berichtet Andrea Göbel. Während des Lockdowns habe sich die Warteliste der KSV-Schwimmschule „Happy Day“ mit über 450 Jungen und Mädchen gefüllt.

Göbel spricht von düsteren Aussichten für Nichtschwimmer. Ihrer Berechnung nach brauche sie neun Jahre, um die Liste überhaupt abarbeiten zu können. „Es geht nicht nur um eine Generation. Es sind mindestens zwei bis drei Jahrgänge.“

Das Einzugsgebiet des größten Sportvereins in Nordhessen mit über 7000 Mitgliedern ist riesig. Laut Göbel kommen die Eltern mit ihren Kindern nicht nur aus der näheren Umgebung – wie etwa Baunatal, Schauenburg und Edermünde. „50 Prozent kommen aus Kassel“, sagt die Leiterin. „Aus den Stadtteilen Brasselsberg und Wilhelmshöhe hatten wir ganze Kindergruppen.“ Aber auch aus entfernter gelegenen Kommunen wie Großalmerode, Niestetal und Homberg kämen Schüler.

„Ich persönlich finde: Jedes Kind muss schwimmen lernen“, sagt die vom Deutschen Schwimmverband (DSV) zertifizierte Schwimmlehrerin. Besonders wichtig sei ihr der Kontakt zu den Eltern. „Ich kenne jedes Elternteil.“ Außerdem kümmere sie sich persönlich um die Ausbildung von jedem einzelnen Schwimmlehrer. „Wir machen uns sehr viele Gedanken.“

Das funktionierende System in Baunatal mit drei Bädern – Sportbad, Freizeitbad sowie einem Becken in der Baunataler Diakonie Kassel – sei von Corona ausgebremst worden, betont die 51-Jährige weiter. Nach dem Lockdown im November, wo alles geschlossen wurde, habe sie lediglich Ende April für zwei Wochen mit 24 Kindern fürs Seepferdchen üben können – immer ein Schwimmlehrer mit zwei Kindern auf einer Bahn. Jetzt hoffe sie, zumindest die Ausbildung mit diesen Kindern ab kommender Woche fortsetzen zu können.

Ganz besonders vom Schwimmstopp betroffen sind laut Göbel die Jüngsten. Üblicherweise bietet der KSV in seine Kindersportschule (KISS) für Jungen und Mädchen ab dem Alter von sechs Monaten Schwimmkurse an. „Da sind die Eltern dabei.“ Im Schnitt gebe es Plätze für 40 bis 50 Kinder pro Jahr. Göbel bringt die schwierige Corona-Situation auf den Punkt: „Da stehen Kinder auf der Warteliste, die kriegen nie einen Platz.“

Gunnar Ranft von der DLRG-nahen „Schwimmschule Baunatal“ schildert die Gesamtsituation ähnlich. Ranft spricht sogar von 1000 Kindern auf der Warteliste der Schule.

Eine Rückkehr in die Bäder hält der Leiter erst für sinnvoll, wenn kein Mindestabstand zwischen Schwimmlehrer und Schüler mehr eingehalten werden müsse. Es komme schließlich vor, „dass ein Kind kurzzeitig untergeht“, sagt Ranft. „Da muss man es wieder hochholen können.“

Im Schnitt bietet die Schwimmschule 300 bis 350 Kindern pro Jahr eine Schwimmausbildung. Auch Ranft sieht kaum eine Chance, die verlorenen Einheiten aufholen zu können. „Ein Jahrgang bleibt sicherlich auf der Strecke.“

Der Vorsitzende der Schwimmschule Baunatal und Schwimmausbilder hat dennoch Hoffnung, dass es mit sinkenden Inzidenzen bald wieder losgeht. Es gebe bereits Gebiete in Deutschland, in denen normaler Unterricht wieder möglich ist. „Darauf warten wir.“ (Sven Kühling)

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