Azubi Tobias Hölle ist taub

Ohne Gehör durchs riesige VW-Lager in Baunatal

Ein eingespieltes Team: Tobias Hölle muss täglich mit Ausbilderin Natalie Küster kommunizieren. Die hat sich einige Gebärden schon angeeignet. Außerdem liest Tobias Worte vom Mund Küsters ab. Den Gabelstaplerführerschein hat der Auszubildende bereits bei VW gemacht. Weil er teilweise vom Mund des Gesprächspartners ablesen muss, dürfen beide bei ausreichend Abstand ohne Masken miteinander sprechen.
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Ein eingespieltes Team: Tobias Hölle muss täglich mit Ausbilderin Natalie Küster kommunizieren. Die hat sich einige Gebärden schon angeeignet. Außerdem liest Tobias Worte vom Mund Küsters ab. Den Gabelstaplerführerschein hat der Auszubildende bereits bei VW gemacht. Weil er teilweise vom Mund des Gesprächspartners ablesen muss, dürfen beide bei ausreichend Abstand ohne Masken miteinander sprechen.

Wenn auf Tobias Hölle von hinten aus einem Gang ein Gabelstapler zurollt, dann kann er diesen nicht hören – er ist taub. Dennoch nimmt er die Gefahr wahr.

Baunatal/Kassel – Denn er hört das Fahrzeug quasi über die Füße, über die Vibration im ganzen Köper. Tobias Hölle ist komplett gehörlos. Trotz dieser Einschränkung absolviert der 25-Jährige aus Kassel eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik im VW-Werk in Baunatal. Und ist dort bereits im zweiten Lehrjahr.

Zurück zu der Gefahrensituationen: „Er fühlt das“, sagt Ausbilderin Natalie Küster zu dem Beispiel mit dem Gabelstapler. „Über die Vibration im Boden“, ergänzt Tobias, dessen Worte für das Gespräch mit der HNA von Alina Schädel per Gebärdensprache gedolmetscht werden. Schädel gehört zur Fuldabrücker Firma Schwabeland. Die ist häufiger für VW in Baunatal tätig, wenn es um das Dolmetschen per Gebärdensprache geht. Auch wenn Tobias Hölle in seiner Ausbildung beispielsweise etwas Neues erlernt, dann komme sie hinzu, erläutert Schädel.

Zwar hat sich Ausbilderin Natalie Küster schon einige Gebärden angeeignet, dennoch geht es teilweise nur mit einer Mischung aus Gebärden Gesten und per Nachricht aufs Handy. Vielleicht mache ich auch mal einen Kurs für Gebärdensprache“, sagt Küster. Und außerdem kann Tobias ja zudem viele Dinge vom Mund eines Gesprächspartners ablesen. So funktioniert das in der alltäglichen Arbeit sehr gut. Überhaupt: Ausbilderin und Lehrling sind ein eingespieltes Team. Das merkt ein Außenstehender nach wenigen Minuten. „Er sieht an meinem Blick, wenn ich etwas nicht verstehe“, so Küster.

Dennoch: Die Ausbilderin muss letztendlich auch Gefahren beurteilen, die für den Gehörlosen in dem riesigen Original-Teile-Center (OTC) von VW mit Millionen von Ersatzteilen lauern könnten. „Ich bin in der Verantwortung, wenn etwas passiert“, sagt sie. So dürfe sie Tobias Hölle beispielsweise nicht in den Wareneingang zwischen die Gitterboxern stellen, betont Küster. „Und auch nicht dahin, wo viel Verkehr herrscht. Oder an die Rampe neben den Bahnschienen.“

Jens Dembowski, Leiter der VW-Akademie in Baunatal, ist jedenfalls begeistert von der Leistung des 25-Jährigen. Er unterstreicht, dass Hölle über ein ganz normales Auswahlverfahren in die Ausbildung bei Volkswagen gelangt sei, „nicht weil er gehörlos ist, sondern weil er gut ist“.

Trotz der vielen positiven Aspekte, sagt Hölle, habe er sich am Anfang gedacht, „hoffentlich klappt das gut. Auch bei privaten Treffen in einer Gruppe mit anderen Azubis habe er sich erst mal zurechtfinden müssen.

Dolmetscht per Gebärdensprache: Alina Schädel hilft Tobias Hölle, wenn er beispielsweise in eine neue Abteilung kommt.

Corona hat die Situation insgesamt verschärft. Laut Küster und Schädel behindert die Maske der Gesprächspartner beim Mundablesen. Normalerweise könnten Gehörlose etwa 30 Prozent der Worte bei Hörenden von deren Mündern ablesen, ergänzt Hölle. Einen Vorteil des Maskentragens nennt er dann aber noch. Die Hörenden würden dadurch beim Sprechen mehr Gesten verwenden. „Das hilft.“

Tobias Hölle zeigt jedenfalls, wie sich eine Fachkraft trotz Handicaps stetig weiterentwickeln kann. „Nach der Ausbildung will ich noch studieren“, sagt er selbstbewusst. Lediglich die Fachrichtung sei ihm noch nicht so ganz klar. (Sven Kühling)

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