Existenzängste in Baunatal

Praxis in Hertingshausen bleibt offen: Mediziner wehrt sich gegen Gerüchte

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Hoffen, dass wieder mehr Patienten in die Praxis in Hertingshausen kommen: Yvonne Naumann, Allgemeinmediziner Dr. Dirk Naumann und der Kasseler Arzt Dr. Yaseen Mohammad, bei dem Naumann inzwischen halbtags arbeitet.

Gerüchte machen dem Baunataler Arzt Dr. Dirk Naumann das Leben schwer. Angeblich schließe er seine Praxis in Hertingshausen, heißt es. Patienten laufen ihm weg. Nun wehrt er sich mit einem Plakat.

Weil sich in Hertingshausen hartnäckig Gerüchte um eine Schließung seiner Praxis halten, muss Allgemeinmediziner Dr. Dirk Naumann inzwischen tatsächlich um seine berufliche Existenz im Baunataler Stadtteil fürchten. Ihm laufen die Patienten weg. Ans Aufhören denkt der gebürtige Hannoveraner – seit 1999 in Hertingshausen – mit 53 Jahren aber noch lange nicht.

Seine Misere begann im Herbst 2017. Damals bekam Naumanns Frau Yvonne die Diagnose MS (Multiple Sklerose), die das Leben der Familie von heute auf morgen auf den Kopf stellte. Um für seine Frau da zu sein und sich um die fünf gemeinsamen Kinder im Alter zwischen zwei und elf Jahren zu kümmern, schloss Naumann seine Praxis an der Großenritter Straße für sieben Wochen. Anschließend behandelte er seine Patienten bis Januar 2018 nach Terminabsprache, seitdem hat Naumann reduzierte Öffnungszeiten – an zwei Vor- und zwei Nachmittagen. Seit Herbst 2017 habe sich rund die Hälfte seiner Patienten einen neuen Hausarzt gesucht.

Gerüchte seien "frei erfunden"

Die Gründe hierfür sieht Naumann in den Gerüchten, die in Hertingshausen die Runde machen – vornehmlich über eine baldige Schließung seiner Praxis, aber auch über die Krankheit seiner Frau und bezüglich angeblicher medizinischer Verfehlungen Naumanns. „Ich habe schon vieles gehört“, sagt Yvonne Naumann. „Unter anderem, dass ich Krebs und nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte.“ Über Dirk Naumann würde erzählt, dass er schon mit einem Bein im Gefängnis stehe, weil er Patienten falsch behandelt habe. „Frei erfunden“, sagt der Arzt. Er habe sogar schon Angebote für sein Haus bekommen, wenn er es denn bald nicht mehr brauche.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

„Am Anfang habe ich über die Gerüchte gelacht“, sagt er. „Mittlerweile könnte ich heulen.“ Die Gerüchte aus der Welt zu schaffen sei schwer, wenn sie sich einmal verselbstständigt hätten. „Man kann sich nicht dagegen wehren.“ Im Dezember hat Naumann noch mal einen Versuch unternommen und ein Plakat vor seiner Praxis angebracht. „Dein Arzt... auch 2019! Und darüber hinaus“, heißt es darauf. Immer wieder würde es nachts umgedreht, sodass es nicht mehr lesbar ist. „Ich dachte erst, es sei der Wind“, sagt Naumann. 

Weil er nicht mehr genug Patienten hat, um finanziell für seine Familie zu sorgen, hat Naumann vor einem Jahr einen Zweitjob im Kasseler Medical Center von Dr. Yaseen Mohammad an der Holländischen Straße in Kassel angenommen. Hier könnte er, wenn es nach Mohammad ginge, auch in Vollzeit arbeiten. „Alle Patienten sind zufrieden mit Dr. Naumann.“ Doch Naumann will in Hertingshausen bleiben. „Wir sind hier zuhause.“ Und er will diejenigen, die ihm die Treue gehalten haben, nicht im Stich lassen. „Aber wenn noch mehr Patienten abspringen“, sagt seine Frau Yvonne, „dann geht es einfach nicht mehr“.

Naumann ist der einzige praktizierende Allgemeinmediziner in Hertingshausen. Sollte er seine Praxis schließen, gäbe es gar keinen Arzt mehr in dem Baunataler Stadtteil.

Allgemeinmediziner in Baunatal. Um die ganze Grafik zu sehen, klicken Sie auf den Pfeil rechts oben.

Ärztemangel im Landkreis Kassel

Seit Jahren gibt es einen Ärzteschwund auf dem Land. Im Landkreis Kassel gibt es Versorgungsengpässe bei Allgemeinmedizinern in Espenau, Helsa, Lohfelden, Niestetal, Naumburg, Trendelburg, Wahlsburg und Calden. Auch wenn die Situation in Baunatal noch nicht kritisch ist, zeichnen sich auch dort Nachfolgeprobleme ab. Grund dafür ist das hohe Durchschnittsalter der Hausärzte, das vielerorts bei 60 Jahren und höher liegt. 2030 könnten nach Prognosen der Kassenärztlichen Vereinigung bis zu 60 Ärzte im Landkreis Kassel fehlen.

2030 könnten 60 Ärzte im Kreis Kassel: Sterben Hausärzte aus? Mediziner sieht schwarz für Kreis Kassel

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