Nach Bestandsaufnahme

Rillenplatten für Blinde in Baunatal zeigen in falsche Richtung - Stadt: Kein Planungsfehler

Rillenplatten an der Friedrich-Ebert-Allee in Baunatal auf Höhe des Parkstadions: Sehbehinderte würden, allein den Rillenplatten folgend, auf die Straße geleitet und nicht in Richtung des gegenüberliegenden Bürgersteigs – „das ist natürlich fatal“, sagt Bauamtsleiter Hartmut Wicke. Deshalb sollen alle barrierefreien Bordsteinabsenkungen, die nicht der geltenden Norm entsprechend, noch einmal überprüft werden.
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Rillenplatten an der Friedrich-Ebert-Allee in Baunatal auf Höhe des Parkstadions: Sehbehinderte würden, allein den Rillenplatten folgend, auf die Straße geleitet und nicht in Richtung des gegenüberliegenden Bürgersteigs – „das ist natürlich fatal“, sagt Bauamtsleiter Hartmut Wicke. Deshalb sollen alle barrierefreien Bordsteinabsenkungen, die nicht der geltenden Norm entsprechend, noch einmal überprüft werden.

Vor einem Jahr wurde in Baunatal Kritik laut: Die CDU beklagte, dass an mehreren Stellen Rillenplatten falsch verlegt worden sein sollen. Nun gibt die Stadt ihre Ergebnisse bekannt.

Baunatal – Rillenplatten dienen Menschen mit einer Sehbehinderung als Orientierung – an einigen Stellen in Baunatal jedoch zeigten die Rillen, denen Blinde mit ihrem Stock folgen, nicht in Richtung des gegenüberliegenden Bürgersteigs, sondern führten sie direkt auf die Straße.

Nun hat die Stadt Baunatal die barrierefreien Übergänge auf den Prüfstand gestellt und fand heraus: Einige Rillenplatten entsprechen tatsächlich nicht der aktuellen DIN-Norm. Von insgesamt 566 Fahrbahnabsenkungen weichen laut Erstem Stadtrat Daniel Jung 206 ab – also etwa ein Drittel, wie eine Bestandsaufnahme gezeigt habe.

Jung erklärt, wie es dazu kommen konnte: Die Stadt habe bereits 2006 mit dem barrierefreien Ausbau im Stadtgebiet angefangen. Damals habe es noch keine DIN-Norm für die Verlegung von Rillenplatten gegeben. Sie hätten vor 15 Jahren lediglich als Markierung dafür gedient, dass der sichere Gehwegbereich nun endet. Das bestätigt Hartmut Wicke vom Leitungsteam des Bauamts. Die DIN-Norm für sogenannte Bodenindikatoren im öffentlichen Raum gebe es erst seit 2011. „Es handelt sich also nicht um einen Planungsfehler“, sagt der Erste Stadtrat.

Die Stadt habe beim Hessischen Städte- und Gemeindebund angefragt, erklärt Jung, und demnach besäßen die verlegten Rillenplatten Bestandsschutz und müssten nicht ausgetauscht werden. Er betont auch, dass dazu weder Beschwerden noch Unfallanzeigen bei der Stadt eingegangen seien. „Wir wollen aber ja immer besser werden“, sagt Jung.

An dieser Stelle führen die Rillenplatten direkt Richtung Verkehrsinsel – so, wie es sein sollte. Laut Bauamtsleiter Hartmut Wicke ist die Stelle aber insofern nicht optimal, dass sich zwischen Fahrbahn und abgesenktem Bordstein Wasser sammelt.

Deshalb werde ab dem Frühling anhand der Bestandsaufnahme eine Priorisierung vorgenommen, bei der der Behindertenbeirat, der Blindenbund und die Arbeitsgemeinschaft Barrierefreies Bauen miteinbezogen werden sollen. Das heißt: Alle barrierefreien Stadtorte würden noch einmal überprüft, um abzuwägen, ob dort eine bauliche Veränderung nötig und sinnvoll ist.

Bei der Bestandsaufnahme im vergangenen Jahr habe es Ortstermine gegeben, bei denen Helmut Ernst vom Hessischen Blinden- und Sehbehindertenverband dabei war. Ihm zufolge zögen sehbehinderte Menschen bei der Orientierung im öffentlichen Raum eine Vielzahl an Merkmalen heran: Rillenplatten allein dienten demnach nicht als Richtungsweiser, zumal sie beispielsweise durch Laub oder Schnee nicht ganzjährig zur Verfügung stehen. Auch die Akustik oder die Bitte um Hilfe dienten als Orientierung. Menschen mit einer Sehbehinderung sind an neuen Stellen immer besonders vorsichtig, fügt der Bürger- und Behindertenbeauftragte Heinz Kaiser hinzu.

Unterschiedliche Anforderungen an Bordsteinabsenkungen

Beim barrierefreien Ausbau neuer Bereiche wird in Baunatal stets darauf geachtet, dass sie den DIN-Normen entsprechen, berichtet der Erste Stadtrat Daniel Jung. Ein Problem sei allerdings immer, dass von verschiedenen Personen unterschiedliche Anforderungen an Bordsteinabsenkungen gestellt würden: Radfahrer, Rollstuhlfahrer und die Nutzer von Rollatoren bevorzugten meist eine Nullabsenkung.

Für sehbehinderte und blinde Menschen hingegen sei eine höhere Bordsteinkante von sechs Zentimetern optimal, um sich orientieren zu können. Der Tiefbau hingegen favorisiere eine Kante von mindestens einem Zentimeter, damit Wasser gut ablaufen kann und sich nicht am barrierefreien Übergang staut. Das könne wiederum zu einer Gefahr werden, sobald das Wasser am Übergang gefriert und somit Rutschgefahr besteht.

Das ist die DIN-Norm für Rillenplatten und andere Bodenindikatoren

Die DIN-Norm ist ein freiwilliger Standard – sie basiert auf den Ergebnissen von Wissenschaft, Technik sowie Erfahrung und dient der Allgemeinheit. Am geläufigsten ist die DIN-Norm bei Papierformaten wie etwa DIN-A4. „DIN“ steht für „Deutsches Institut für Normung“.

Die DIN-Norm 32984 (2020-12) aus dem Jahr 2011 bezieht sich auf die Bodenindikatoren im öffentlichen Raum, also auch auf die sogenannten Rillenplatten. „Bodenindikatoren sind dort einzusetzen, wo andere Markierungen durch sonstige taktil und visuell klar erkennbare Leitelemente oder Leitlinien für die Leitung, Orientierung und Warnung nicht ausreichen oder fehlen“, heißt es auf der Internetseite nullbarriere.de, die Tipps zum barrierefreien Bauen gibt. Die genaue Form der Bodenindikatoren sei zweitrangig – bedeutend sei nur, dass Sehbehinderte und Blinde mithilfe ihres Blindenstockes auf sie aufmerksam wird.

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