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„Besonders Klimakrise bewegt uns“: Schulsprecher Florian Reinhardt über die Sorgen seiner Generation

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Von: Josefin Schröder

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Vertritt die Interessen der Theodor-Heuss-Schüler: Schulsprecher Florian Reinhardt aus Baunatal.
Vertritt die Interessen der Theodor-Heuss-Schüler: Schulsprecher Florian Reinhardt aus Baunatal. © Josefin Schröder

Coronakrise, Klimakrise, Energiekrise und Krieg. Unbekümmert Erwachsenwerden ist für Jugendliche in der aktuellen Weltlage kaum möglich. Schulsprecher Florian Reinhardt spricht im Interview darüber, dass die Ausnahme fast schon Normalität geworden ist.

Baunatal – Wie geht es jungen Menschen gerade? Was macht ihnen Angst, was gibt Hoffnung, wo haben sie Nachholbedarf und wie gut bereitet sie Schule auf das Leben vor? Der 15-jährige Florian Reinhardt ist Schulsprecher an der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal und gibt einen Einblick, was seine Generation bewegt.

Was erhoffen sich du und deine Mitschüler von 2023?

Natürlich hoffen wir, dass 2023 ein normales Jahr wird. Wenn wir aber die aktuelle Situation angucken, wissen wir auch, dass es möglich ist, dass es wieder ein Ausnahmejahr wird. Und manchmal hat man schon das Gefühl, dass die Ausnahme durch die vielen Krisen zur Normalität geworden ist.

Inwieweit beeinflusst die Pandemie immer noch euer Leben und den Schulalltag?

Eigentlich gibt es keine Einschränkungen mehr. Vor den Weihnachtsferien haben wir schon gemerkt, dass viele Schüler und Lehrer krank waren. Aber sonst prägt Corona den Schulalltag nicht mehr. Die Umstellung auf den Online-Unterricht hat die Digitalisierung zum Teil vorangebracht.

Wo hakt es deiner Meinung nach bei der Digitalisierung an Schulen?

Vieles ist durch Corona vorangegangen. Zum Beispiel haben wir jetzt alle ein Konto bei Microsoft Teams und können damit untereinander und mit den Lehrern kommunizieren. Aber die Digitalisierung hakt wirklich an einigen Stellen. Das Internet und das WLAN, was wir hier an der Schule haben, ist eine Katastrophe. Man kann sich nicht darauf verlassen. Während der Coronazeit hatten wir ein gutes System. Wir hatten zum Beispiel Online-Unterricht analog zum Stundenplan, von morgens bis nachmittags. Das hatten andere Schulen nicht. Da wurden teilweise Aufgaben geschickt und die Schüler mussten sich selbst organisieren.

In welchen Bereichen gibt es den größten Nachholbedarf nach den Pandemiejahren?

Durch den Heimunterricht ist es zu großen Lernrückständen gekommen. Das Problem ist eben auch, dass die Jugendlichen zuhause unterschiedliche Unterstützung erfahren und Möglichkeiten haben zu lernen. Dadurch hat sich ziemlich viel angestaut, was aufgeholt werden muss. Aber es hat auch seelische Auswirkungen, was vielleicht noch schlimmer ist. Für viele Schüler war es eine sehr schwere Zeit, in der sie auf ihre sozialen Kontakte verzichten mussten und sich nicht austauschen konnten, keinen Kontakt zu Freunden hatten und durch die Ausgangssperren regelrecht eingeengt waren. Ich denke, das hat viel mit uns gemacht und uns nachhaltig geprägt.

Klimawandel, Krieg und Krisen: Wie optimistisch blickt deine Generation auf die Welt?

Besonders die Klimakrise bewegt viele Jugendliche. Denn wir sind ja noch jung und haben noch eine lange Zeit, die wir hier auf der Welt verbringen werden. Man sieht es an Klimaprotesten, die nicht nur, aber vor allem von uns jungen Leuten ausgehen, weil wir direkt betroffen sind. Da macht man sich schon große Sorgen und fragt sich: Wie soll das weitergehen? Manche haben auch richtige Zukunftsängste. Es ist schon eine schwierige Lage.

Seht ihr euch als Teil der Lösung bei den Krisen oder stellt sich ein Gefühl der Resignation ein?

Ich weiß nicht, ob man das pauschal beantworten kann. Ich glaube, es gibt verschiedene Gruppen von Jugendlichen. Die einen, die sich hilflos fühlen und merken, dass man ihnen vielleicht nicht ganz zuhört. Zumindest haben viele das Gefühl, dass man nicht auf sie eingeht. Aber es gibt auch andere, die versuchen, die Situation so hinzunehmen und das zu ändern, was möglich ist.

Wie steht ihr zu den Klimaaktivisten der letzten Generation?

Das kann ich nur für mich persönlich beantworten. Ich bin der Meinung, dass Recht und Gesetz in einem Rechtsstaat für alle gilt und dass es keine Ausnahmeregelungen gibt, auch nicht für Klimaaktivisten. Ich finde es unmöglich, was für eine Gewalt von den Aktivisten angewandt wird. Das Anliegen finde ich sehr wichtig und kann verstehen, dass man das zeigen will. Aber in einer Demokratie sollte man durch friedlichen Protest seine Meinung zeigen und nicht mit Gewalt. Und dass man Gemälde mit Kartoffelbrei bewirft, finde ich nicht in Ordnung. Ich bin gegen diese Radikalität. Ich bin dafür, dass man das Problem anspricht und sich dafür einsetzt. Aber auf einer friedlichen Basis.

Was befürchtet ihr durch die steigenden Preise und die Inflation?

Man merkt es bei uns in der Cafeteria in der Schule. Die Preise für belegte Brötchen haben sich zum Beispiel im letzten Jahr um 50 Prozent erhöht. Ich habe mitbekommen, dass sich mehrere Schüler manche Sachen in der Cafeteria nicht mehr so gut leisten können. Ich finde es ungerecht, dass sich das manche nicht mehr leisten können, weil es zu teuer ist. Auch auf die Preise von Klassenfahrten wirkt es sich aus. Natürlich müssen wir alle zurückstecken. Grenzwertig ist es, wenn sich Jugendliche dadurch ausgegrenzt fühlen oder tatsächlich ausgegrenzt werden.

Bald könnte der Konsum und Besitz von Cannabis im begrenzten Umfang legalisiert werden. Beschäftigt euch das?

Ja, darüber haben wir im Politik- und Wirtschaftsunterricht gesprochen und Pro-und Contralisten ausgearbeitet. Das Thema beschäftigt uns auf jeden Fall, aber da gehen die Meinungen auseinander. Ich kriege schon mit, dass viele Jugendliche die Legalisierung als positiv bewerten.

Was macht der Ukraine-Krieg mit euch Schülern?

Für uns war es ein Schock, als dieser Krieg ausgebrochen ist. Auch im Unterricht wurde darüber gesprochen. Viele Schüler haben Angst, weil es eben ein Krieg ist, der auch global große Auswirkungen hat. Wir merken es an unserer Schule und den ukrainischen Schülern, die integriert werden müssen. Manchmal gibt es da Konflikte zwischen ukrainischen und anderen Schülern.

Fühlt ihr euch gut auf die Zeit nach der Schule vorbereitet?

Wir kriegen hier das Grundgerüst mit. Dann haben wir selbst die Möglichkeit, uns unseren Weg zu suchen. Durch die Pandemie fühlen sich manche wahrscheinlich schon abgehängt und resignieren. Die wurden in der Zeit ein bisschen allein gelassen, finde ich. Da sind Lernrückstände entstanden, die dann natürlich auch Auswirkungen darauf haben, was man danach macht. Manche wollen vielleicht ein Schuljahr lieber wiederholen oder ändern ihre Pläne noch mal, was die weitere Schulzeit und das Danach angeht.

Wie lebensnah sind die Inhalte, die an Schulen vermittelt werden?

Das ist eine interessante Frage. Es kommt darauf an, was man später machen will. Ich würde aber sagen, dass der Unterricht in vielen Fächern schon sehr theoretisch ist und dass wir Schüler vieles von dem, was wir in der Schule lernen, im realen Leben weniger brauchen. Zum Beispiel Gedichtsanalysen oder wie viel Protonen sich im Kern eines Elements befinden. Bei manchem werden wir sicherlich später sehr froh sein, dass wir es in der Schule gelernt haben. Jeder führt ein anderes Leben, aber alle gehen zunächst in dieselbe Schule mit ähnlichen Fächern. Das hat Vor- und Nachteile. Die Chancengleichheit wird erhöht, aber man muss sich auch mit Sachen beschäftigen, die für einen selbst nicht ganz so relevant sind.

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