Polizisten, Weicheier und die Pandemie

Star-Autor Fitzek über Corona: „Wir stecken alle in einem Real-Time-Thriller“

Autor Sebastian Fitzek in Baunatal
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Star-Autor Sebastian Fitzek in Baunatal

Seine Bücher verkaufen sich millionenfach. Sebastian Fitzek ist der Star unter den Autoren des gepflegten Thrillers. Jetzt bekam er in Baunatal den GdP-Stern verliehen.

Im Interview spricht Sebastian Fitzek über die Polizeiarbeit, Musik zu seinen Büchern und die Auszeichnung der Gewerkschaft der Polizei, die er kürzlich gemeinsam mit dem Journalisten Jan Fleischhauer in Baunatal (Kreis Kassel) erhalten hat.

Herr Fitzek, Sie haben einen Preis von der Polizeigewerkschaft bekommen. Was bedeutet er Ihnen?
Ich hab ja bisher gar nicht so viele Preise in meinem Leben bekommen. Deshalb finde ich das per se schon mal toll, ausgezeichnet worden zu sein. Und es ist wie immer im Leben: Die unerwarteten Dinge sind immer die Schönsten. Damit habe ich nun gar nicht gerechnet – aus zweierlei Gründen: Zum einen hatte ich die Auszeichnung nicht so auf dem Schirm, auch wenn ich mich dunkel daran erinnert habe, dass meine liebe Autorenkollegin Nele Neuhaus schon einmal Preisträgerin war. Zum anderen schätze und respektiere ich zwar die Polizeiarbeit, aber in meinen Büchern habe ich ja selten professionelle Ermittler im Fokus.
Woran liegt das?
Das liegt daran, dass ich Thriller schreibe und keine Krimis. Im Krimi haben wir eine klassische Ermittlerfigur, die der Frage nachgeht, wer die Tat begangen hat. Im Thriller steht die Frage im Mittelpunkt: Wie würde ich mich entscheiden? Dafür lasse ich gern den Ottonormalverbraucher ins kalte Wasser springen. Die Polizei steht da nur helfend zur Seite. Deshalb fühle ich mich durch die Auszeichnung umso mehr geehrt.
Nele Neuhaus lässt sich von der Polizei beraten. Wie ist das bei Ihnen?
Ich habe bisher persönliche Kontakte genutzt. Mein Tourmanager Christian Meyer zum Beispiel hat früher bei der Polizei gearbeitet und mir auch Kontakte vermittelt. Der Bruder meiner Lebensgefährtin ist im Saarland bei der Kriminalpolizei. Außerdem ist ein Freund von mir Rechtsmediziner, der somit auch viel mit der Polizei zu tun hat. Da kann ich also einfach mal zum Hörer greifen oder eine Mail schreiben und zum Beispiel fragen, wie man selbstbeigebrachte Verletzungen von Fremdeinwirkungen unterscheiden kann. Nele Neuhaus wird aber noch mehr Detailfragen an die Polizei haben, weil sie eben feste Ermittler hat.
Holen Sie sich auch Ideen vom Rechtsmediziner, weil Sie sich denken: Manchmal ist die Realität ja auch schlimmer als das, was ich mir ausdenken könnte?
Dass die Realität schlimmer ist, kann ich sofort bezeugen – vor allem, weil sie zufälliger ist. Das ist der Grund, warum wir Kriminalliteratur lesen: weil wir da die Möglichkeit haben, in die Motivation der einzelnen Figuren einzutauchen. Das bleibt uns in der Medienwelt häufig verborgen, wenn wir nur die Schlagzeilen hinter einem Fall sehen. Manches ist dann so unerklärlich, wenn zum Beispiel – was in Berlin schon vorgekommen ist – jemand vor die U-Bahn geschubst oder ein Obdachloser angezündet wird. Als Autor habe ich die Möglichkeit, die Frage des Warums zu stellen.
Sie haben mal gesagt, dass Thrillerautoren in der Regel Weicheier sind. Trifft das auch auf Sie zu?
Ich wäre kein guter Polizist geworden, weil ich eher ein Weichei bin. Ich habe das gemerkt, als ich das erste Mal bei einer Obduktion einer Leiche dabei sein durfte. Auf einmal stand ich vor der Leiche und habe gedacht: Oh, das ist aber eine sehr realistische Babypuppe, die dort liegt. Bis mir klar wurde, dass es keine Puppe, sondern ein totes Kind war. Das hat mich ziemlich erschüttert. Und das ist keine gute Voraussetzung, um Ermittler zu werden.
Wissen Sie als „eher Weichei“ die Polizeiarbeit noch mehr zu schätzen?
Auf alle Fälle. Deshalb kann ich Respektlosigkeit vor Polizisten oder Rettungskräften nicht nachvollziehen. Ich verstehe das schlicht nicht, dass Menschen, die ihren Kopf für uns hinhalten, immer mehr mit Anfeindungen zu kämpfen haben und auch lächerlich gemacht werden.
Bei allen Ideen von Rechtsmedizinern oder Polizisten: Was macht ein gutes Spannungsbuch aus?
Für mich lebt ein gutes Spannungsbuch von einem dramatischen Ereignis, vor allen Dingen stellt es unsere Werte auf die Probe und ordnet die Prioritäten neu. Es ist vergleichbar mit einem Autounfall, den man wie durch ein Wunder völlig unverletzt übersteht. Kein Mensch steigt dann aus dem Auto aus und sagt: Verdammt, es regnet, ich habe heute die Wäsche nicht reingeholt. Man merkt auf einmal, wie wertvoll das Leben ist, das ich im Angesicht der Katastrophe fast verloren hätte. Das ist auch eine Erkenntnis aus der Corona-Pandemie: Wir stecken ja alle in einem Real-Time-Thriller, der uns alle auf eine harte Probe stellt, auf die wir nicht vorbereitet waren. Auf einmal müssen wir überlegen: Wofür leben wir eigentlich? Ein guter Thriller geht deshalb immer mehr um das Leben als um den Tod.
Ende Oktober erscheint Ihr neues Buch „Playlist“, in dem die Musik eine wesentliche Rolle spielt. Wie kommt dieser Bezug zur Musik?
Musik spielt im Leben eine große Rolle – bei mir sowieso. Ich wollte immer Musiker werden, es hat aber nie zu einem Plattenvertrag gereicht. Seitdem ich Autor bin, habe ich dann versucht, mir den Traum durch die Hintertür doch erfüllen zu können.
Ist das der Grund, warum es zu dem Buch auch gleich einen Soundtrack gibt, oder wie kommt das?
Meistens steht bei mir am Anfang eine Frage, auf die ich keine Antwort habe. Der muss ich dann nachgehen. Hier war es so, dass ich mich gefragt habe, wieso eigentlich Bücher keinen Soundtrack haben, denn wir haben ihn zu Filmen, zu Theaterstücken, zu Computerspielen, aber nicht zu Büchern. Irgendwann habe ich dann Musik zum Zentrum meines Schreibens gemacht.
Was war denn dann zuerst da für dieses Buch: die Geschichte oder die Musik?
Erst war da die Geschichte, der Rahmen, der sagt, dass ein 15-jähriges Mädchen eine Playlist verändert hat und mit ihr um Hilfe morst. Das ist ein Rätsel. Und wer das Rätsel löst, weiß, wo man das Mädchen finden kann. Da lag dann die Idee nahe, eine Playlist zu erstellen. Das Ganze hat sich dann entwickelt. Und jetzt sind viele Künstler dabei wie Silbermond, Kool Savas, Tim Bendzko und Rea Garvey. Für mich ging es darum, etwas zu schaffen, was nicht schon tausendmal existiert. Das versuche ich immer wieder – auch bei meinen Lesungen.
Woher kommt diese Kreativität fernab des reinen Kerngeschäfts?
Das ist eine Erkenntnis, die ich hatte, als ich an der Danksagung für mein allererstes Buch schrieb. Das war eine Ansammlung von Namen, die nur ich kenne. Und dann dachte ich mir: Der Leser wird darüber enttäuscht sein, weil er damit nichts anfangen kann. Die Frage kam auf: Wieso hört die Unterhaltung vor der Danksagung auf? Da habe ich angefangen, aus der Danksagung eine Kurzgeschichte zu machen, die dann im Buch „Der Insasse“ zu lesen war. Da wache ich auf an einem Ort und bin gefesselt. Ich soll nur am Leben bleiben, wenn ich den Namen erwähne, den ich bisher bei allen meinen Danksagungen vergessen habe. Ich gehe alle Namen durch und komme nicht auf den einen Namen.
Wir sagen auch Danke und verbinden das mit der letzten Frage: Sind Sie eigentlich schon mal mit der Polizei in Konflikt geraten?
Ehrlich gesagt: nein. (Ulrike Pflüger-Scherb und Florian Hagemann).

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