Kritik an Geschäftsleitung

„Sind seit Monaten unterbesetzt“: Pflegedienstleiter findet deutliche Worte

Das Gertrudenstift in Baunatal-Großenritte
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Das Gertrudenstift in Baunatal-Großenritte

Die Kritik an einem Pflegezentrum in Baunatal im Kreis Kassel nimmt zu. Die Situation eskaliert. Ein Pflegedienstleister ist mit seiner „Geduld am Ende“.

Baunatal/Kreis Kassel - Das Alten- und Pflegezentrum Ev. Lutherisches Gertrudenstift in Baunatal-Großenritte kommt nicht zur Ruhe. Immer wieder war es in den vergangenen Monaten zu Problemen zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern sowie zwischen Geschäftsführung und Angehörigen von Bewohnern gekommen. Nach Informationen der HNA gibt es weiterhin zahlreiche Unstimmigkeiten.

Unter anderem hatte sich Mitte voriger Woche nahezu das komplette Pflegeteam der „Jungen Pflege“ krank gemeldet. Kurzfristig sprangen Betreuer aus dem benachbarten Altenpflegeheim ein, was auch der neue Vorsitzende des Trägervereins Ev-Luth.-Gertrudenstift, Armin Raatz, im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigt.

Pflegezentrum in Baunatal im Kreis Kassel: Personal klagt über hohe Belastung

In der besagten Woche Ende Oktober habe sich das komplette Pflegepersonal des Wohnbereiches „Junge Pflege“ krank gemeldet, schildert Helga Werner die Situation. Die Altenbaunaerin hat seit April 2018 ihren 37-jährigen behinderten Sohn Daniel in der Jungen Pflege, einer eigenen gGmbH, untergebracht. Daniel sitze im Rollstuhl und sei nicht in der Lage, selbstständig für sich zu sorgen, sagt Werner. „Ich bin dann selbst hingefahren und habe ihm sein Korsett angezogen“, berichtet sie. Das notdürftig eingesetzte Personal vom benachbarten Altenpflegeheim habe das nicht leisten können, so die Mutter. Weitere Anrufer bestätigen den Ausfall des bewährten Pflegeteams in der Jungen Pflege an zumindest einem Tag.

„In der Tat gab es gehäufte Krankmeldungen“, sagt auch Armin Raatz. „Wer krank ist, ist krank“, sagt er weiter. Weil man aber in der Einrichtung ein gutes Team habe, sei der Ausfall von der restlichen Mannschaft kompensiert worden, so der Vorsitzende.

Philipp Backhaus, Pflegedienstleiter der Jungen Pflege, macht die hohe Belastung für das Personal verantwortlich für den Ausfall des Teams. Das bestätigt eine weitere Anruferin, die ebenfalls einen Sohn in der Jungen Pflege untergebracht hat. Sie habe erlebt, dass Pflegekräfte immer wieder Doppelschichten gemacht haben, sagt sie. „Dieselben Leute vom Vortag waren am nächsten Morgen immer noch da.“

Situation in Pflegezentrum im Kreis Kassel eskaliert

Am vergangenen Mittwoch sei die Situation eskaliert, erläutert Backhaus. Auslöser für den Unmut der Beschäftigten sei die Ankündigung der Geschäftsleitung gewesen, in diesem Jahr kein Weihnachtsgeld auszuzahlen. „Wir sind seit Monaten unterbesetzt“, sagt der 31-Jährige. „Bei mir ist die Geduld am Ende.“

Armin Raatz räumt auf Anfrage ein, dass Einschnitte bei der Jahressonderzahlung möglich seien. „Wir müssen zumindest die Hälfte in diesem Jahr nicht auszahlen“, sagt er. Raatz spricht in diesem Zusammenhang von Maßnahmen der Geschäftsführung zur Liquiditätssicherung. Dazu zählt der 60-Jährige auch die geplante Erhöhung der Eigenanteile der Bewohner in der Altenpflege. Diese heiße aber keineswegs, dass das Haus pleite sei, betont Raatz.

Schon vor einigen Wochen hatte die Geschäftsleitung ebenfalls eine Erhöhung des Eigenanteils angekündigt. Gegen die durchschnittliche Anhebung um 800 Euro pro Bewohner hatten sich zahlreiche Angehörige gewehrt.

Geschäftsleitung von Pflegezentrum im Kreis Kassel will Eigenanteil erhöhen

Um wie viel der Eigenanteil letztendlich tatsächlich erhöht werde, das sei noch nicht raus, so der Vorsitzende. Mit den Pflegekassen sei man dazu noch in Verhandlungen. Ziel der Einrichtung sei auf jeden Fall, „den Mitarbeitern einen gerechten Lohn zu zahlen“, so Raatz.

In der dazu veröffentlichten Pressemitteilung des Vereins heißt es: „Es stehen zunächst noch formelle Hindernisse, so die Kostenträger, im Wege. Dennoch hofft das Gertrudenstift noch auf eine kurzfristige und einvernehmliche Lösung, sodass ein Schiedsspruch durch die Hessische Landesschiedsstelle nicht erforderlich würde.“

Situation in Pflegezentrum im Kreis Kassel spitzt sich zu: Ehemaliger Vorsitzender übte Kritik

Armin Raatz wurde nach eigenen Angaben in der jüngsten Vorstandsversammlung zum neuen Vorsitzenden des Trägervereins gewählt. Er ist damit Nachfolger von Lothar van Eikels, der auf eigenen Wunsch aus dem Vorstand ausgeschieden sei. Van Eikels hatte – so wie auch Betroffene – die geplante Erhöhung des Eigenanteils durch Geschäftsführerin, Tanja Riese, kritisiert.

Die Position von Riese wurde aber in der jüngsten Vorstandssitzung im September weiter gestärkt. Riese sei als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Trägervereins im Amt geblieben, so Raatz. Sie sei ab sofort auch alleinige Geschäftsführerin der gemeinnützigen Tochtergesellschaften, zu der auch die Junge Pflege gGmbH gehört. (Sven Kühling)

Die Anzahl der Pflegebedürftigen im Landkreis Kassel ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Immer mehr Menschen werden zu Hause gepflegt.

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