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Sie lauern Gewittern auf: Baunataler helfen als Stormspotter dem Wetterdienst

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Von: Jan Trieselmann

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Böenfront über Wolfhagen
Diese Böenfront hat Alexander Cordes vor knapp zwei Jahren über Wolfhagen aufgenommen. Das Schimmern oberhalb der Wolke entsteht laut dem Stormspotter durch Licht-Reflektionen in dem Niederschlagsbereich hinter der Wolke. © Alexander Cordes/nh

Das Wetter ist ein Dauerbrenner-Thema. In unserer Serie „Donnerwetter“ betrachten wir das nordhessische Wetter von verschiedenen Seiten. Diesmal geht‘s um Stormspotter.

Baunatal – Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf. Leichtes Donnern ist zu hören, erste Blitze zucken vom Himmel. Bei diesem Szenario gehen die meisten Menschen schnell ins Haus – nicht so Alexander und Franziska Cordes aus Baunatal: Sie sprinten zum Auto und fahren dem Gewitter entgegen – wenn sie ihm nicht schon auflauern.

Die Geschwister sind zertifizierte „Stormspotter“: Sie können Gewitter schon Stunden im Voraus an der Wolkenstruktur erkennen. „Viele Menschen sagen bei Gewitter immer: ,Das war auf einmal da.’ Das mag sich auch so anfühlen, aber es kommt nicht so plötzlich“, sagt der 23-jährige Alexander Cordes.

Wie sehr ihn und seine 30-jährige Schwester das Thema interessiert, ist ihnen anzumerken: Tief holen sie Luft, bevor sie ausführlich von Gewittererlebnissen erzählen – Alexander zückt nebenbei sein Smartphone, um darin ein optisch noch spektakuläreres Gewitterfoto zu finden als das gerade Gezeigte. Wörter wie Funnel (Trichterwolke) und Aufwind sprudeln nur so aus ihnen heraus.
Bahnt sich ein Gewitter im Umkreis von Baunatal an, fahren die Geschwister zu Orten, von denen aus sie eine gute Sicht haben, beispielsweise Felder.

Auch nachts steigen sie dafür aus dem Bett, und das ehrenamtlich. Dann geben sie wertvolle Daten an den Deutschen Wetterdienst (DWD) weiter, damit der auch in seiner Zentrale in Offenbach einen Überblick über die örtliche Situation hat. Dabei arbeiten sie einen Fragenkatalog ab, beispielsweise im Hinblick auf Zugrichtung des Gewitters und Hagelkorngrößen.
Ein Regenradar nutzen sie dabei nur selten, da sich das meist nur alle fünf Minuten aktualisiert. „In fünf Minuten kann wettertechnisch ultraviel passieren“, sagt Alexander Cordes. Eine Wolke kann sich bereits aufgelöst oder das Gewitter die Richtung geändert haben. Statt auf ein Radar müssen sie sich auf ihr Fachwissen verlassen. Um das zu bekommen, haben die Geschwister Prüfungen bei dem Verein Skywarn absolviert.

Stormspotter Alexander und Franziska Cordes
Stormspotter Alexander und Franziska Cordes: Sie senden Gewitterdaten an den Wetterdienst. © Jan Trieselmann

Entstanden ist das Interesse an Gewittern bei ihnen vor sechs Jahren. „Anfang Juli 2015 gab es einen richtigen Gewittertag, da waren wir die ganze Zeit unterwegs und haben beobachtet“, sagt Franziska Cordes. Um ihre Eindrücke zu teilen, erstellten sie kurz darauf den Facebook-Kanal „Stormchasing Team Nordhessen“. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie dort mehr als 1000 Abonnenten.
Bei professionelleren Gewitterjägern sei das nicht gut angekommen. Alexander Cordes erinnert sich gut an deren Kritik: „Menschen wie wir zerstören die Szene, sagten sie.“ Dabei ging es den Geschwistern zu keinem Zeitpunkt um Klickzahlen. Da sie die Kritik aber nicht auf sich sitzen lassen wollten, begannen sie, sich online schulen zu lassen. So lernten Alexander und Franziska Cordes unter anderem, welche Luftverwirbelungen zur Entstehung von Gewittern beitragen, welche Typen es davon gibt und was beim Beobachten zu beachten ist.

So können sie dem Gewitterbeobachten möglichst professionell nachgehen – als Hobby. Denn hauptberuflich arbeitet Alexander Cordes als Schweißer in Kassel, Franziska im Wohnmobilverkauf in Edermünde bei Kassel. „Früher wollten wir alles mitnehmen“, sagt Franziska Cordes. Selbst Urlaub hätte sie genommen, wenn Gewitter abzusehen waren. Mittlerweile könnten sie aber deutlich besser abschätzen, wann es sich überhaupt lohnt, loszufahren – weil sie wissen, wie sich ein Gewitter entwickeln oder auflösen kann.

„Oft ist man viele Stunden im Auto unterwegs für 10 Minuten Action“, sagt Alexander Cordes. Auch habe sich „die Wetterlage seit den warmen Sommern verändert.“ Gewitter seien wegen fehlenden Winds immer öfter stationär, dort aber sehr intensiv. Das sei auch ein Grund für Überflutungen. Ihr Kanal hat daher einen weiteren Zweck bekommen: „Wir wollen die Menschen sensibilisieren“, sagt Alexander Cordes. Dazu zähle, sie zu warnen und über Gefahren von Gewittern aufzuklären.

Einen Tornado haben die beiden übrigens noch nicht beobachtet. „Hier gibt es zu viele Höhenunterschiede. In den USA ist das leichter vorhersehbar“, sagt Alexander Cordes. Dort gibt es teils mehrere hundert Quadratkilometer Flachland. Dorthin geflogen sind sie noch nicht, weil es zu teuer sei – vorgenommen haben sie es sich aber.

Der Verein Skywarn Deutschland

Laut seiner Webseite ist Skywarn ein ehrenamtlicher Verein, der Unwetter an den Deutschen Wetterdienst (DWD) und die Unwetterzentrale meldet. Damit helfe er, Warnungen zu verbessern. Um deren Qualität zu sichern, habe er mit dem DWD Melderichtlinien entwickelt. Knapp 1500 Menschen sind laut Vorsitzendem Andreas Kollmohr für Skywarn unterwegs – als „Basic Spotter“ oder „Advanced Spotter“ wie die Cordes-Geschwister, deren Meldungen priorisiert werden.

So schützt man sich bei Gewittern

Wer bei Gewitter unterwegs ist, sollte sich laut Alexander und Franziska Cordes nicht unter Bäume stellen – auch nicht im Auto, aufgrund von abfallenden Ästen. Ebenfalls nicht unterstellen solle man sich in Holzhütten.

Laut Webseite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) soll man sich bei Gewitter nicht auf offenen Flächen aufhalten und im Idealfall ein Gebäude aufsuchen, allerdings keines „mit großen Deckenspannweiten“. Gibt es in der Nähe keines, „gehen Sie mit eng zusammen stehenden Füßen, möglichst in einer Mulde, auf den Fußballen in die Hocke“, informiert das BBK.

Auch solle man darauf achten, keine Gegenstände mit Metall wie Regenschirme und Fahrräder zu berühren, großen Abstand zu Stromleitungen zu halten und sich nicht an Zäune zu stellen.

Quelle und weitere Informationen auf www.bbk.bund.de

In der dritten Folge unserer fünfteiligen Serie zeigen wir, wie Landwirte ihre Arbeiten wetterabhängig planen und daran anpassen. Alle Folgen in der Übersicht:

Unser Autor

Jan Trieselmann (23) wurde 1998 im nordhessischen Helmarshausen geboren und lebt seitdem im Landkreis Kassel. Wetterbeobachtung gehört neben Motorsport und Kochen zu seinen vielen Interessen. Seit 2020 ist er Volontär bei unserer Zeitung.

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