Sie meisterte den Umbruch im Alleingang

Silke Engler war drei Jahre Bürgermeisterin in Baunatal - eine Bilanz

Abschied aus dem Rathaus: In einem ihrer letzten Termine als Bürgermeisterin stellte Silke Engler jetzt die neue Broschüre „11 Tage im April ’21“ vor. Diese befasst sich mit dem Modellprojekt zu Öffnungsschritten in der Stadt während der Corona-Pandemie im April 2021.
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Abschied aus dem Rathaus: In einem ihrer letzten Termine als Bürgermeisterin stellte Silke Engler jetzt die neue Broschüre „11 Tage im April ’21“ vor. Diese befasst sich mit dem Modellprojekt zu Öffnungsschritten in der Stadt während der Corona-Pandemie im April 2021.

15 Jahre gestaltete Silke Engler die Stadt Baunatal maßgeblich mit: zwölf Jahre als Erste Stadträtin, seit 2018 als Bürgermeisterin. Zum 1. September wird die Sozialdemokratin Vizelandrätin in Kassel.

Baunatal - Welche Bilanz lässt sich nach den drei Jahren ziehen, in denen Silke Engler Baunatals Rathauschefin war?

Nach der Ära von Manfred Schaub

Die weitaus schwierigste Phase ihrer Amtszeit – auch der vorausgegangenen zwölf Jahre als Vizebürgermeisterin – war der Umgang mit dem plötzlichen Tod von Bürgermeister Manfred Schaub Pfingsten 2018. Engler musste nicht nur persönlich mit der Todesnachricht umgehen, sie musste auch die Trauerfeier mit der Familie und prominenten Gästen von Bund und Land organisieren.

Baunatal war im Schockzustand. Engler hielt eine bewegende Rede bei der Trauerfeier am 30. Mai 2018 in der Baunataler Stadthalle, im Anschluss an Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. „Ich habe einen tollen Kollegen verloren. Und ich habe einen Freund verloren“, sagt sie im Rückblick.

Nach dem tiefen emotionalen Schlag folgte sogleich die Übernahme der Amtsgeschäfte in der größten Stadt des Landkreises. „Ich habe mir die Führungsjacke angezogen“, sagte sie damals zu der Mammutaufgabe. Diesen Übergang meisterte Silke Engler professionell. Trotz des Todes ihres beliebten Büronachbarn lief in Baunatal alles in vernünftigen Bahnen weiter. Das machte Engler im Alleingang, einen Stellvertreter hatte sie zu dieser Zeit nicht.

Schwerer Tag: Silke Engler gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteher Petzer Lutze (links) und Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel bei der Trauerfeier für Manfred Schaub am 30. Mai 2018. Archivfoto: Andreas Fischer

Sie habe sich gesagt: „Du musst das übernehmen. Du musst dafür sorgen, dass die Stadt nicht zusammenbricht.“ Diese Sätze sagte sie damals im Gespräch mit unserer Zeitung.

Umbau Aqua-Park

Große Pluspunkte in der politischen Arbeit sammelte Silke Engler vor allem in den ersten Jahren als Erste Stadträtin. Die Baudezernentin machte beispielsweise die Sanierung des Aqua-Parks 2009 zu ihrer Sache. Das Freizeitbad wurde für knapp fünf Millionen Euro zu einem echten Familienbad umgestaltet – mit Kletterwand und mit Wohlfühlambiente. Getrübt wurde die Freude über das frisch modernisierte Schwimmbad allerdings, als sich kurze Zeit später schon wieder Fliesen in den Becken lösten und Pfusch am Bau zutage trat. Dann kamen noch Schäden am Dach hinzu. Die Opposition warf Engler vor, die Arbeiten nicht ausreichend überwacht zu haben. Millionen wurden bis heute für die Sanierung nach der Sanierung ausgegeben.

Straßenbau in Baunatal

Millionen flossen unter der Regie Englers auch in den Umbau der großen Straßenachsen der Stadt. Die Friedrich-Ebert-Allee und die Kirchbaunaer Straße wurden beispielsweise von grauen Asphaltpisten in eher großstädtische Trassen mit Mehrzweckstreifen, breiten, hellen Gehwegen und Baumbepflanzung und übersichtlichen Kreiseln umgestaltet.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr

Punkte sammeln konnte die 47-jährige Rostockerin auch im Bereich des Brandschutzes. Selbst in der Feuerwehr aktiv war die Vizebürgermeisterin oft vor Ort, wenn es irgendwo in Baunatal brannte. Ganz besonders beim großen Waldbrand bei Rengershausen im Sommer 2018 zog Silke Engler die Fäden. Mit den Einsatzkräften der Freiwilligen Wehren lief sie den steilen Abhang Richtung Guntershausen hinunter, um nach Glutnestern zu suchen.

Barrierefreier Bahnhof in Guntershausen

Zu Guntershausen hat die Sozialdemokratin sowieso eine besondere Verbindung. Hier half sie mit ihrer Hartnäckigkeit in den Verhandlungen mit der Bahn mit, den Bahnhof barrierefrei zu gestalten. 2020 wurde die Anlage mit Aufzügen und Rampen fertig. Ohne Englers Kraftanstrengung wäre das Projekt sicherlich gescheitert.

Rückschläge durch VW

Zur politischen Bilanz gehört untrennbar die Entwicklung bei Volkswagen. Engler musste mit wesentlich weniger Millionen aus Wolfsburg hantieren als ihr Vorgänger Schaub. Nach dem Dieselskandal 2015 musste das Rathaus zunehmend Einbrüche bei den Gewerbesteuern verkraften. Sichtlich mitgenommen verkündete die Bürgermeisterin im Coronajahr 2020 beispielsweise, dass die zu erwartende Gewerbesteuerprognose von 34 Millionen Euro auf 8 Millionen runterkorrigiert werden müsse.

Grund: Umsatzeinbrüche beim Hauptsteuerzahler Volkswagen von 11,9 Prozent. Dafür konnte die Rathauschefin nichts. Allerdings: Einen so guten Draht wie Manfred Schaub zum VW-Konzernvorstand hatte Silke Engler offensichtlich nicht. Immerhin: Für 2022 rechnet die VW-Stadt wieder mit einer Gewerbesteuer von 34,1 Millionen Euro.

Sportstadt Baunatal

In den letzten Monaten ihrer Amtszeit sorgte Silke Engler dann für Negativschlagzeilen in der Sportstadt Baunatal. Jugendlichen Freizeitbasketballern ließ sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an der KSV-Sportwelt einfach die Basketballkörbe abbauen. Nur die nackten Stahlträger blieben stehen. Und die Schwimmsportvereine prallten mit ihren Wünschen zur Sanierung des Sportbades an der Tür im 5. Stock des Rathauses ab. Die Kommunikation zwischen Sportlern und politischer Führung schien abgerissen.

Das bleibt von Silke Engler

In Sachen Sanierung der großen Hallen und Sportanlagen konnte Engler jüngst keine Akzente mehr setzen – auch wegen der fehlenden Millionen von VW. Und so bleiben die Sanierung des Sportbades, der Max-Riegel-Halle, der Kulturhalle Großenritte und später einmal des Rathauses und der Stadthalle Englers Nachfolgern überlassen. (Sven Kühling)

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