„Kämpfen eh immer um Existenz“

So gehen Start-ups aus dem Landkreis Kassel mit der Coronakrise um

Haben kurzerhand ein Etikett für einen HNA-Tassenkuchen gedruckt: Die Baunataler Brüder Nicholas (links) und Julian Krimmel von der Firma „Tüpfelchen“.
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Haben kurzerhand ein Etikett für einen HNA-Tassenkuchen gedruckt: Die Baunataler Brüder Nicholas (links) und Julian Krimmel von der Firma „Tüpfelchen“.

Was große deutsche Konzerne in der Coronakrise besorgt oder auch beflügelt hat, wurde mehrfach berichtet. Was aber ist mit den kleinen Betrieben, den Start-ups?

Kreis Kassel - „Wir haben schon gescherzt, dass Start-ups besser mit der Krise zurecht kommen, weil sie eh immer um ihre Existenz kämpfen“, sagt Nicholas Krimmel. Er hat gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Julian Krimmel vor fast sieben Jahren das Unternehmen „Tüpfelchen“ gegründet mit Sitz im Gründerzentrum auf der Marbachshöhe in Kassel. Die beiden aus Baunatal stammenden Männer hatten die Idee, Tassenkuchen herzustellen, also eine Backmischung abgepackt in Tüten, die sich innerhalb weniger Minuten zu einem kleinen Kuchen zubereiten lässt. Das Produkt ist deutschlandweit überwiegend in Geschenkläden erhältlich – die hatten eine ganze Zeit lang zu, was sich auch bei Nicholas und Julian Krimmel bemerkbar gemacht hat: Das Ostergeschäft sei fast komplett ausgefallen.

Geholfen hat, dass sich die Brüder auf Krisen vorbereitet hatten: „Wir sind relativ variabel aufgestellt“, sagt Julian Krimmel. Da sie keine Angestellten haben, ging es nur um ihre Gehälter – Produktion und Verpackung sind ausgelagert und werden von Partnern übernommen. Somit waren die Einbrüche für sie spürbar, aber dank der Absicherung können sie trotzdem weitermachen. „Es wird gerade wieder besser“, berichtet Julian Krimmel, manche Händler hätten auch schon wieder Bestellungen aufgegeben. „Ein Produktionspartner hat das Geschäft seines Lebens gemacht“, sagt Nicholas Krimmel, und zwar ein Mehlproduzent – die Nachfrage dort sei enorm gewesen.

Was dem jungen Unternehmen auch durch die Coronakrise geholfen hat, ist ein Trend, der sich für „Tüpfelchen“ im vergangenen Jahr ergeben hat: der Tassenkuchen als Werbemittel, beispielsweise für Unternehmen. Diese verschenken dann den Tassenkuchen an Kunden oder an Mitarbeiter – zum Beispiel als Teil eines Corona-Carepakets, als Ersatzgeschenk für ein ausgefallenes Firmenjubiläum oder als Kuchen für einen Kaffeeklatsch, der in Zeiten von Corona virtuell über Videokonferenz stattfindet.

„Das Weihnachtsgeschäft ist die stärkste Zeit“, sagt Nicholas Krimmel. Wie es dieses Jahr laufen wird, sei schwer zu prognostizieren. Einerseits hat die Kaufkraft nachgelassen, andererseits steigen manche Kunden vielleicht auf kleinere Geschenke um – wie etwa den Tassenkuchen. Außerdem gibt es zwei weitere Produkte für die Weihnachtszeit: die Rentierköttel und Schneemannschokolade. „Das Geschäft, das ein Mal verpasst wurde, wird nicht mehr nachgekauft“, gibt Julian Krimmel zu bedenken.

Die Brüder betrachten die Krise allerdings auch als Chance: „Die wirtschaftliche Pause kann entschleunigend wirken“, sagt Nicholas Krimmel. Sie haben sich Zeit für liegengebliebene Aufgaben genommen und daran gearbeitet, ihre Arbeit weiter zu verbessern. Geholfen hätten da die finanziellen Rücklagen. Und für die Zwillinge hatte die Coronazeit sowieso zwei schöne Aspekte: Beide haben geheiratet.

Die Produkte von „Tüpfelchen“ sind in Geschenkeläden wie beispielsweise Tee Gschwendner im Dez erhältlich.

Firma für digitale Einkaufswagen profitiert von der Krise

„Wir haben die Zeit der Beschränkungen durch das Coronavirus gut überstanden“, sagt Jan Kraus, der das Start-up KBST GmbH mit Sitz in Kaufungen mit Niels Becker gegründet hat. Sie stellen sogenannte Scanboxen her, also Einkaufswagen mit Scan-Funktion, sodass Kunden ihre Produkte selbst direkt am Wagen abscannen können.

Der Edeka-Markt Aschoff in der Kasseler Südstadt nutzt dieses System schon. Die Scanboxen seien von den Kunden vermehrt genutzt worden, da das Einkaufen einfacher und schneller möglich sei. „Auch an den Kassen sind durch unser System keine Schlangen mehr entstanden“, berichtet Kraus – für viele Märkte während der Coronazeit ein entscheidender Vorteil, sowohl für die Kunden als auch für die Mitarbeiter, wie Kraus betont. „Auch Kunden, die vorher vielleicht der Technik ehr abgeneigt waren, sind nach dem ersten Versuch begeistert“, so der Unternehmensgründer.

Aber längst nicht alle Gründer profitieren. „Im Endeffekt haben wir die Krise gut überstanden“, sagt Lena Kasten von dem Start-up „Dynamic Innovation“ in Espenau, das eine „Active Shift“-Kniebandage entwickelt hat. Man habe Kosten reduziert, indem weitere Entwicklungs- und Zertifizierungsprozesse gestoppt wurden. „Dennoch mussten wir feststellen, dass auch dringend notwendige Prozesse verlangsamt wurden“, berichtet Kasten – zum Beispiel die Eintragung ins Handelsregister und die Beantragung einer Steuernummer. Der geplante Umsatz sei leider ausgeblieben. Kunden, die eine Bandage kaufen wollten, habe man vertrösten müssen, so Kasten, die die Bandage gemeinsam mit Rene Kränzlein entwickelt hat.

Sie hätten versucht, einen guten Kontakt zu den Kunden zu halten und diese rechtzeitig über Veränderungen zu informieren. „Abschließend können wir sagen, dass wir leider keine positiven Dinge aus der Krise ziehen konnten“, berichtet Kasten. Die Unternehmer seien trotzdem überrascht, dass sich weiterhin Interessenten gemeldet haben.

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