Weil jede Minute zählt

Stadt Baunatal bringt 18 weitere Defibrillatoren in öffentlichen Gebäuden an

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Wollen die Angst vor der Technik nehmen: Alexander Allmeroth (links, Vertriebsbereichsleiter Schiller Medizintechnik), Sascha Mardorf (Ausbilder ASB Kassel-Nordhessen) und Hans-Joachim Botthof (Leiter Zentrum Baunatal)

Baunatal. Wie lange ist Ihr letzter Erste-Hilfe-Kurs her? Für den Führerschein muss jeder einmal lernen, wie man im Falle eines Herzstillstandes eine Person beatmet und eine Herzdruckmassage macht. Doch ob man sich im Notfall noch daran erinnern kann, ist eine ganz andere Sache.

Ein „Automatischer Externer Defibrillator“ (AED) kann in dieser Situation Leben retten. Die Stadt Baunatal will deshalb in den nächsten Jahren 18 solcher Geräte in öffentlichen Gebäuden anbringen – für jedermann zugänglich.

Neun „Defis“ gibt es bereits in der Stadt, vier weitere sind diese Woche hinzugekommen: im Zentrum Rembrandtstraße, der Rundsporthalle und den Sportplatzgebäuden in Rengershausen und Gunterhausen. Die Standorte wurden für das Projekt „Herzsicheres Baunatal“ in Kooperation mit dem Arbeiter Samariter Bund Kassel-Nordhessen (ASB) ausgewählt. 

Sie zeichnen sich laut Silke Engler, Erste Stadträtin Baunatals, durch ihre gute Erreichbarkeit innerhalb der Stadt und dem Gefährdungspotenzial der Zielgruppen vor Ort aus. „Die Geräte stehen an Orten, wo ein Herzanfall statistisch wahrscheinlich ist, wo zum Beispiel Großveranstaltungen stattfinden, Senioren leben oder Sport getrieben wird.“ 

Aufkleber an Eingangstüren weisen auf die lebensrettende Technik hin. Im Notfall kann jeder in ein so gekennzeichnetes Gebäude gehen und das Gerät nutzen, sagt Thomas Briefs, Magistrat und Arbeitsschutzkoordinator der Stadt Baunatal. Zudem würden Ersthelfer ausgebildet, um die Hemmschwelle für die Nutzung der weitestgehend unbekannten Geräte zu reduzieren. Vereine, Erzieherinnen, Senioren und städtische Angestellte sollen unter anderem geschult werden.

Die Ausbildung leitet Sascha Mardorf vom ASB. „In Deutschland sterben pro Jahr circa 100 000 Menschen am plötzlichen Herztod.“ Einen Defibrillator bis zum Eintreffen der Rettungskräfte zu nutzen, sei entscheidend. 2016 habe eine Person in Calden und 2017 eine Person in Kassel so erfolgreich wiederbelebt werden können.

Ein Defibrillator sei keine Garantie, aber er erhöhe die Chancen, Leben zu retten und Folgeschäden zu vermeiden, sagt Silke Engler. Sie ermutigt Firmen, Restaurants und Hotels Geräte anzuschaffen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

App zeigt den Weg zum nächsten Defibrillator

Die App „Kassel-Schockt“ ist ein Angebot des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) und unterstützt Ersthelfer bei der Versorgung von Patienten. Die Smartphone-Anwendung zeigt Nutzern, wo in ihrer Nähe Defibrillatoren zu finden sind. Außerdem ermittelt sie den genauen Standort des Handys, der bei einem Notruf weitergegeben werden muss. Kurzdarstellungen von „lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ helfen bei der Erstversorgung von verunglückten Personen. Wer einen Defibrillator in seinem Haus hat, kann den Standort dem ASB melden, damit dieser in der App aufgeführt wird. www.kassel-schockt.de

So funktioniert ein Defibrillator

in Defibrillator kann im Notfall Leben retten. Doch wie funktioniert das Gerät und wie bedient man es? Das erklären wir hier:

Was genau ist ein Defibrillator? 

Ein „Automatisierter Externer Defibrillator“ (AED) kann laut Informationen des Arbeiter Samariter Bundes im Falle eines plötzlichen Herzstillstands durch gezielte Stromstöße eine normale Herzaktivität wieder herstellen.

Wo finde ich einen Defibrillator? 

Defibrillatoren sind durch Schilder mit einem weißen Herz auf grünem Grund gekennzeichnet. Solche Geräte sind oft in öffentlichen Gebäuden zu finden. Meist befinden sie sich in einem Kasten, der das empfindliche Gerät vor Hitze und Kälte schützt. Die Kästen in Baunatal geben einen Alarmton von sich, wenn sie geöffnet werden. So sollen weitere Helfer aufmerksam gemacht werden, die bei der Rettung unterstützen können, sagt Alexander Allmeroth, Vertriebsbereichsleiter bei Schiller Medizintechnik, dem Hersteller der Defibrillatoren, die in Baunatal installiert werden.

Wie funktioniert denn genau das AED? 

Das Gerät misst über Elektroden, die dem Patienten auf den Brustkorb geklebt werden, die Herztätigkeit. Es erkennt selbstständig, ob ein Elektroschock notwendig ist. Dieser kann vom Ersthelfer über Knopfdruck ausgelöst werden. Ist dies nicht nötig, gibt das Gerät den Takt für eine Herzdruckmassage vor, dem sich der Ersthelfer anpassen kann.

Wie benutze ich einen Defibrillator? 

Die AEDs, die in der Stadt Baunatal verteilt werden, geben dem Ersthelfer in lauten Sprachansagen auf Deutsch Schritt für Schritt Anweisungen und helfen so zugleich, die Ruhe zu bewahren. Sie weisen den Nutzer an, einen Krankenwagen zu rufen, der hilfsbedürftigen Person das Oberteil auszuziehen und zwei Klebeelektroden auf den Oberkörper zu kleben. Die entsprechenden Stellen sind bildlich auf den Elektroden gekennzeichnet. Das Gerät bestimmt, ob ein Elektrostoß durch Knopfdruck ausgelöst oder eine Herzdruckmassage gemacht werden muss.

Wie funktioniert eine Herzdruckmassage? 

Die Hände werden übereinandergelegt und die Finger miteinander verschränkt, informiert der ASB. Der Handballen liegt auf der Mitte der nackten Brust der verunglückten Person. Mit durchgestreckten Armen, Schultern über dem Druckpunkt der Handballen, wird das Brustbein des Patienten fünf bis sechs Zentimeter nach unten gedrückt. Mit möglichst viel Kraft wird dies 100 bis 120 Mal pro Minute wiederholt. Das entspricht dem Tempo der Lieder „Stayin’ alive“ von den Bee Gees oder „Atemlos“ von Helene Fischer. Durch den hohen Kraftaufwand ist es möglich, dass Knochen brechen, sagt Dr. Jörg Riekhof, Betriebsarzt der Stadt Baunatal. Das müsse man in Kauf nehmen, damit eine Herzdruckmassage erfolgreich ist.

Wie lange nutze ich das Gerät? 

Das AED oder die Herzdruckmassage wird so lange genutzt, bis der Rettungsdienst eintrifft. Dr. Jörg Riekhof sagt, eine Herzdruckmassage sei für den Ersthelfer sehr anstrengend. Deshalb sollten Helfer sich abwechseln.

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