Film über 75 Jahre Berufsleben

Radio-Urgestein Werner Reinke: „Statt Routine treibt mich Freude an“

Auf Sendung: Radiolegende Werner Reinke (rechts) zusammen mit Sänger Tom Jones in einem Studio des Hessischen Rundfunks. archiv
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Auf Sendung: Radiolegende Werner Reinke (rechts) zusammen mit Sänger Tom Jones in einem Studio des Hessischen Rundfunks. archiv

Seine Stimme kennt jeder, mit der Internationalen Hitparade auf hr3 hat er Radiogeschichte geschrieben und mit 75 Jahren bringt ihn der Film „Die alte Liebe“ nun auch auf die große Kinoleinwand: Werner Reinke.

Baunatal/Kassel – Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht der Kultjournalist über seine Anfänge als DJ, den Wandel der Radiobranche in den Neunzigern und warum er noch lange nicht ans Aufhören denkt.

Vom Tellerwäscher zum Millionär trifft es nicht ganz, aber vom Gläserspüler zur Radiolegende passt. Wer das von sich behaupten kann, sollte doch eigentlich längst seine Autobiografie geschrieben haben. Sie sagen, Sie seien zu faul dazu. Dürfen wir uns deshalb jetzt über diesen Film freuen?

Mit dem Wort Legende bitte immer vorsichtig sein, vom Gläserspüler zum Radiomoderator aber passt, denn meinen ersten Job zum Plattenauflegen hatte ich einst in einer Delmenhorster Kneipe, in der ich tatsächlich zunächst Gläser gespült habe und dann für fünf Mark die Stunde an den Plattenteller gewechselt bin. Der Weg zum Radio war dann nicht weit, und mit den Jahren habe ich so unglaublich viel erlebt, was sich durchaus lohnt, erzählt zu werden. Aber ja, ich bin zu faul, und deshalb kam der Film da ganz recht (lacht).

Der Film, mit dem Sie und Regisseur Andreas Heller nun auf Tournee gehen, lief bereits einige Zeit in den Kronberger Lichtspielen und soll selbst ohne ihre Anwesenheit für Applaus gesorgt haben. Womit berühren Sie die Menschen so sehr?

Das Publikum findet sich wieder, wenn ich aus meinem Radioleben der 60er-, 70er- und 80er-Jahre berichte. Es bereitet mir große Freude, die Reaktionen im Publikum zu beobachten. Da sitzen so viele Menschen, die sich damals aufgeregt haben, wenn ich mal in einen Titel reingequatscht habe, oder die mit Mikrofonen vor den Radios saßen und ihre Lieblingssongs aufnehmen wollten, als ihre Mütter störten, weil das Mittagessen fertig war. Das sind Erinnerungen, die den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Glauben Sie, dass die heutige Jugend im Radio auch noch etwas findet, an das sie später gern zurückdenken wird?

Ich glaube nicht, weil die Leute im heute formatierten Radio gar keine Chance mehr haben, Personality zu entwickeln. Die braucht es aber, um sich einen nachhaltigen Ruf zu erarbeiten, damit Menschen noch nach Jahrzehnten über einen sprechen. Über viele Jahre war das bei den Radiochefs nicht mehr gefragt. Erst jetzt im Internetzeitalter von Podcasts und Youtube, wo das lineare Radio ganz klar auf dem Rückzug ist, ist Persönlichkeit wieder gewünscht. Wenn sich die Jugendlichen von heute in 30 Jahren an wen erinnern werden, dann wohl an Influencer, nicht an Radiomoderatoren.

Was macht diese Entwicklung mit Ihnen, der vom Radio als „alte Liebe“ spricht?

Ich bedaure diese Entwicklung, aber ich kann auch niemandem einen Vorwurf machen, auch ich hätte es damals nicht besser gewusst. Es hat sich so entwickelt, die privaten Radiosender sind ab 1989 gekommen, haben nur Hits gespielt, und die Menschen sind scharenweise zu ihnen übergelaufen. So haben wir uns angeglichen, das war der Lauf der Zeit.

Sie sind sich über die Jahre treugeblieben, was sich offenbar ausgezahlt hat, denn noch heute haben Sie ihre wöchentliche, erfolgreiche Sendung.

Laut Mediaanalyse habe ich die zweitmeistgehörte Sendestunde im hr1. Dabei kann es sich nicht nur um die Hörer von damals handeln, ich treffe auch jetzt im Kino auf viele jüngere, das macht glücklich.

Sie haben in diesem Jahr Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Ans Aufhören scheinen Sie nicht zu denken. Machen Sie immer noch so gern Radio wie früher?

Wenn nicht sogar lieber. Heute mache ich statt bis zu zehn Sendungen nur noch eine pro Woche, auf die ich mich umso mehr freue. Statt Routine treibt mich die Freude an.

Der Film „Die alte Liebe – oder warum Werner Reinke zum Radio ging“ wird am Mittwoch, 10. November, um 17.30 Uhr im Cineplex in Baunatal und um 20 Uhr im Capitol in Kassel gezeigt. Werner Reinke und Filmemacher Andreas Heller stehen dem Publikum für Fragen zur Verfügung. (Sascha Hoffmann)

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