Arbeiter-Samariter-Bund: Ein Notfall lag nicht vor

Vorwürfe gegen ASB in Baunatal: "Sie wollten mich nicht mitnehmen" - Rettungsdienst wehrt sich

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Beschuldigen ASB-Mitarbeiter der unterlassenen Hilfeleistung: Jörg und Tochter Jana Petersohn aus Baunatal. 

Unterlassene Hilfeleistung – diesen schweren Vorwurf erheben Jana und Jörg Petersohn aus Baunatal gegen den ASB Kassel-Nordhessen. Das sagen die Petersohns und der Rettungsdienst ASB.

Jörg Petersohn ist enttäuscht vom Rettungsdienst des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). „Ich war ein Notfallpatient, hatte eine allergische Reaktion und habe den Notruf gewählt. Aber der ASB Baunatal nahm mich nicht mit ins Krankenhaus“, sagt der 54-Jährige. Daraufhin schrieb seine Tochter Jana Petersohn einen Beschwerdebrief an den ASB Landesverband Hessen und die HNA. Sie werfen dem ASB-Personal unterlassene Hilfeleistung vor.

Die Vorgeschichte

Alles begann mit Antibiotika, die Petersohn nahm, um einen Abszess zu behandeln. Nach etwa einer Woche habe er allergisch reagiert: „Ich bekam Pusteln, litt an Übelkeit, Erbrechen und Müdigkeit.“ Am Abend hätte seine Tochter den Notruf gewählt. „Ich habe angegeben, dass mein Vater nur eine Cortisonspritze möchte, ohne ins Krankenhaus zu kommen“, sagt sie. Nach einer Untersuchung wollten ihn die Sanitäter dennoch mitnehmen. 

Doch der 54-Jährige habe das abgelehnt – bekam aber auch kein Cortison. „Die hätte nur ein Notarzt spritzen dürfen und der wäre nur gekommen, wenn ich mit ins Krankenhaus gefahren wäre“, sagt Petersohn. Er und seine Tochter hätten ein Dokument unterschrieben, das besagt, dass allergische Reaktionen bei Nicht-Behandlung tödlich sein können. Die Petersohns seien noch am selben Abend so wie den beiden darauffolgenden Tagen zum ärztlichen Bereitschaftsdienst gefahren. „Mein Vater bekam Cortison“, sagt sie. „Die allergische Reaktion ging zurück, kam aber wieder.“

Der Fall

Vier Tage später wurden die Beschwerden laut Jörg Petersohn so stark, dass er gegen 11.45 Uhr den Notruf wählte. „Ich war allein und wusste nicht, was ich machen soll und wollte ins Krankenhaus. Ich hoffte auf einen Transport, ohne Blaulicht und Martinshorn.“ Als die Sanitäter ihn untersucht hätten, seien sie zu dem Schluss gekommen, dass er kein Notfall sei. „Sie haben abgelehnt, mich mitzunehmen. Ich war ziemlich baff, hatte etwas anderes erwartet.“ Zumal er bereits zweimal auf andere Antibiotika allergisch reagiert hatte. „In beiden Fällen wurde ich ins Krankenhaus mitgenommen und bekam Cortison.“

Der Vorwurf

„Das ist unterlassene Hilfeleistung“, sagt Jana Petersohn, die früher selbst im Rettungsdienst tätig war. Sie wirft den Rettungskräften „verantwortungsloses Verhalten“ vor. Das ASB-Personal hätte den 54-Jährigen mitnehmen müssen. „Ich hatte enorme Angst um meinen Vater. Ein anaphylaktischer Schock bedarf immer einer klinischen Untersuchung.“

Anzeige erstattet haben die Petersohns nicht: „Wir haben den Fall Jörg Gonnermann geschildert, Geschäftsführer des ASB Landesverbands Hessen.“ Eine Antwort hätten sie nicht erhalten. Um den Fall aufzuklären, haben sie sich an die HNA gewandt.

In Kassel und im Landkreis im Einsatz: der ASB.

Das sagt der ASB: Es war kein Notfall 

Michael Görner, Geschäftsführer des ASB-Regionalverbands Kassel-Nordhessen verwies an eine Anwältin: Er selbst wollte sich nicht äußern. Judith Ehret, Fachanwältin für Medizin- und Strafrecht bestätigte, dass das ASB-Personal aus Baunatal nach einem Notruf zu Jörg Petersohn in die Straße Im Wiesental fuhr. Das Einsatzstichwort: „Reaktion auf bekannte Anaphylaxie bei Antibiose“. 

Im Einsatzteam sei ein langjähriger Bekannter Petersohns gewesen: „Die Stimmung war locker und freundschaftlich“, heißt es von der Anwältin. Da das Krankheitsbild bereits bekannt war, sei Petersohn mitgeteilt worden, dass er im Krankenhaus behandelt werden müsse, da Cortison nicht durch Rettungsdienstmitarbeiter verabreicht werden dürfe. Petersohn habe den Transport verweigert und zugesagt, sich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst vorzustellen. 

„Ein Patient, der ein Krankenhaus aufsuchen will, wird transportiert. So ist dies auch bei Herrn Petersohn geschehen, der den Transport verweigerte, sich aber beim ärztlichen Bereitschaftsdienst vorstellte, wie Frau Petersohn schilderte“, so Ehret. Sie betont, dass bei der späteren Behandlung mit Cortison keiner der behandelnden Ärzte eine Überweisung zur Krankenhausbehandlung ausgestellt habe. „Es ist somit nicht davon auszugehen, dass es zu einem anaphylaktischen Schock kam, wie dies von Frau Petersohn befürchtet wurde.“ Deswegen sei eine stationäre Behandlung bis dato weder erforderlich noch erwünscht gewesen. Indem er unterschrieben habe, dass die Nicht-Behandlung zum Tod führen könne, habe er sein Anrecht auf einen Transport beim Notruf einige Tage später nicht verwirkt. 

„Der Einsatz wurde vollkommen neu bewertet.“ Ehret verweist auf einen Bericht des ASB-Personals. Der besagt, dass Petersohn die Tür selbst öffnete und alles „in einer ruhigen Atmosphäre“ ablief. Das Personal habe Hautrötungen festgestellt. Luftnot, Kreislaufbeschwerden oder starke Schmerzen habe Petersohn nicht gehabt. 

„Es handelte sich nicht wie im Beschwerdebrief um einen anaphylaktischen Schock, sondern um lokale Hautrötungen und nicht um einen akuten Notfall.“ Gemeinsam sei man zu dem Schluss gekommen, dass Petersohn zu Behandlung selbst ins Krankenhaus fährt. „Zu keinem Zeitpunkt haben wir dem Patienten unsere Hilfe nicht angeboten“, heißt es im Bericht. Die Mitarbeiter seien zutiefst erschüttert über die Beschwerde.

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Das sagt die Leitstelle: Lieber einmal zu viel anrufen 

In welchem Fall sollte man den Notruf wählen? 

Notfälle sind akute und lebensbedrohliche Situationen. Dann ist es laut Torsten Müller, ärztlicher Leiter der Rettungsdienstleitstelle, ratsam, die 112 zu wählen. Zum Beispiel bei einem Druckgefühl auf dem Herzen, bei Sprachstörungen, Lähmungen oder einem Unfall.

Kann man dem ASB-Personal bei Petersohns unterlassene Hilfeleistung vorwerfen? 

Zum konkreten Fall dürften sich Torsten Müller, und Jürgen Barchfeld, Abteilungsleiter Rettungsdienst der Leitstelle, wegen der Schweigepflicht nicht äußern. „Wenn sich das Personal dagegen entschied, den Patienten bei einem akuten Notfall nicht mitzunehmen, dann wäre es unterlassene Hilfeleistung.“ Sei der Fall aber nicht lebensbedrohlich und akut, sei es kein Notfall.

Wann reicht der ärztlichen Bereitschaftsdienst? 

Bei allen Dingen, die man sonst mit dem Hausarzt klären würde, reicht die 116117 des ärztlichen Notdienstes. Das wären Grippesymptome, eine verstopfte Nase oder auch allergische Reaktionen, die nicht lebensbedrohlich sind. Vor allem dann, wenn man selber fahren oder ein Taxi nehmen könnte.

Und wenn man sich nicht sicher ist? 

Das Empfinden über einen Notfall ist laut Jürgen Barchfeld, Abteilungsleiter Rettungsdienst bei der Feuerwehr Kassel, oft sehr subjektiv. Ist sich der Betroffene nicht sicher, ob es sich wirklich um einen Notfall handelt, sollte er trotzdem die 112 wählen. „Lieber einmal zu viel, als zu wenig anrufen“, sagt er. Die Notrufleitstelle entscheidet, ob es sich um eine lebensbedrohliche Situation. Insgesamt hat sich die Zahl der Notrufe deutlich erhöht.

Ist es üblich, dass man einen Krankenwagen ruft und zuhause bleiben möchte? 

Das ist laut Müller und Barchfeld häufig. Allerdings ist ein Notruf in der Regel mit einem Abtransport verbunden. Will der Patient nicht mitgenommen werden, muss er einwilligen, dass er selbst die Haftung für sich übernimmt. Das Rettungspersonal kann ihn nicht dazu zwingen, mitzukommen. Sie mahnen aber auch an: Patienten, die nicht akut krank sind, blockieren für Notfälle.

Das sagt die Polizei: „In der Not Hilfe leisten“

Jeder hat sicherlich von unterlassener Hilfeleistung ge- hört. Doch was umfasst sie und wie wird sie geahndet? Das wollten wir von Polizeisprecher Jürgen Wolf wissen.

Was ist unterlassene Hilfeleistung? 

Jürgen Wolf: Unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand. Er trifft zu, wenn jemand bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet. Vor allem dann, wenn dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten wäre, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist. Ebenso macht sich derjenige strafbar, der andere behindert, während sie Dritten helfen wollen.

Haben Sie Beispiele? 

Wolf: Ob ein betrunkener auf einer Straße liegt, oder ein Autofahrer bei einem Unfall einen Fußgänger verletzt – jeder ist dazu angehalten, den Opfern zu helfen.

Wann ist es jemandem nicht zuzumuten, zu helfen? 

Wolf: Wenn sich der Helfer selbst in Gefahr begibt oder dabei andere Pflichten verletzt. Ein Arzt auf dem Weg zu einem Schwerkranken braucht einem Leichtverletzten nicht zu helfen.

Wie hoch ist die Strafe bei unterlassener Hilfeleistung? 

Wolf: Es handelt sich um ein echtes Unterlassungsdelikt, das mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe geahndet wird.

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