„Schwierig, Worte zu finden“

Baunataler VW-Azubis engagieren sich in Gedenkstätte Auschwitz

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Aktueller Anlass: VW-Azubis aus Braunschweig und Salzgitter erinnerten an die wohl am 19. Juni 1944 in Auschwitz verstorbene Llli Jahn, die viele Jahre in Immenhausen und Kassel lebte, sowie den mutmaßlich von einem Rechtsextremisten erschossenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Sie reparierten Stacheldraht und konservierten alte Tassen und Teller: Auszubildende aus dem VW-Werk Kassel in Baunatal haben sich zwei Wochen in Auschwitz für die Erhaltung der Gedenkstätte engagiert.

Sie haben die Stacheldrahtzäune repariert, die die jüdischen Gefangenen vor über 70 Jahren von der Freiheit und somit vom Leben trennten. Sie haben Tassen und Teller konserviert, aus denen die Häftlinge tranken, von denen sie aßen, bevor sie von Auschwitz in die Gaskammern des Vernichtungslagers Birkenau gebracht wurden. Und sie haben mit Marian Turski gesprochen – einem Überlebenden dieses Schreckens. Acht Auszubildende des VW-Werks in Baunatal waren für zwei Wochen im polnischen Oswiecim, wo das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz/Birkenau als Gedenkstätte erhalten wird.

„Es ist ein wertschätzendes Gefühl, dass die uns das machen lassen“, sagt Anezka-Maria Weiß, die im zweiten Lehrjahr zur Industriemechanikerin ausgebildet wird. Sie habe den Stacheldraht erneuert und Tassen und Schalen konserviert. „Teilweise stand da noch was drauf – von den Firmen, die die hergestellt haben“, berichten die 21-Jährige aus Kassel und ihr Kollege Jannik Böttcher aus Baunatal-Rengershausen. „Ja, das war schon komisch“, gibt der 20-jährige zu.

Die VW-Azubis reden offen über ihre Empfindungen, die sie hatten bei ihrem Aufenthalt an diesem düsteren Ort der deutschen Geschichte. Zu spüren ist dabei immer ein Stück Ehrfurcht. Auch, wenn es bei der Arbeit an den Baracken schon mal „etwas robuster zugegangen ist“, wie der angehende Mechatroniker Cem Coc (21, aus Kassel) sagt, eine gedrückte Stimmung sei aber während des Projektes stets einer gelösten Atmosphäre gewichen. Das berichten die jungen Frauen und Männer einhellig. „Es ist viel gelacht worden, vor allem abends.“ 

Und das bestätigen auch Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, und Ines Doberanzke-Milnike von Volkswagen, die die Auszubildenden aus Baunatal bei ihrem Projekt in Oswiecim begleiteten. „Ich bin seit 17 Jahren dabei“, sagt Doberanzke-Milnike. Es gebe zu den Gruppen, die das Lager besuchten, eine besondere Verbindung. „Der Ort Auschwitz stellt diese Verbindung her.“ Freundschaften – auch zu Managern und Meistern von VW – bestünden seit vielen Jahren.

VW-Azubis spielten Tischtennis mit Zeitzeugen

Marian Turski habe mit ihnen Tischtennis gespielt, erzählen die Azubis weiter. „Wir waren überrascht von der Präsenz“, berichtet Anezka-Maria Weiß von dem Treffen mit dem 92-jährigen Auschwitz-Überlebenden. „Es ist schön, zu sehen, wie viel Energie er hat, das alles weiterzugeben.“

Über 26 Millionen Menschen haben laut Heubner die Holocaust-Gedenkstätte Auschwitz bereits besucht. Die Hilfe von VW sei etwas Besonderes, sagt er. „Das Engagement von Volkswagen ist alleinstehend.“ Keine andere Institution unterstütze den Erhalt der Gedenkstätte in diesem Umfang. Und so sei der handwerkliche Einsatz der Azubis „eine wirkliche Hilfe“. Schließlich gebe es in der Gedenkstätte nicht genug Personal, um die vielen Kilometer Stacheldraht und die Baracken reparieren und die Schuhe der Häftlinge, Teller und Tassen konservieren zu können.

Erhalt der Gedenkstätte: Viele Kilometer Stacheldrahtzaun müssen immer wieder repariert werden. Die Azubis aus Baunatal halfen tatkräftig mit.

Die Vergangenheit ist dabei nicht das Einzige, das die jungen Teilnehmer in den Seminaren bewegt. Der Kampf gegen das Aufflackern rechter Gewalt ist bei den Workshops genauso ein Thema. VW-Azubis aus Braunschweig und Salzgitter befassten sich jüngst bei ihrem Projekt mit dem Leben der aus Kassel und Immenhausen kommenden Jüdin Lilli Jahn, die am 19. Juni vor 75 Jahren in Auschwitz/Birkenau gestorben war. 

Gedenken an ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke

Dabei sei die Diskussion auch auf den gerade mutmaßlich von einem Neonazi ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gekommen, berichtet Christoph Heubner im Gespräch mit der HNA. „Wir verfolgen das hier sehr genau“, sagt er und hält einen Moment inne. Bei einer spontanen Gedenkveranstaltung vor dem Tor des Lagers habe man mit den Teilnehmer des aktuellen Workshops ein Zeichen gesetzt, „um vor neuem Antisemitismus und rechtsextremer Gewalt zu warnen“. Die jungen Azubis zeigten unter anderem Plakate mit den Namen von Lilli Jahn und Walter Lübcke. „Die Leute haben Rosen niedergelegt und die Schilder hochgehalten“, ergänzt Doberanzke-Milnike.

„Ich finde es sehr extrem, dass es so was gibt“, sagt Azubi Jannik Böttcher zur Ermordung des Regierungspräsidenten. „Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden.“

Christoph Heubner spricht vom gleichen rechtsextremistischen Hass. Und dann kommt der Vizepräsident des Auschwitz-Komitees schnell wieder auf das Gute zu sprechen, das die jungen Besucher der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz erfahren. Sie seien Teil eines großen Ganzen, „das nie mehr ein Auschwitz auf der Erde akzeptieren will“.

Volkswagen im Nationalsozialismus

Volkswagen hat eine besondere Bedeutung im Nationalsozialismus. 1937 wird die „Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH“ gegründet. Im Jahr 1938 wurde mit dem Bau des Volkswagenwerks im heutigen Wolfsburg begonnen. Ebenso 1938 wurde die Gesellschaft in „Volkswagenwerk GmbH“ umbenannt. 

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wird das Volkswagenwerk auf die Produktion von Rüstungsgütern umgestellt. „Den Arbeitsbedarf deckte das Werk ab Sommer 1940 mit rund 20 000 Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und später auch KZ-Häftlingen“, heißt es von Volkswagen selbst. Nach dem Ende des Krieges ging das Volkswagenwerk Mitte Juni 1945 auf die britische Militärregierung über. 

Gemeinsames Erleben und Verarbeiten: Auszubildende aus dem Werk Kassel nahmen kürzlich an einem Projekt in Auschwitz teil.

Seit 1986 habe die Volkswagen AG mit ihrem finanziellen Engagement für den Aufbau der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz (IJBS) und mit der historischen Erforschung der Geschichte des Volkswagenwerks im Nationalsozialismus einen pädagogischen Auftrag verbunden, heißt es von VW. 

Heute reisen jährlich von allen deutschen VW-Standorten fünf bis sechs Gruppen von etwa 15 Auszubildenden nach Auschwitz. Schüler und Auszubildende aus Polen und Deutschland arbeiten an der Erhaltung der Gedenkstätte Auschwitz/Birkenau. Eingebunden in die Arbeit ist das Internationale Auschwitz-Komitee Berlin.

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