Mitarbeiterinnen von „Frauen helfen Frauen“ über die Auswirkungen der Corona-Pandemie

Zurzeit ist kein Platz im Frauenhaus im Landkreis Kassel frei

Häusliche Gewalt findet meist hinter geschlossen Türen statt, darauf aufmerksam machen soll der weltweite Aktionstag am heutigen 25. November.
+
Häusliche Gewalt findet meist hinter geschlossen Türen statt, darauf aufmerksam machen soll der weltweite Aktionstag am heutigen 25. November.

Der Verein Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel hilft Frauen in Not und betreibt im Kreisgebiet ein Frauenhaus. Zum heutigen internationalen Tag gegen Gewalt schildern Stefanie Piske und Mascha Schläder, zwei Mitarbeiterinnen des Vereins, die aktuelle Problemlage.

Inwiefern wirkt sich die Corona-Pandemie auf das Frauenhaus im Landkreis aus?

Mascha Schläder: Wir hatten während des Lockdowns im Frühjahr zunächst einen Rückgang von Anfragen gefährdeter Frauen. Das lag daran, dass betroffene Frauen sehr schwer aus ihrer Situation herauskamen, weil Mann und Kinder zu Hause waren. Sie hatten keine Möglichkeit zur Flucht, waren sozial isoliert. Stefanie Piske: Erst nach den Sommerferien hatten wir so viele Anfragen wie vor dem Lockdown. Zuvor waren auch viele Frauen verunsichert, ob Anlaufstellen für Hilfe während Corona überhaupt in Betrieb sind. Sie haben deshalb abgewartet.

Was genau sind die durch die Pandemie ausgelösten Probleme?

Schläder: Stresssituationen durch eine schlechte ökonomische und/oder soziale Lage können Auslöser von Gewalt an Frauen sein. Ausweichmöglichkeiten – Freunde, Vereine und ähnliches – fallen weg. Piske: Es stellt sich Existenzangst ein. Geht die Arbeit oder die Wohnung verloren? Während des ersten Lockdowns musste außerdem die Kinderbetreuung organisiert werden. Das führte ebenfalls zu Konflikten. So wie auch Enge in der Wohnung. Hinzu kommt, dass die schwierige Situation Probleme, die schon vorher bestanden, oft verstärkt.

Wie viele Plätze des Vereins sind denn aktuell belegt?

Piske: Zurzeit ist kein Platz frei. Wir können fünf Frauen und deren Kinder im Frauenhaus unterbringen, dazu zwei Frauen mit Kindern in Schutzwohnungen. Schläder: Nur unsere Quarantänewohnung ist nicht belegt. Die gibt es, weil wir den höchstmöglichen Schutz vor dem Virus haben wollen. Piske: Anderenfalls müssten wir einen negativen Test verlangen, der ist für Frauen in Notsituationen aber meist nicht machbar.

Mussten Sie Frauen in Not wegen Platzmangels weitervermitteln?

Schläder: Das müssen wir generell oft, zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Frauen, die sich an uns wenden. Piske: Wir versuchen sie möglichst in Frauenhäuser in der Nähe zu vermitteln. Auch deshalb, weil viele Frauen in ihrem sozialen Umfeld bleiben möchten. Ist dies nicht möglich, erhält man beispielsweise über die Internetseiten der hessischen oder der Frauenhäuser in NRW Informationen über freie Plätze.

Besteht seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Gesprächsbedarf in der Frauenberatungsstelle des Vereins?

Piske: Am Anfang war es eher ruhiger, zumal wir im März und April nur telefonische Beratung anbieten konnten. Seit dem Frühsommer ist wieder persönlicher Kontakt möglich, natürlich mit den gebotenen Schutzmaßnahmen. Schläder: Generell ist jetzt aber mehr telefonische Beratung gefragt.

Gibt es neuartige Probleme durch Corona?

Piske: Der Zugang zu Behörden ist schwerer möglich. Das kann bei der Finanzierung des Alltags zum Problem werden, betroffenen Frauen muss ja schnell geholfen werden. Um Lebensmittel zu erhalten, sind die Frauen auf die Tafeln angewiesen, die zeitweise auch geschlossen waren. Hier mussten wir Überbrückungshilfe aus Spendengeldern leisten. Schläder: Die Wohnungssuche ist auch schwieriger und überhaupt die Neuorientierung während der Trennungsphase.

Eigentlich wollten Sie am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen das Thema Femizid stärker in die Öffentlichkeit bringen. Was ist Femizid?

Schläder: Darunter versteht man Mord von Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

Warum brennt Ihnen dieses Thema auf den Nägeln?

Schläder: Tötungen von Frauen innerhalb eines Haushalts oder einer Partnerschaft nehmen zu. In Deutschland wird im Schnitt alle 72 Stunden eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Oft passiert das in der Phase der Trennung. Piske: Für uns heißt das ganz konkret, dass wir schon während des ersten Gesprächs mit einer bedrohten Frau die Gefährdung abschätzen müssen. Wenn der Mann die Kontrolle verliert, ist das häufig ein Alarmsignal. Eine Drohung wie „Ich bringe Dich um“ muss man sehr ernst nehmen. Wir bestärken deshalb Frauen, besser früher als später die Polizei zu rufen. Schläder: Das Problem ist der Besitzanspruch. Entzieht sich eine Frau, sieht ein Mann womöglich nur den Ausweg, die Frau zu töten. Unsere Gesellschaft ist immer noch patriachalisch geprägt. Piske: Täter sind vorher oft nicht mit Gewalttaten aufgefallen, aber in traditionellen Rollenmustern gefangen. Und man muss wissen, solche Verbrechen können in jedem Umfeld passieren. (Von Ingrid Jünemann)

Hintergrund: Der Verein „Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel“, 1992 gegründet, hat seinen Sitz in Baunatal, An der Stadthalle 7. Ziel ist, Gewalt gegen Frauen öffentlich zu machen sowie Frauen, die von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt bedroht oder betroffen sind, zu unterstützen und zu beraten. Neben öffentlicher Finanzierung ist der Verein seit Anbeginn auf Spenden und freiwillige kommunale Beiträge angewiesen. So sind die Verantwortlichen aktuell dankbar für eine Corona-Hilfe der Gemeinde Lohfelden: Die 50 000 Euro wurden für eine Quarantänewohnung, mehr Arbeitsstunden der Mitarbeiterinnen und eine bessere digitale Ausstattung verwendet. Der Verein unterhält ein Frauenhaus, zudem bietet er in fünf Städten und Gemeinden des Landkreises Kassel Beratung für Frauen in Not an – wegen Corona nur nach telefonischer Terminvereinbarung unter Tel. 05 61 / 4 91 04 34.

Die Beratungszeiten: Baunatal: Montag bis Donnerstag 9.30 bis 12 Uhr, Dienstag und Donnerstag 14 bis 16 Uhr. Lohfelden: montags 10 bis 11 Uhr. Hofgeismar: mittwochs 10 bis 12, 14 bis 16 Uhr. Wolfhagen: nach telefonischer Vereinbarung. Niestetal: jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat von 10 bis 11 Uhr.

Weitere Infos unter frauenhaus-lk-kassel.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.