Bauwirtschaft befürchtet Krise

Hohe Baustoffpreise und Lieferengpässe verhageln die Auftragslage

Dunkle Wolken über der Baubranche: Laut Befürchtungen der Bauverbände könnte die Corona-Krise die Bauwirtschaft noch in arge Bedrängnis bringen.
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Dunkle Wolken über der Baubranche: Laut Befürchtungen der Bauverbände könnte die Corona-Krise die Bauwirtschaft noch in arge Bedrängnis bringen.

Preissteigerungen, Lieferengpässe, Materialknappheit: Die Bauwirtschaft leidet unter den Folgen der Coronakrise.

Kreis Kassel – „Wir erleben aktuell eine spürbare Eintrübung der Baukonjunktur“, sagt Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Hessen-Thüringen. Das gelte für alle Bereiche der Baubranche in ganz Hessen wie auch in den Landkreisen Nordhessens – beim Wohnungsbau, beim öffentlichen Bau wie auch beim Wirtschaftsbau.

„Es ist zu befürchten, dass wegen ausbleibender Investitionen vor allem durch die öffentliche Hand eine nachhaltige Baukrise entsteht“, schätzt Siebert die Lage ein und verweist mit Nachdruck auf die aktuell steigenden Baustoffpreise bei gleichzeitig sinkender Auftragslage (siehe Hintergrund). Sein vorläufiges Fazit: „Der Konjunkturmotor Bau droht akut ins Stocken zu geraten.“

Kreis Kassel: Bauwirtschaft befürchtet Krise

Zu befürchten sei zudem, dass viele Baustoffe auch noch nach der Coronakrise teuer bleiben. „Für viele Privatleute wird damit der Traum von Eigenheim vermutlich platzen, weil Preise nicht mehr bezahlbar sind“, sagt Siebert. In der Folge könnten wiederum einzelne Baufirmen wie im Holzsektor (Holzhausanbieter, Dachdecker) in existenzielle Not geraten, weil sie keine Aufträge mehr bekommen. Grund: Bauherren schieben Projekte auf oder nehmen sie wegen der Preisentwicklung gar nicht erst in Angriff.

Andreas Lieberknecht vom Verband Baugewerblicher Unternehmer Hessen

„Es fehlt einfach Planungssicherheit“, sagt auch Andreas Lieberknecht, Geschäftsführer des Verbands Baugewerblicher Unternehmen Hessen. So seien genaue Kalkulationen aktuell kaum möglich, was wiederum seriöse Vertragsabschlüsse erschwere. „Da hilft nur ein offener und flexibler Umgang der Vertragspartner untereinander“, sagt Lieberknecht, „zum Beispiel über den Weg von Preisgleitklauseln“. So könne sichergestellt werden, dass Baufirmen auf Mehrkosten nicht alleine sitzen bleiben. Es müsse klar sein, was preisstabil ist, wo es zu Lieferengpässen kommen kann und wo Preissteigerungen zu erwarten sind, um maximale Verlässlichkeit zu erzielen. Denn: „Sind die Unsicherheiten zu groß, machen irgendwann auch die Banken nicht mehr mit, weil der Finanzierungsplan zu wackelig ist.“

Bauwirtschaft befürchtet Krise im Kreis Kassel

Im öffentlichen Bereich bekämen Kommunen bei Ausschreibungen oft überhaupt keine Angebote mehr, weil die preislichen und auch die materiellen Unsicherheiten wie Waren- oder Transportengpässe zu groß sind. „Oder es gibt Angebote, die sehr teuer sind“, sagt Lieberknecht. Da könne dann schon mal die Falle zuschnappen. „Denn wenn erst einmal eine Ausschreibung raus ist, muss sie auch durchgezogen werden.“

Burkhard Siebert vom Bauindustrieverband Hessen-Thüringen

Hinzu komme, dass öffentliche Projekte oft an die Erfüllung von Pflichtaufgaben (Kindergarten, Feuerwehr) oder an zeitlich begrenzte Förderprogramme gebunden sind (Infrastrukturprojekte). Das heißt: Die Projekte müssen durchgezogen werden, auch wenn sich die Preisspirale noch so schnell dreht und absehbar ist, dass zum Beispiel Fördervoraussetzungen wie zuvor festgelegte Laufzeiten nicht mehr einzuhalten sind.

Hohe Baustoffpreise und Lieferengpässe

Bund und Land müssten an dieser Stelle Hilfen anbieten oder Zugeständnisse machen, fordert Siebert. Denn die Einnahmesituation der klammen Kommunen werde sich durch die Krise nicht verbessern. Weil derzeit die gesamte Wirtschaft Einbrüche erleide, müsse mit sinkenden Gewerbesteuereinnahmen gerechnet werden, was sich wiederum negativ auf künftige Investitionen auswirke. Siebert: „Wir haben es nicht nur mit einem Problem der Baubranche, sondern mit einem volkswirtschaftlichen Problem zu tun.“ FotoS: Bauindustrieverband / Verband Baugewerblicher UnternehmeR / D. Schachtschneider

Die Baukonjunktur kühlt sich ab

Laut Angaben des Bauindustrieverbandes Hessen-Thüringen sind besonders die Holzpreise in die Höhe geklettert: Kostete ein Kubikmeter Konstruktionsvollholz im Januar noch 305 bis 340 Euro pro Kubikmeter, waren es im Juni schon 840 Euro.

Deutlich teurer sind auch Dämmstoffe (plus 35 Prozent), Polyethylen-Folien (plus 20 Prozent) und Grobspan-Platten (plus 20 Prozent) geworden. Betonstahlmatten kosten inzwischen 30 Prozent, Betonstahl 44 Prozent und Bleche sogar 52 Prozent mehr. Derzeit geht das Statistische Bundesamt insgesamt von einem Baupreisanstieg in Höhe von etwa 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus. Mit Blick auf aktuelle Konjunkturdaten zeichnet sich schon jetzt eine deutliche Eintrübung der Baukonjunktur ab. So ist im ersten Quartal 2021 der Auftragseingang in Hessen um 6,4 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro, der Umsatz sogar um 6,8 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro zurückgegangen.

Vom Umsatzrückgang mit am stärksten betroffen ist der öffentliche Bau. Der Umsatz sank in diesem Segment in Hessen um 8,6 Prozent auf 447,3 Millionen Euro. Im Wohnungsbau wurden in Hessen zuletzt 342,5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, 9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Im Wirtschaftsbau erreichte der Umsatz 649,2 Millionen Euro und verfehlte damit das Vorjahresergebnis um 4,2 Prozent. bon

Kommunale Haushalte werden belastet

Aktuell sei im Landkreis Kassel in noch keiner Kommune ein Bauprojekt wegen steigender Baupreise oder Lieferengpässen gestoppt oder aufgeschoben worden, teilt Michael Steisel, Vorsitzender der Bürgermeisterkreisversammlung im Landkreis Kassel, mit. Gleichwohl seien Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen schon spürbar. „Tatsächlich werden die Baupreissteigerungen zunehmend ein Problem“, sagt Steisel.

Mit Blick auf laufende große Vorhaben im Hochbau melden Firmen vermehrt Mehrkostenforderungen wegen extrem gestiegener Baustoffpreise an. „Dies betraf bisher Dämmung, Holz und Stahl, zunehmend aber auch andere Baustoffe. Hinzu kommen in diesen Bereichen deutliche Lieferengpässe.“

Michael Steisel, Vorsitzender der Bürgermeisterkreisversammlung

Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf das folgende Jahr und somit die in Kürze beginnenden Haushaltsberatungen haben werde, sei noch nicht klar, sagt Steisel. „Es ist derzeit davon auszugehen, dass sich die Baustoffpreise nicht innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate auf das vorherige Niveau reduzieren werden.“ Bei den angespannten Haushalten werde das aber sicherlich schwer wiegen. Schon jetzt sei absehbar, dass einzelne Kommunen ihre kommunalen Steuern erneut anheben werden.  (Boris Naumann)

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