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Betreuung ukrainischer Kinder könnte Personalmangel in Kitas verschärfen

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Von: Moritz Gorny, Boris Naumann, Theresa Novak, Daniel Göbel, Sven Kühling, Michaela Pflug

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Von Oben ein begritzeltes Blatt Papier mit Kindern, die drumherum sitzen
Es fehlt schon jetzt an Personal und Platz in zahlreichen Kitas im Landkreis. © Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher/obs

Viele Kommunen im Landkreis bauen Kindertagesstätten und suchen händeringend Personal. Der Betreuungsbedarf ist groß. Das war schon so, bevor der Ukraine-Krieg begann.

Kreis Kassel – Nun dürfte die Nachfrage weiter steigen. Noch ist das aber nicht in allen Kommunen zu spüren, wie eine HNA-Umfrage ergeben hat. In Kaufunger Kitas werden bereits zehn ukrainische Kinder betreut, in Fuldatal noch keines.

Die Vorgaben

Der Landkreis fungiert als Aufsichtsbehörde für die Kitas. Er gibt etwa vor, wie viele Kinder eine Kita-Gruppe besuchen dürfen. In dieser Frage versuche man unbürokratisch zu helfen, sagt Sprecher Harald Kühlborn. „Bei der Meldung möglicher Überschreitungen sind keine umfangreichen Begründungen notwendig; es reicht einfach der Hinweis Ukraine auf dem uns zu übersendenden Vordruck.“ Andere Vorgaben seien aber nicht verhandelbar, etwa ein vollständiger Masernschutz. Da in der Ukraine ein anderes Impfschema gelte, müssten manche Kinder erst noch geimpft werden.

Das Platzproblem

Aktuell gebe es noch keinen „Run“ auf die Kitas. „Die kleinen Kinder in den Flüchtlingsunterkünften werden meist von ihren Müttern selbst betreut“, sagt Kühlborn. Schließlich hätten viele noch keinen Job vor Ort. „Allerdings sind viele Gruppen bereits ohne Kinder aus der Ukraine voll, sodass schon wenige zusätzliche Kinder ein Problem darstellen können.“

Zum Beispiel in Baunatal: „Eine Aufnahme aller ukrainischen Kinder ist in unseren Kita-Einrichtungen derzeit leider nicht möglich“, sagt Sprecherin Susanne Bräutigam. Eine genaue Zahl konnte sie allerdings nicht nennen. Das Angebot an Kita-Plätzen, insbesondere im U3-Bereich, könne aktuell mit den Anmeldungen nicht Schritt halten. „An einer Ausweitung von Kita-Plätzen arbeiten wir – wie viele andere Kommunen auch – derzeit mit Hochdruck.“ Trotzdem gebe es Betreuung für alle Altersgruppen. Stadt, Awo und die Kirchen machten entsprechende Angebote.

Auch in kleinen Kommunen wie Nieste und Söhrewald ist die Betreuung aller Kinder ein Problem. In Söhrewald gibt es zwei Anmeldungen. „Allerdings können wir nur eines der Kinder – so bald der Impfschutz nachgewiesen ist – in Wattenbach unterbringen“, sagt der Erste Beigeordnete Dieter Zinke (SPD). In Wellerode dagegen sei die Obergrenze erreicht, es gebe bereits eine Warteliste und alle Kinder würden gleich behandelt. Das Problem sei aktuell, genug Erzieherinnen zu finden.

Auch in Nieste stehen zwei ukrainische Kinder auf der Warteliste, sagt Bürgermeister Klaus Missing (unabhängig). „Allerdings ist unsere Kita mit 100 Kindern gerade schon an der Kapazitätsgrenze.“ Man arbeite daran, grünes Licht für eine Überbelegung zu bekommen. Ob das klappt, hänge allerdings auch am Personal. Eventuell müsse die Verwaltung weitere Mitarbeiter einstellen.

Die Erfahrungen

Personalkapazität ist ein Thema, das auch Espenaus Bürgermeister Carsten Strozda (parteilos) umtreibt. „Aktuell haben wir durch die errichtete Übergangskindertagesstätte noch Kapazitäten zur Verfügung. Aber das Platzangebot ist das eine, benötigte Betreuungskräfte das andere“, sagt Strozda. Das engagierte Personal leiste schon jetzt Großes. Insgesamt würden in zwei Espenauer Einrichtungen fünf Kinder betreut. „Die Integration der Kinder aus der Ukraine und ihre Eingewöhnung in den Kita-Alltag funktioniert dabei jeden Tag besser.“ Bedürfe es durch traumatisierte Kinder intensiverer Betreuung, werde man in Zusammenarbeit mit Eltern und Landkreis Hilfen abstimmen und, wie bei allen Kindern, eine am Bedarf orientierte Lösung finden.

Auch in Kaufungen läuft es bisher gut in der Betreuung. Nach Gesprächen und Rückmeldungen der Kita-Leitungen gebe es keine Probleme, heißt es aus dem Rathaus. Die zehn in Kaufungen betreuten ukrainischen Kinder seien offen, spielten sofort mit und verständigen sich mit Mimik und Gestik, sagt eine Sprecherin. Darüber hinaus kämen Übersetzungsapps häufig zum Einsatz, damit ließen sich auch Dokumente für die Eltern übersetzen. Aufgrund des derzeitig noch überschaubaren Mehraufwands sei bisher noch keine personelle Nachsteuerung nötig gewesen.

Niestetal hat seit April neun ukrainische Kinder aufgenommen. Zu Platzproblemen sei es noch nicht gekommen, „wir haben keine Überbelegung“, heißt es aus dem Rathaus. Die Kinder gehen alle in den Kindergarten Schwalbennest, „um ihnen die Sicherheit zu geben, mit anderen Kindern aus der gleichen Situation zusammen zu sein“, sagt Hauptamtsleiterin Heike Pflüger. Die Kinder nähmen am allgemeinen Kindergartenalltag teil. Es werde Personal eingesetzt, das die russische Sprache beherrscht. „Russisch kommt der ukrainischen Sprache wenigstens etwas näher.“ Sprachprobleme gibt es dank russisch oder ukrainisch sprechender Erzieherinnen und Kinder und den oft guten Englischkenntnissen der Eltern nicht, spiegeln auch die Kommunen, die erst einige wenige ukrainische Kinder betreuen.

Die Zukunft

In vielen Gemeinden werden aktuell erst ein (Lohfelden, Ahnatal und Fuldabrück) oder zwei Flüchtlingskinder betreut (Schauenburg). In Vellmar wird das erste ukrainische Kind in der kommenden Woche erwartet. Eine Überlastung, spüren diese Gemeinden laut eigenen Angaben aber noch nicht und es gebe auch noch Kapazitäten. So sagt zum Beispiel Schauenburgs Bürgermeister Michael Plätzer (SPD): Platzprobleme in den Kitas gibt es wegen der ukrainischen Kinder nicht, die Lage ist auch ohne Flüchtlinge schon angespannt. Mit der Erweiterung der Kita in Elgershausen entstehe aktuell die 25. Kita-Gruppe in Schauenburg. „Dadurch haben wir ausreichend Platz und haben auch noch Aufnahmekapazitäten“, so Plätzer.  (mia/mgo/tno/sok/bon/dag)

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