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Caldenerin plötzlich Weltmeisterin

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Von: Sebastian Schaffner

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Auf ihrer Heimbahn: Die 16-jährige Felicitas Haubrock aus Calden hat auf der Anlage in Vellmar ihre Begeisterung für Minigolf entdeckt und spielt heute dort für den 1. MGC Kassel-Vellmar in der dritten Bundesliga. Unser Foto zeigt sie mit einer kleinen Auswahl ihrer Bälle. Insgesamt hat sie 170 Stück.
Auf ihrer Heimbahn: Die 16-jährige Felicitas Haubrock aus Calden hat auf der Anlage in Vellmar ihre Begeisterung für Minigolf entdeckt und spielt heute dort für den 1. MGC Kassel-Vellmar in der dritten Bundesliga. Unser Foto zeigt sie mit einer kleinen Auswahl ihrer Bälle. Insgesamt hat sie 170 Stück. © Schaffner, Sebastian

Minigolferin Felicitas Haubrock (16) spielte sich in einem Jahr an die Spitze.

Vellmar/Calden – Als Felicitas Haubrock mit zehn Jahren zum ersten Mal in Vellmar Minigolf spielte, ging es ihr wie den meisten Kindern in ihrem Alter. „Wir mussten ihr erst mal zeigen, wie das geht“, erinnert sich Mutter Ute. Jetzt, sechs Jahre später, spielt ihre Tochter im Dress der Nationalmannschaft und ist Junioren-Weltmeisterin.

„Ganz schön verrückt, wie schnell das alles gegangen ist“, sagt die 16-jährige Schülerin aus dem Caldener Ortsteil Ehrsten. Ihr Aufstieg zu einer der Besten ihrer Generation war rasant. Nachdem sie merkte, dass sie ein gewisses Talent mitbringt, Bälle zu versenken, trat sie vor drei Jahren eher zufällig dem 1. MGC Kassel-Vellmar bei. Der Minigolfclub hat seine Bahnen neben dem Hallenbad in Vellmar, geöffnet sind sie von April bis Oktober – normalerweise. „Dann kam aber erst mal Corona und der Lockdown. Also konnte ich nicht spielen“, erinnert sich die Schülerin der Hofgeismarer Albert-Schweitzer-Schule.

Richtig los mit ihrer Karriere ging es deshalb erst vor einem Jahr. Ihr erstes großes Turnier im Oktober 2021 gewann sie auf ihrer Heimbahn. Unter den Zuschauern war auch der Bundestrainer, der die vielversprechende Nachwuchsspielerin gleich in den deutschen Juniorenkader holte. Dann ging alles ganz schnell: „Ich habe Trikots, Jacken und Pullis der Nationalmannschaft bekommen. Das konnte ich erst gar nicht glauben.“ Beim U23-Nationen-Cup belegte sie mit der Mannschaft Platz drei.

Im August spielte sie in Murnau plötzlich um WM-Titel. „Mein Ziel war, mit der Mannschaft aufs Treppchen zu kommen.“ Im Einzel wurde sie Fünfte, im Mixed-Paar-Wettbewerb Vierte, mit dem Mädchen-Team Zweite – Ziel erreicht. Und dann, im Matchplay, einem Eins-gegen-Eins-Wettbewerb, bei dem es nicht aufs Gesamtergebnis, sondern auf jede einzelne Bahn ankommt, drehte sie auf. „Irgendwann habe ich alles oder nichts gespielt.“ Mit Erfolg. Im Finale besiegte sie eine Tschechin.

Ein großes Preisgeld gab es nicht. Dafür darf sie für einen Hersteller ihren eigenen Ball herausbringen. Die Startauflage beträgt 200 Stück, kosten wird ein Exemplar mit ihrem Namen etwa 19 Euro. Der Ball, ein Sondermodell der Ehrenkategorie „Ball of Fame“ in ihrer Lieblingsfarbe Lavendel, kommt im Februar auf den Markt. Wird er gekauft, geht ein Anteil an sie.

Bälle sind ohnehin im ambitionierten Minigolf eine Wissenschaft für sich. Für nahezu jede Bahnbeschaffenheit, Hindernisart, Außentemperatur und Luftfeuchtigkeit hat Felicitas Haubrock das passende Modell: Mal erinnert er an einen Flummi, mal an eine Billardkugel. Insgesamt hat sie 170 Stück – aber nur einen Schläger. Und der ist exakt auf sie zugeschnitten. „Mit dem eines Zwei-Meter-Mannes könnte ich nicht so gut spielen.“

Apropos: Was heißt eigentlich gut? „Alles über 24 Schläge ist ein schlechter Tag für mich“, sagt sie. Zum Vergleich: Schafft ein Hobbyspieler auf den 18 Bahnen eine 36er-Runde, hat er gute Chancen als Tagesbester notiert zu werden. An sehr guten Tagen gelingt ihr auch eine Ass-Runde: 18 Schläge, 18 Treffer.

So etwas wie ihr Endgegner auf jeder Anlage ist die Bahn, auf der man durch ein schmales Rohr spielen muss. „Hobbyspieler können auch das Hindernis umspielen, wir müssen mittendurch“, sagt Felicitas Haubrock, die mit dem 1. MGC in der dritten Bundesliga spielt. Dass alles mit rechten Dingen zugeht, darauf achten bei Meisterschaften Schiedsrichter. Gezählt werden die Schläge nicht mit Bleistift und Zettel, sondern mit speziellen Handys.

Abseits der Bahnen würde sich die Elftklässlerin (Einser-Schnitt, Lieblingsfach: Informatik) mehr Wertschätzung wünschen. Für den Minigolfsport generell, aber auch für Einzelleistungen. Schließlich könne nicht jede Gemeinde von sich behaupten, eine Weltmeisterin zu haben. „Weder der Bürgermeister von Vellmar noch der aus Calden haben sich gemeldet. Das ist schon schade.“

Um in der kalten Jahreszeit nicht aus dem Rhythmus zu kommen, trainiert sie auf Indoor-Bahnen in Celle (Niedersachsen) und Halver (NRW). Ihr nächstes sportliches Ziel sind die Europameisterschaften 2023 in Mailand. „Ich will noch besser werden.“

Und wenn zwischendurch am Wochenende Zeit ist, will sie auch wieder mit ihren Eltern nach Vellmar fahren. So wie früher, nur mit vertauschten Rollen. „Jetzt zeigt sie uns, wie’s geht“, sagt Mutter Ute. (Sebastian Schaffner)

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