Volkswagen geht auf Abstand

Ohne Jobabbau aus der Corona-Krise: Produktion in Baunatal wird hochgefahren

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Besprechung mit Raum: Jeder Mitarbeiter, der daran teilnimmt, muss sich auf einen Stern stellen. Mindestens 1,50 Meter Abstand müssen in den Werkshallen bei VW in Bunatal gewahrt sein.

Corona in der Region Kassel: Nach der Corona-Pause wird die Produktion bei VW in Baunatal wieder hochgefahren. Auch hier im Werk müssen Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. 

  • Die Corona-Krise hat das VW-Werk in Kassel ausgebremst.
  • Nun wird die Produktion wieder hochgefahren.
  • Abstands- und Hygieneregeln müssen eingehalten werden

Baunatal - Corona hatte das VW-Werk Kassel ausgebremst. Zwei Wochen drehte sich kein Rad in der zweitgrößten deutschen Volkswagenfabrik. Jetzt wird die Produktion Schritt für Schritt hochgefahren. Stoppschilder, Einbahnstraßenzeichen und mit bunten Streifen markierte Wege durch das Maschinen-Labyrinth. Irgendwie erinnert das Ganze an einen Verkehrsgarten aus Kindertagen. 

Doch, was auf den ersten Blick vermeintlich spielerisch daher kommt, hat einen bitterernsten Hintergrund. VW hat dem Coronavirus den Kampf angesagt. Und geht auf Abstand. Im VW-Werk Kassel in Baunatal hat man nahezu jeden Arbeitsplatz unter die Lupe genommen, um die Mitarbeiter auf Distanz zu bringen. 1,50 Meter, so sagt es eine Betriebsvereinbarung zwischen Vorstand und Betriebsrat, sollen es mindestens sein. Nur, wenn der Abstand unterschritten werden muss, etwa von Instandhaltern bei Reparaturen, dann müssen die VWler ab sofort auch eine Maske tragen.

Kassel: VW-Werkleiter will mit bisheriger Mannschaftsstärke zurück zur Normalität

Fahrstühle und Teeküchen dürfen nur noch von jeweils einer Person betreten werden. Auch darauf verweisen Schilder. Und die Zahl der Mitarbeiter, die in die Konferenzräume dürfen, ist mit Kreuzen auf einem Plan markiert. Wenn Teambesprechungen in der Halle stattfinden, dann muss jeder Mitarbeiter auf einem Stern stehen, der auf den Hallenboden geklebt ist. 1,50 Meter zum Kollegen sind so garantiert.

Mit VW-Mundschutz: Gennadij Lejovic hat sich diesen selbst gefertigt. Er trägt ihn in dieser Abteilung des Getriebebaus freiwillig.

Alle Erkenntnisse, die es gebe, ob vom Robert-Koch-Institut, vom Bundesarbeitsministerium und der IG Metall seien hier „zu 110 Prozent umgesetzt“, betont Betriebsratschef Carsten Bätzold. Da sei Volkswagen Vorreiter. „Man kann davon ausgehen, das kann für viele ein Vorbild sein.“

Corona im Landkreis Kassel: VW möchte Vorbild sein

„Es ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber wir kommen klar damit“, sagt Gennadij Lejovic, der in der Fertigung des Direktschaltgetriebes DL 382 in Baunatal arbeitet. Die Sicherheitsregeln seien sehr wichtig, betont Lejovic. Der Getriebebauer hat sich zusätzlich aus einem alten VW-T-Shirt einen Mundschutz mit VW-Emblem genäht. „Wir wollen gesund bleiben. Und nix mit nach Hause nehmen“, sagt er.

Masken, so erläutert Unterabteilungsleiter Matthias Bölling, stelle der Arbeitgeber für Beschäftigte, die in einem Abstand unter 1,50 Metern zusammenkommen müssten, zur Verfügung. Es gebe pro Schicht für jeden zwei Masken. Der Mundschutz sei in anderen Bereichen freiwillig. „Für uns ist das Neuland“, sagt auch Teamsprecher Nikolaj Ziegler.

In seiner Montagelinie wurden sogar Plexiglaswände aufgestellt, damit sich die Mitarbeiter beim Gang von Montageplatz zu Montageplatz nicht direkt begegnen. Auch Ziegler scheint sich mit der Situation arrangiert zu haben. Den Eindruck machen viele der Beschäftigten in diesem Produktionsbereich. Am Ende sagt er dann noch einen Satz, den sicher viele bei VW in diesen Tagen im Kopf haben und in dem sicher auch ein Stück Hoffnung mitschwingt. „Bis jetzt ist es gut. Wir gucken, wie lange sich das hinzieht.“

Corona im Landkreis Kassel: Jobabbau bei VW kein Thema

Einen drastischen Arbeitsplatzabbau im VW-Werk Kassel in Baunatal aufgrund von Corona und den damit verbundenen Nachfrageeinbrüchen in der Autoindustrie – den wird es aktuell nicht geben. Das jedenfalls sagt Werkleiter Olaf Korzinovski im Gespräch mit der HNA. Sollte tatsächlich in den nächsten Monaten wieder so etwas wie Normalität im zweitgrößten deutschen VW-Werk einkehren, dann setze die Fabrik ihre Arbeit mit dem bisherigen Mitarbeiterstand von 16 500 Beschäftigten fort, sagt der Chef des größten Arbeitgebers der Region.

Abstandsregeln eingehalten: Das Foto zeigt Werkleiter Olaf Korzinovski (links) und Betriebsratsvorsitzenden Carsten Bätzold.

In einem Vier-Punkte-Plan soll der Standort Schritt für Schritt wieder auf Vollbetrieb gefahren werden, erläutert er. „Wir stehen seit fast fünf Wochen“, ergänzt Betriebsratschef Carsten Bätzold. „Das hat es in der Form noch nicht gegeben.“ Nicht einmal während der Finanzkrise 2008/2009 und während der Diskussion um die Vier-Tage-Woche in den 90ern. „Wichtig ist, dass wir einen Plan haben. Und den haben wir“, betont Korzinovski. Zahlen, wie stark die Krise das Werk finanziell belastet, nennt der Chef indes nicht. Entscheidend für die weitere Entwicklung sei die Kundennachfrage, so Werkleitung und Betriebsrat einhellig.

Aktuell sind rund 1700 Beschäftigte im Baunataler Werk an Bord. Zunächst waren nach zwei Wochen Komplettruhe Mitarbeiter für den Bau von E-Motoren aus der Kurzarbeit zurückgeholt worden. Dann folgte die Wiederaufnahme in der Getriebeproduktion, um der Nachfrage in China und Mexiko nachzukommen. Oberste Priorität habe beim Restart aber die Elektromobilität gehabt, sagt Korzinovski und ergänzt nachdrücklich: „Die Priorität liegt bei allem, was einen Stecker hat.“

Corona im Landkreis Kassel: Wichtiges Signal für die Region

Dem folgend sendet der Werkleiter ein wichtiges Signal für die Region. An dem geplanten Ausbau der E-Motorenfertigung werde in Baunatal festgehalten. Schließlich sollen in der Halle 1 bald jährlich bis zu 500 000 Elektroantriebe gebaut werden. Im aktuellen Krisenmodus verlassen laut Korzinovski täglich nur 100 E-Motoren das Baunataler Werk Richtung Zwickau, wo der ID.3 seit wenigen Tagen wieder vom Band rollt. Es gebe keinen Rückzug aus dieser großen strategischen Ausrichtung, die E-Mobilität nach vorne zu treiben, „Für den ID.3 gibt es über 30 000 Reservierungen. Das ist positiv.“

In den vergangenen Tagen wurden die Arbeitsplätze in der Fabrik dahingehend umgestaltet, das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus von Mitarbeiter zu Mitarbeiter zu minimieren. „Die Fertigung unserer Zukunftsprodukte zeigt, dass eine schrittweise Wiederaufnahme der Produktion und dabei höchste Standards beim Gesundheitsschutz einzuhalten, gut funktionieren kann“, so formuliert es der Werkleiter. „In dem Wiederanlauf steckt eine enorme Mannschaftsleistung.“ 90 Prozent der Arbeitsplätze seien bereits untersucht worden.

Corona im Landkreis Kassel: Die Ängste der Belegschaft sind groß

Carsten Bätzold hält die Richtung mit Abstandsregeln, zeitversetzten Arbeitszeiten und dem Vermeiden von Menschenansammlungen ebenfalls für erfolgversprechend. „Sich jetzt hier an der Arbeit anzustecken, dann müsste es schon ziemlich dumm laufen“, sagt er.

Der Betriebsratschef berichtet aber auch davon, dass es bei einem Teil der Beschäftigten erhebliche Bedenken gibt. „Es gibt viele, bei denen es große Ängste gibt, sich anzustecken.“ Die Rückkehr zum Regelbetrieb, darin sind sich Bätzold und Korzinovski einig, werde noch dauern. Wo steht das Werk denn an der vom Bund häufig genannten Marke zum 1. September? Korzinovski: „Ich hoffe, dass wir im September wieder soweit für eine neue Normalität sind.“

Corona im Landkreis Kassel: Produktionsstopp im März

Da, wo sonst tausende VW-Beschäftigte von ihren Autos aus zur Arbeit drängen, herrscht derzeit gespenstische Leere.  Die Arbeit in Deutschlands zweitgrößtemVW-Werk in Kassel musste wegen der Corona-Pandemie ruhen. Nach Ostern kehrten 300 Mitarbeiter nach derCorona-Pause ins VW-Werk in Kassel zurück.

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