Erdbeerpflücken in Corona-Zeiten: Ein Gefühl von Freiheit und Urlaub

Erika Hoffmann (hinten) füllte mit ihren Drillingen Elias (von links), Luis und Lukas (alle 10) auf dem Klemme-Feld in Rengershausen große Schüsseln. „Da haben die Kinder etwas zu tun und es macht Spaß“, sagt die Baunatalerin.

Erdbeeren rarer und teurer, aber Selbstpflücken ist in Corona-Zeiten ein Renner

Vellmar/Baunatal – Der Samstagmorgen ist noch jung, es ist gerade erst 8.30 Uhr. Doch die Sonne sticht schon auf das weite Erdbeerfeld der Obstplantagen-Firma Klemme an der Hamburger Straße in Vellmar (Landkreis Kassel). Kaum ein halbes Dutzend private Pflücker sind in den Reihen unterwegs, um die Früchte zu ernten.

Bernd Gräbe hat seinen Eimer schon voll. „Die sind viel frischer als im Supermarkt“, sagt der Rentner. Schnell füllt sich das Feld jetzt mit Familien, Paaren und einzelnen Pflückern, die mit Schalen, Eimer oder Körben ausgestattet sind. „Früher als sonst an einem Wochenende“, sagt Clemens Ollermann, der die mitgebrachten Behältnisse vor dem Pflücken abwiegt und deren Gewicht später abzieht.

Erdbeerpflücken in Corona-Zeiten ist im Trend

In Zeiten von Corona scheint der Trend zum Selbstpflücken stärker denn je – obwohl die Erdbeeren dieses Jahr rarer und teurer als sonst sind. „Das richtet sich nach Angebot und Nachfrage“, sagt Manuel Klemme, Inhaber von Klemme Obstplantagen in Grebenstein. „Der Bodenfrost im Mai hat den Blüten geschadet. Dazu kommt die lange Trockenperiode“, erklärt der Plantagenbesitzer. Im Schnitt seien die Erdbeeren bei ihm 20 bis 30 Cent pro Pfund teurer. Die Preise sind nach Menge gestaffelt.

Der Preis schreckt aber offenbar nicht ab. An Fronleichnam habe es einen regelrechten Ansturm auf seine Obstplantagen gegeben, bis zu 90 Prozent der reifen Früchte seien geerntet worden.

Erdbeerpflücken in Corona-Zeiten: Ansturm auf Felder

„Jetzt sollte man mal fünf oder sechs Tage warten“, empfiehlt er. Viele wollen so lange aber nicht warten. Auf dem Klemme-Feld in Baunatal-Rengershausen (Landkreis Kassel) an der A49 stehen am Samstagmorgen die Menschen schon vor Eröffnung des Feldes Schlange. Der Boom des Selbstpflückens hat möglicherweise auch etwas mit den Einschränkungen zu tun, die die Coronakrise mit sich bringt: Eine Maske braucht man hier nicht, auf dem weiten Feld kann man die Abstände spielend einhalten und sich frei bewegen – ein Genuss, nach der langen Zeit des Lockdowns. Nur der Verkäufer hat einen Mund-Nasen-Schutz.

„Ich habe hier ein ähnliches Gefühl wie im Urlaub in Südfrankreich“, sagt Stephan Richter aus Kassel und blickt in den blauen Himmel, den kein Wölkchen trübt. Mit seiner Frau Esther pflückt er vor allem die kleinen Erdbeeren für Marmelade. „Die schmecken besser“, meint er.

Erdbeerpflücken in Corona-Zeiten: Ein Erlebnis

„Das Pflücken ist ein Erlebnis für die Kinder und die Erdbeeren sind dann viel günstiger als im Supermarkt“, sagt Daniel Waldmann. Er grast mit seiner Frau Tanja und den Kindern Leon (4) und Sophia (6) die Reihen ab. Vielen Früchten fehlt noch die Reife. „Das Pflücken ist zähflüssiger, man muss mehr laufen“, sagt der Vellmarer Gräbe.

Manuel Klemme freut sich natürlich über die Nachfrage nach den roten Früchten. Doch seine Freude ist nicht ungetrübt. Der gute Verlauf der Erdbeer-Saison könne seine Verluste bei der Spargelernte nicht annähernd ausgleichen, sagt der Plantagenbesitzer. Unter anderem habe er wegen der Coronakrise eine Reihe von unerfahrenen Spargelstechern einstellen müssen. Dadurch habe es einigen Schwund bei der Ernte gegeben.

VON PETER DILLING

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