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Folge der Corona-Pandemie: Zahl der Insolvenzen in der Region Kassel steigt

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Von: Sven Kühling

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Fehlende Coronahilfen, Lieferengpässe, fehlende Fachkräfte: Einige Unternehmen in der Region haben in den vergangenen Monaten ihre Türen geschlossen.
Fehlende Coronahilfen, Lieferengpässe, fehlende Fachkräfte: Einige Unternehmen in der Region haben in den vergangenen Monaten ihre Türen geschlossen. ©  Bernd Weißbrod/dpa

Trotz Corona konnten die Unternehmen im Raum Kassel Insolvenzen bislang weitestgehend entgehen. Seit Jahresbeginn gibt es jedoch einen Anstieg.

Kassel – Fehlende Überbrückungshilfen vom Staat, Lieferengpässe beim Material, Fachkräftemangel und Ausfälle in der Belegschaft wegen Krankheit. Das sind nur einige wenige Schlagworte, die vor allem kleinere und mittlere Unternehmen im Raum Kassel seit dem Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 heftig beschäftigen. Einige Handwerker, Gastronomen und Klein-Betriebe hat dies an den Rand der Existenz gebracht.

Eine dramatisch steigende Zahl von Insolvenzen haben die Wirtschaftsverbände in der Region übergreifend jedoch nicht beobachtet. Sie verzeichneten 2021 gegenüber dem Vorjahr meistens sogar einen Rückgang.

Anstieg von Insolvenzen im Raum Kassel seit Jahresbeginn: „Entwicklung bleibt abzuwarten“

Sebastian Schlegel von dem Unternehmensnetzwerk Creditreform Kassel spricht von einem deutlichen Minus bei den Insolvenzen von 2020 auf 2021. Allerdings sieht er seit Beginn des Jahres einen Anstieg der Firmenpleiten. Mit Beginn dieses Jahres 2022 sei eine erhöhte Anzahl an Insolvenzen im Raum Kassel festzustellen, sagt Schlegel auf Anfrage. „Die weitere Entwicklung bleibt jedoch noch abzuwarten.“

Neben der konkreten Anzahl von Insolvenzen in den Vorjahren wolle er zudem erwähnen, dass es in den vergangenen Monaten auch zu zahlreichen Geschäftsaufgaben gekommen sei, die ja nicht zwangsläufig mit einer Insolvenz verbunden seien und mithin in der Insolvenzstatistik dann auch nicht auftauchen.

Raum Kassel: Staatliche Hilfen haben viele Unternehmen vor Bankrott gerettet

Und wie haben die staatlichen Hilfen bislang gewirkt? „Die Unterstützung durch massive Liquiditätshilfen hat viele Unternehmen vor dem Bankrott gerettet“, sagt Schlegel. Allerdings warnt der Creditreform-Chef vor dem Ende dieser Unterstützung. Deren Auslaufen treffe auf eine Zeit, wo massive Investitionen für die Wettbewerbsfähigkeit nötig seien, das Marktumfeld aber deutlich schwieriger werde.

Viele der Handwerksbetriebe hätten gar keine Wirtschaftshilfen in Anspruch nehmen müssen, sagt Barbara Scholz, Sprecherin der Handwerkskammer Kassel. Aber: „Richtig problematisch war die Situation vor allem für kleine Unternehmen, bei denen die Inhaberinnen und Inhaber Hilfen nur für Betriebsmittel, aber nicht für den eigenen Verdienstausfall beantragen konnten, weil eine derartige Förderung nicht vorgesehen ist“, so Scholz. „Größeren Betrieben standen da andere Möglichkeiten offen.“

IHK Kassel-Marburg setzt sich für Verlänger von Überbrückungshilfen ein

Auch die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg hebt den Wert der staatlichen Finanzspritzen hervor. „Die Überbrückungshilfen stellen eine wertvolle Unterstützung dar“, sagt Sprecher Carsten Heustock. Die Hilfen seien mehrfach verlängert worden. Auch derzeit setze sich die IHK für eine Verlängerung ein.

Wenn Branchen durch Restriktionen in ihrer unternehmerischen Tätigkeit betroffen seien, könnten diese jedoch nur ab einem Umsatzverlust von 30 Prozent Hilfen beantragen, erläutert Heustock weiter. „Allerdings ersetzen sie nur Kostenanteile und keine Umsatz- und damit Einkommensverluste.“

Gewinner und Verlierer im Raum Kassel: Eigenkapital wird durch Verluste aufgezehrt

Kleinere Geschäfte und Firmen berichten davon, kein Geld zu haben, um ihre Lager wieder aufzufüllen. „Die Coronakrise spaltet die Wirtschaft zunehmend in Gewinner und Verlierer“, sagt Sebastian Schlegel von der Creditreform. „Zu ersteren gehören unter anderem der Einzelhandel mit Fahrrädern und Lebensmitteln sowie Baumärkte und E-Commerce, zu letzteren Einzelhändler mit Bekleidung, Schuhen, Uhren und Schmuck, wie auch Gastronomie, Kultur und Fitnesszentren. Bei vielen Betrieben wird derzeit das Eigenkapital durch Verluste aufgezehrt.“

Im Handwerk ist das Auffüllen der Lager von Betrieb zu Betrieb verschieden. „Die Lagerhaltung im Handwerk ist von Gewerk zu Gewerk sehr unterschiedlich“, so Sprecherin Barabara Scholz. „So haben beispielsweise Bau- und Ausbau-Betriebe einen anderen Bedarf und damit auch andere Kosten als zum Beispiel Friseursalons oder Kosmetik-Institute.“

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Raum Kassel: Gehälter werden über alle Branchen hinweg immer noch gezahlt

Carsten Heustock von der IHK gibt Unternehmern einen Tipp: „Der stationäre Einzelhandel kann coronobedingt liegen gebliebene Ware als Kosten geltend machen. Auch Neubeschaffung von Lagerbeständen können gefördert werden.“

Regelmäßiges Gehalt ist für die Arbeitnehmer entscheidend. Können die Betriebe die Gehälter denn weiter zahlen? „Wir können an den Zahlen am Arbeitsmarkt und an der geringen Überschuldung der Verbraucher erkennen, dass die Gehälter über alle Branchen hinweg immer noch gezahlt werden“, so Sebastian Schlegel. Hilfe bietet laut Schlegel und Scholz vor allem das Kurzarbeitergeld.

Herausforderung für Unternehmen im Raum Kassel: Fachkräfte fehlen

Diese Entwicklung ist laut Sebastian Schlegel von Creditreform, eher so, dass zwar genug Geld zur Verfügung steht, oftmals aber qualifizierte Mitarbeiter fehlen. „Das führt in manchen Branchen (zum Beispiel den Maschinenbau, in der Gastronomie oder im Bereich Transport und Logistik) zu Personalengpässen, die sich dann wiederum in Umsatzeinbußen bemerkbar machen.“

Für das Handwerk kann Barbara Scholz noch keine Entwarnung für das begonnene Jahr geben. Sie sagt beim Blick in die Zukunft: Im Moment sei noch nicht abzusehen, „wie die Betriebe der von den pandemiebedingten Einschränkungen besonders betroffenen Handwerke durch das dritte Corona-Jahr kommen. „Hierzu zählen vor allem die Kosmetik-Institute, aber auch Friseursalons“, so Scholz weiter.

Blick in die Zukunft: Kurzarbeitergeld hält Insolvenzwelle auf

Sebastian Schlegels Fazit: „Solange die staatlichen Hilfen (Überbrückungshilfen etc.) bis hin zum Kurzarbeitergeld noch gewährt werden, ist mit einer Insolvenzwelle wohl noch nicht zu rechnen.“

Und noch eine Hilfe wurde von der Bundesregierung jetzt fortgeschrieben: Das Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Corona-Pandemie im Insolvenzrecht galt zunächst bis zum 31. Januar 2021. Inzwischen wurde die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende April 2021 verlängert. 

Während einige Unternehmen im Raum Kassel ums Überleben kämpfen, wagen in der Corona-Krise auch einige mutige Gründer den Schritt in die Selbstständigkeit. Aus einem Intensiv-Seminar an der Universität Kassel-Witzenhausen sind sechs neue Unternehmen hervorgegangen. (Sven Kühling)

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