„Kleiner Lichtblick am Horizont“

Corona-Lockdown: Einzelhändler im Landkreis Kassel hoffen auf Lockerungen

Hofft darauf, ihre Gold- und Silberschmiede in Simmershausen bald wieder öffnen zu dürfen: Inhaberin Stefanie Weymann.
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Hofft darauf, ihre Gold- und Silberschmiede in Simmershausen bald wieder öffnen zu dürfen: Inhaberin Stefanie Weymann.

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat für Hessen einen Vier-Stufen-Plan vorgestellt. Das halten Betriebe im Kreis Kassel davon.

Kreis Kassel – „Das, was jetzt geplant ist, heißt überhaupt nichts“, sagt Jens-Peter Ginsberg, Optiker aus Schauenburg und Vorsitzender der Gewerbepartner. Bei allem Verständnis für die Corona-Regeln sei nicht nachvollziehbar, dass versprochene finanzielle Hilfen nicht eingehalten werden. Er als Optiker habe zwar öffnen dürfen, aber Ginsberg will sich für die Interessen aller einsetzen. Deshalb kontaktiere er seit Monaten fast täglich Bundestags- und Landtagsabgeordnete sowie Bürgermeister.

Er findet, die Maßnahmen seien teilweise fraglich, weil der Einzelhandel kein Hotspot für Infektionen gewesen sei und trotzdem geschlossen wurde. Den Betrieben nun mit der Aussicht auf Lockerung „Wasser unter dem Kiel zu geben, ist aber ein richtiges Zeichen“. Ginsberg vermutet, dass bei vielen das Vertrauen in die Politik verloren gegangen ist, weil der Einzelhandel, an dem Existenzen hängen, gnadenlos vernachlässigt worden sei.

Corona-Lockdown in Kassel: Einzelhändler bleiben auf Winterware sitzen

„Ich finde es unmöglich, was mit uns gemacht wird“, sagt Sina Geist vom Bekleidungsgeschäft „Stoffwechsel“ in Baunatal. Bislang dürften keine Kunden ins Geschäft – es sei gut, wenn wenigstens das wieder möglich wäre. Dass immer nur ein bis zwei Personen den Laden betreten, sei im „Stoffwechsel“ auch vergangenes Jahr schon üblich gewesen. Geist hofft, dass nun wenigstens die Frühlingsware verkauft werden kann – auf der Winterware sei das Geschäft sitzen geblieben.

Katharina Engelhardt, Inhaberin des Bücherecks in Vellmar, bietet bereits den Service an, dass Kunden ihre Bücher vorbestellen und abholen. Sie habe einen Tisch vor dem Laden und gebe dort die bestellte Ware heraus. Das nähmen die Kunden bislang auch dankend an, weshalb sich der finanzielle Einbruch bei ihr und anderen in der Branche in Grenzen halte.

Corona in Kassel: Händler wünschen sich Außenverkauf im Lockdown

Der Bedarf, etwas wie „Click and Meet“ anzubieten, ist laut Engelhardt in ihrer Buchhandlung nicht so groß. Dass Kunden einen Termin machen, um durch die Bücherregale zu stöbern, hält sie für unwahrscheinlich – zumal sie ihre Ausgabestelle am Eingang dann immer beiseite räumen müsste. Was sie sich wünschen würde, ist ein Außenverkauf, beispielsweise in Form von Bücherboxen oder Grußkartenständern.

„Ich freue mich auf diesen kleinen Lichtblick am Horizont“, sagt Stefanie Weymann, Inhaberin der Gold- und Silberschmiede Simmershausen in dem Fuldataler Ortsteil. Sie vermisse die Kunden. Da ihr Betrieb auch ausbilde, laufe die Arbeit in der Werkstatt normal weiter – „wir können in unserer Branche gut vorarbeiten und zum Beispiel neue Entwürfe machen“, sagt Weymann.

Corona-Lockdown trifft Einzelhandel in Kassel: Gesundheit der Menschen trotzdem am wichtigsten

Zudem sei die Gold- und Silberschmiede nicht nur Verkaufsort, sondern auch Handwerksbetrieb, weshalb etwa Reparaturen weiterhin stattfinden konnten. Außerdem wurde laut Weymann Schmuck über den Onlineshop gekauft oder zum Abholen bestellt. „Wenn Kunden wieder kommen dürfen, wäre das schön“, findet sie.

Laut Birgit Kaiser-Wirz, Vorsitzende des Gewerbevereins Söhre, ist die Gesundheit der Menschen immer am wichtigsten. Ihrer Einschätzung zufolge gibt es jedoch Branchen, die dringend Lockerungen brauchen – sie denke da vor allem an Textilgeschäfte und die Gastronomie. Kaiser-Wirz hält einen Mittelweg für sinnvoll: Lockerungen ermöglichen, aber unter Auflagen. „Das ist für die Inhaber existenziell“, sagt sie, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Viele Betriebe würden dabei sehr kreativ. „Bis es so ist, wie es vorher war, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern“, vermutet Kaiser-Wirz. (Lara Thiele)

Corona: Möglicher Stufenplan mit Lockerungen in Hessen

Ein möglicher Stufenplan der hessischen Landesregierung mit Lockerungen in der Corona-Krise könnte beispielsweise so aussehen:

  • März: Treffen mit bis zu fünf Personen aus maximal zwei verschiedenen Haushalten möglich; Sport auf Sportanlagen; Einzeltermine in Fitnessstudios; Zoos, Freilichtmuseen und ähnliche Einrichtungen unter freiem Himmel dürfen öffnen; Mit „Click and Meet“ Möglichkeit des Einzelbesuchs in Geschäften
  • Vor Ostern: Veranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 50 Personen; Öffnung von Museen und Galerien; Öffnung im Einzelhandel; Außengastronomie möglich; alle körpernahen Dienstleistungen können stattfinden
  • Nach Ostern: Präsenzunterricht in den Klassen 1 bis 6, Wechselunterricht in den Klassen 7 bis 11; Treffen mit bis zu zehn Personen; Veranstaltungen mit bis zu 50 Teilnehmern; Mannschaftssport; Öffnung der Schwimmbäder; mehr Kunden im Einzelhandel; Restaurants dürfen auch Innenbereich öffnen; Hotels öffnen; Hybridbetrieb in Hochschulen
  • Ab Mai: Präsenzunterricht für alle Klassen; Lockerung der Maskenpflicht; Veranstaltungen mit bis zu 150 Teilnehmern; Weniger strenge Regeln für den Einzelhandel; Öffnung von Bordellen

Ab Dienstag (02.03.2021) können sich Erzieher und Lehrer aus Kassel und der Region Termine für Corona-Impfungen mit dem Wirkstoff Astrazeneca machen. Alle Informationen und die aktuellen Corona-Fallzahlen des RKI für Stadt und Landkreis Kassel gibt es im News-Ticker.

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