Pfarrerin Birgit Inerle über Seelsorge im Altenzentrum Lindenberg

Situation in Altenheimen in der Coronakrise: „Für fitte Bewohner am schwersten“

Der Coronakrise getrotzt: Pfarrerin Birgit Inerle hat auch während der Schließung den Kontakt zu den Bewohnern des Altenzentrums Lindenberg gehalten.
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Der Coronakrise getrotzt: Pfarrerin Birgit Inerle hat auch während der Schließung den Kontakt zu den Bewohnern des Altenzentrums Lindenberg gehalten.

Keine Ausflüge, keine Besuche von Angehörigen: Bewohner von Altenheimen mussten aufgrund der Coronakrise auf viele alltägliche Dinge verzichten.

Die Altenheime waren über Wochen geschlossen, so auch das Kasseler Altenzentrum Lindenberg. Pfarrerin Birgit Inerle hat, als das Altenzentrum für Besucher zum Schutz der Bewohner über mehr als einen Monat geschlossen war, den Kontakt zu den 92 Bewohnern des stationären Bereichs und den 250 Senioren im Betreuten Wohnen im Altenzentrum und deren Angehörigen aufrechterhalten.

Sie ist dabei neue Wege gegangen und lobt die große Unterstützung, die sie von den Mitarbeitern des Altenzentrums erhalten habe. Das Altenzentrum hat nach eigener Aussage bis heute Glück: Kein Bewohner hat sich mit Corona infiziert.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie ihren letzten Gottesdienst vor dem Lockdown im Altenzentrum gehalten haben und mit welchem Gefühl?

Das war Ende Februar oder Anfang März. Vorher hatte ich während einer Dienstreise in Frankfurt auf dem Bahnhof schon Leute mit Schutzmasken gesehen, während in Kassel noch völlige Normalität herrschte. Mir war da aber nicht bewusst, dass es uns auch ereilen könnte.

Wie haben Sie auf die Schließung des Altenzentrums reagiert?

Keine Besuche, das galt grundsätzlich auch für mich als Seelsorgerin. Mein erster Gedanke war: Das kommt einem Berufsverbot gleich. Und der zweite: Wie erhalte ich den Kontakt zu meinen Leuten aufrecht, sie brauchen mich doch in dieser Notlage mehr denn je. Den meisten meiner Kollegen ging es ähnlich. Nur wenige haben sich Gedanken um ihre eigene Gesundheit gemacht.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Ich bin neue Wege gegangen und habe digitale Medien genutzt. Zum Beispiel habe ich Texte für Andachten auf meinem Smartphone geschrieben und an das Altenzentrum gemailt. Diese Texte wurden dann von den Mitarbeitern des Altenzentrums vorgelesen. Deren Engagement ist immens. Zu Ostern haben sie sogar auf dieser Grundlage praktisch den Gottesdienst selbst gehalten. Andachten habe ich auch per Youtube und als Podcast verschickt. Auch die Alltagsbegleiter auf den Stationen haben meine Texte Bewohnern vorgelesen. Ich habe auch viel telefoniert – mit Angehörigen und Bewohnern – und Karten geschrieben.

Insgesamt war es eine Mischung aus klassischer und digitaler Kommunikation. In unserer Fachstelle habe ich eine Ideenbörse dafür organisiert.

Durften Sie während der Schließungszeit auch Bewohner besuchen?

Jedes Altenheim hatte da seine eigenen Regeln, mehr oder weniger streng. Ich durfte in Fällen großer seelischer Not und zur Sterbebegleitung tatsächlich auf die Station. Und ich habe diese Gelegenheiten genutzt, auch mit anderen Bewohnern zu sprechen. Das Altenzentrum hat mich in Krisensituationen oft sogar selbst angefordert. Ich erhielt eine volle Schutzausrüstung. Bis heute ist der Infektionsschutz im Altenzentrum vorbildlich. Auch für die Besucher, die jetzt wieder in einem gesonderten Raum ihre Angehörigen treffen können und jeweils eine Schutzausrüstung gestellt bekommen.

Wie sind die Bewohner und ihre Angehörigen mit der Situation zurechtgekommen?

Das war unterschiedlich. Vor allem die kognitiv eingeschränkten Bewohner verstehen die ganzen Schutzmaßnahmen nicht. Sie vermissen die persönliche Nähe, die Berührung.

Eine Bewohnerin wollte sich beispielsweise spontan neben mich aufs Sofa setzen. Am meisten leiden aber diejenigen, die noch fit sind und noch Ausflüge machen, an einem Gefühl des Eingesperrtseins. Doch die meisten Anrufe habe ich von Angehörigen erhalten. Für die war der Lockdown richtig heftig.

Die meisten haben aber eingesehen, dass sie ihre Mutter oder ihren Vater schützen müssen. Nur ein kleinerer Teil konnte mit dem Kontaktverbot schwer umgehen.

Hat sich die Lage jetzt entspannt?

Ohne Zweifel. Ich halte jetzt donnerstags den Gottesdienst im Innenhof des Altenzentrums, er wird auch in die Zimmer übertragen. Ein weiterer findet auf dem Vorplatz des Heims statt.

Und für den Besuch auf den Stationen gibt es für mich keine Einschränkungen mehr. Für die Bewohner des Betreuten Wohnens biete ich „Gespräche auf der Kirchenbank“ – einer Parkbank – an. 

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