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Helios stellt DRK-Menübringdienst im Landkreis Kassel zum 15. Oktober ein

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Von: Michaela Pflug

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Das Bild zeigt zwei Männer bei der Übergabe einer blauen Thermobox vor einer geöffneten Haustür.
Kennen sich schon lange: Reiner Himmelmann bekommt sein tägliches Mittagessen von Robert Rohde geliefert. © Michaela Pflug

Der Menübringdienst der DRK-Kliniken Nordhessen wird am 15. Oktober eingestellt. Betroffen sind rund 180 Kunden hauptsächlich im östlichen Kreis Kassel.

Kreis Kassel - Für Reiner Himmelmann war es immer ein freudiges Ereignis, wenn es mittags an der Tür klingelte. Denn dann bekam er sein Mittagessen. Damit wird jetzt allerdings Schluss sein. Der Menübringdienst der DRK-Kliniken Nordhessen wird am 15. Oktober eingestellt. Betroffen sind rund 180 Kunden hauptsächlich im östlichen Altkreis Kassel. Als Grund nennt das Unternehmen, das seit vergangenem Jahr zur Helios-Klinikengruppe gehört, Personalmangel. Das Ende des Dienstes ärgert auch Kundin Christa Finis aus Lohfelden. Seit 2,5 Jahren nutzt sie den Dienst, da sie gesundheitlich eingeschränkt sei und das Kochen und besonders Einkaufen beschwerlich geworden seien. Sie sei immer zufrieden gewesen. „Besonders gut fand ich, dass das Geschirr aus Porzellan ist“, erklärt die 79-Jährige. Sie ärgerte sich so sehr, dass sie zum Hörer griff. Da habe es geheißen, das sei nicht mehr rentabel.

Das sei schwer nachzuvollziehen. Schließlich gebe es doch immer mehr ältere Menschen, die Nachfrage hätte also steigen müssen. „Es klingt für mich nach einer Entscheidung aus Profitgründen“, sagt die 78-Jährige. „Ich hätte auch einen Euro mehr bezahlt“, erklärt sie. Glücklicherweise habe sie Kinder, die sich bemühten, einen neuen Lieferdienst zu finden.

Die 93-jährige Gerda Waldenmaier fängt nun wieder an, jeden Tag in ihrer Kochnische selbst zu kochen. In ihrer Seniorenwohnanlage gebe es aber viele alte Menschen, die das nicht könnten, die auch kein soziales Netz haben, das dies übernehmen könnte. „Von dieser Entscheidung sind Menschen betroffen, die sich nicht wehren und die sich nicht selber helfen können. Ich finde das unmöglich. So ein Unternehmen hat auch eine soziale Verantwortung.“ Auch um die Fahrer, die sie seit Jahren kenne, tue es ihr leid.

Reiner Himmelmann hat dank Telefonbuch, Sohn und Betreuerin einen neuen Dienst, von dem er sein Mittagessen geliefert bekommt. Aber gerne wäre er bei dem DRK-Service geblieben, der ihn seit 2015 versorgt. „Das Essen war immer sauber und schmackhaft“, erklärt Himmelmann. Mehr noch als das Essen, werde er aber die Fahrer vermissen. „Man kennt sich, man mag sich“, sagt er. Da sei immer Zeit für ein kleines Gespräch gewesen. „Die waren alle wunderbar.“

„Für manche unserer Kunden sind wir der einzige Kontakt“, sagt Achim Sadlo, einer dieser Fahrer. Mitunter seien Tränen geflossen. „Es geht uns um die Kunden“, ergänzt sein Kollege Holger Rost. „Die werden im Stich gelassen von diesem Riesenkonzern. Das Soziale bleibt auf der Strecke.“ Nicht jeder habe Menschen, die im Internet nach Alternativen suchen könnten.

Besonders ärgert die Fahrer Achim Sadlo, Lilo Bergner, Holger Rost, Bärbel Gliem, Hans-Joachim Wollenweber und Helena Kranz, dass der Dienst aus ihrer Sicht gerettet hätte werden können. Probleme habe es immer mal gegeben, aber seit der Übernahme des Dienstes seien diese schlimmer geworden. Die Organisation funktioniere eher schlecht als recht, mitunter wirkten Mitarbeiter überfordert. Die Begründung des Konzerns können sie nicht nachvollziehen. Aktuell seien sie 17 Fahrer für sechs Autos – mehr als früher, sagt eine, die seit vielen Jahren dabei ist. Sogar neue Mitarbeiter habe man geworben. Oder es zumindest versucht: „Eine Bekannte von mir hat aber nie eine Rückmeldung bekommen“, erklärt Sadlo.

Das sei grundsätzlich ein Problem, immer wieder hätte man auch Kontakte von potenziellen Kunden weitergegeben, sagen alle vier. Die Wartelisten seien ellenlang, sind sich die Fahrer einig.

Es sei ganz normal, dass bei einem Service für ältere Menschen Kunden ins Pflegeheim kämen oder stärben. Daher sei es wichtig, auf die Akquise zu achten. Das sei aber nicht passiert. „Wie soll eine Firma gesunden ohne Kunden?“, fragt Sadlo.

Das sagt Helios: „Es gibt nicht mehr genug Fahrer“

Der Schritt den Menü-Bringdienst einzustellen, sei nicht leicht gewesen und bedauerlich, sagt Tobias Hindermann, Geschäftsführer der Helios-Kliniken Kassel und Kaufungen. „Aber wir sind kaum noch in der Lage, die notwendigen Mitarbeiter für die Versorgung auf dem Arbeitsmarkt zu finden und das Essen in einem akzeptablen Preis zu liefern“, sagt Hindermann.

Die Corona-Pandemie habe die Situation zudem erschwert. „Touren zu organisieren, wurde immer schwieriger. Mehrere Fahrer mussten öfter Überstunden machen, zum Teil haben wir das Essen über Taxiunternehmen verteilen lassen.“ Dennoch habe man nicht immer alle Touren regulär bedienen können. Aufgrund der Fahrerknappheit sei es auch nicht möglich gewesen, weitere Kunden zu beliefern. Wie sich die Zahl der Kunden und Fahrer seit Übernahme durch Helios entwickelt hat, dazu machte Hindermann auf Nachfrage keine Angaben. Rund 180 Kunden seien zuletzt von 15 bis 20 Fahrern beliefert worden.

„Darüber hinaus wollten wir die Preise nicht noch einmal erhöhen“, sagt Hindermann. Bereits im Sommer seien diese auf 8,50 Euro angehoben worden. Angesichts der allgemeinen Preisentwicklung hätte man nun über 10 Euro gehen müssen. Die Küche am Standort in Kaufungen bleibe erhalten und versorge weiter das Krankenhaus und das benachbarte DRK-Altenheim. (Michaela Pflug)

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