Drug-Checking

Folgen von Pillen besser abschätzen

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Könnten Partydrogen in Zukunft wieder offiziell auf Ihre Inhaltsstoffe gecheckt werden? Das sieht das Drug-Checking jedenfalls vor. Auch Ecstasy (im Bild) kann aus unterschiedlichen Substanzen bestehen und unterschiedlich wirken.

Eine Hessische Initiative will mit Tests von Partydrogen, sogenanntem Drug-Checking, für mehr Aufklärung sorgen. Das findet auch bei der Drogenhilfe Anklang. 

Kreis Kassel – Sie sind klein, zum Schlucken oder Schnupfen und haben ihren Auftritt bei Partys – ihre Folgen sind meist schwer abschätzbar und gefährlich: Partydrogen. Über die Hälfte der Klienten, die in der Drogenhilfe Nordhessen aus dem Landkreis Kassel 2019 betreut wurden, sind unter 21 Jahren. Gerade bei jungen Menschen spielen Partydrogen dabei immer wieder eine Rolle.

Im Kampf gegen Drogenmissbrauch gibt es eine Methode, die zwar umstritten, in anderen Ländern aber schon eingesetzt wird: das sogenannte Drug-Checking. Die Idee: Konsumenten haben die Möglichkeit, Partydrogen über einen Beratungsstandort an ein Labor zu schicken. Die Substanzen werden dort auf Dosierung und Zusammensetzung analysiert, und das Ergebnis wird dem Konsumenten zusammen mit einer umfassenden Beratung und Aufklärung zu Risiken mitgeteilt.

Was in anderen Ländern wie Österreich schon gang und gäbe ist, war in Deutschland bisher nicht möglich, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hatte das abgelehnt – es verstößt gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Auch das Land Hessen würde gern ein Modellprojekt starten, darf aber nicht und hat jetzt dagegen geklagt. Das hessische Modell sieht laut einer Sprecherin des Ministeriums für Soziales und Integration ein stationäres Drug-Checking in Frankfurt und mobiles Drug-Checking an verschiedenen Standorten vor, zum Beispiel bei Musikevents. Das Projekt soll durch eine wissenschaftliche Studie begleitet werden und dadurch quasi seine Berechtigung haben – für wissenschaftliche Zwecke könnte das Bundesamt eine Ausnahme vom Gesetz genehmigen.

Barbara Beckmann von der Drogenhilfe Nordhessen begrüßt die Initiative des Landes. Sie leitet die Abteilung des Beratungsverbunds in Stadt und Landkreis Kassel, arbeitet als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und ist der Meinung, dass sich ein Versuch lohnen würde. Sie weiß, dass junge Leute Drogen wie Amphetamine und Pillen ausprobieren und auch, dass es schwer ist, sie davon abzuhalten. Deshalb sei es besser, zu prüfen, was in den Drogen enthalten ist, damit auch der Konsument besser die Folgen abschätzen kann. Partydrogen kämen oft aus dem Ausland, und die Jugendlichen „wissen manchmal nicht, was drin ist“, sagt Beckmann. Es sei eine Chance, sie mit Infos zu versorgen und aufzuklären. Auch über die Dosis wüssten die meisten nicht Bescheid. Beckmann weiß von fünf Todesfällen 2017 in Nordhessen, die in Zusammenhang mit sogenannten Neuen Psychoaktiven Substanzen stehen, geht aber von einer höheren Dunkelziffer aus.

Mit einem Labortest und der entsprechenden Risikoberatung kann sich Beckmann bei den Betroffenen immerhin einen verantwortungsvolleren Umgang mit Drogen vorstellen.

Beckmann weiß auch, dass das Thema heikel ist. Initiativen wie Drug-Checking würden in der Gesellschaft meist missverstanden. Dabei gehe es nicht darum, zum Drogenkonsum aufzurufen. Aber: „Wir erreichen Konsumenten eher, wenn wir sie begleiten.“ Sollte ein Modellprojekt kommen, sei es deshalb sehr wichtig, diskret damit umzugehen und mit der Beratung auch nur dort präsent zu sein, wo sich Konsumenten aufhalten. Die Drogenhilfe weiß, wo das in der Region ist.

So funktioniert Drug-Checking

Beim stationären Drug-Checking nimmt ein Büro Drogenproben entgegen und klärt dabei den Betroffenen über Wirkung und Gefahren psychoaktiver Substanzen und Risiken des eigenen Konsumverhaltens auf, erklärt eine Sprecherin des Ministeriums für Soziales und Integration. 

Nach der Einsendung in ein Labor kann der Nutzer über einen Code nach drei Tagen das Ergebnis abrufen. Befinden sich in der Probe hochgiftige Beimischungen oder eine andere Konzentration, wird das über einen Warnhinweis auf der Homepage veröffentlicht. 

Beim mobilen Drug-Checking auf Musikevents oder in Clubs funktioniert das ähnlich, außer dass ein Labor vor Ort einen Schnelltest macht und bei Gefahren sofort warnen kann. In den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich und anderen Ländern wird das bereits legal angeboten.

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