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Einsatzkräfte über Silvester-Angriffe und Konsequenzen: „Böllerverbot trifft die Falschen“

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Von: Josefin Schröder

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In der Silvesternacht wurden Einsatz- und Rettungskräfte in Berlin (Foto) und anderen Städten massiv angegriffen. Die Diskussion um die Konsequenzen beschäftigt auch Einsatzkräfte im Landkreis.
In der Silvesternacht wurden Einsatz- und Rettungskräfte in Berlin (Foto) und anderen Städten massiv angegriffen. Die Diskussion um die Konsequenzen beschäftigt auch Einsatzkräfte im Landkreis. © Julius-Christian Schreiner/dpa-bildfunk

Obwohl die Silvesternacht im Landkreis Kassel vergleichsweise ruhig verlief, entsetzen die bundesweiten Angriffe auf Polizei-, Feuerwehr- und Rettungseinsatzkräfte auch hier viele Menschen.

Kreis Kassel – In mehreren Städten wurden die Einsatzkräfte nicht nur beleidigt, sondern mit Böllern und Raketen beschossen. Zu solch massiven Übergriffen kam es im Landkreis nicht, bestätigt Kreisbrandinspektor Sebastian Mazassek. Trotz der ereignisarmen Silvesternacht, werden die bundesweiten Vorfälle und mögliche Konsequenzen auch bei vielen Einsatzkräften und Feuerwehrverbänden in der Region diskutiert.

„Einsatzkräfte, die jedem in Not helfen, zu beschimpfen und zu verletzen – das ist einfach unglaublich“, sagt Thorsten Vogler, stellvertretender Stadtbrandinspektor bei der Feuerwehr in Vellmar. Dort blieben solche Vorfälle glücklicherweise aus. Das größte Problem für die Rettungskräfte in Vellmar seien zurzeit Gaffer, die Unfälle mit Handybildern filmen.

Der Ton wird rauer, das merkt man.

Stadtbrandinspektor Ralf Seitz

Auch in Baunatal gab es keine Angriffe und nur wenige Einsätze in der Neujahrsnacht. „Allerdings wird der Ton rauer, das merkt man schon“, sagt Stadtbrandinspektor Ralf Seitz.

Um Angriffe auf Hilfskräfte zu dokumentieren, fordert die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft die Einsatzfahrzeuge mit Dash-Cams auszustatten. Das sind kleine Kameras, die beispielsweise hinter der Windschutzscheibe montiert werden. Während Vogler die Ausstattung mit Dash-Cams gutheißt, sieht Seitz darin „einen falschen Ansatz“. Die Umsetzung und besonders die anschließende Auswertung des Materials würde am Feuerwehrpersonal der Kommunen hängen bleiben. Auch die Datenschutzthematik sei beim Einsatz der Kameras ein weiteres Problem. „Im Moment des Angriffs helfen die Aufzeichnungen den Helfern nicht weiter“, sagt Seitz.

Generelles Böllerverbot scheint keine Lösung

Das aktuell viel diskutierte Böllerverbot sei auch wegen der alljährlich entstehenden Brände und Verletzungen bei der Baunataler Feuerwehr immer wieder präsent. Feuerwerk deshalb komplett zu verbieten, lehnt er jedoch ab. „Das würde die Falschen treffen, da dies ein gesellschaftliches Problem ist, was nicht mit einem Feuerwerkverbot gelöst werden kann.“

Kontrolliert und gezielt Feuerwerk erlauben – diese Meinung teilt auch Sebastian Mazassek. So könnten Verbotszonen zum Beispiel in Vierteln mit Fachwerkhäusern etabliert werden. Ein Verkaufsverbot für Böller würde die Situation an Silvester womöglich verschlimmern. Mazassek vermutet, dass dann eher illegale Böller und nicht zertifizierte Feuerwerkskörper vom Schwarzmarkt eingesetzt würden. „Man muss sich frei davon machen, dass ein Verbot alles verbessert.“

Übergriffe auf Rettungshelfer sind keine Seltenheit

Judith Ehret Geschäftsführerin des ASB Nordhessen
Judith Ehret Geschäftsführerin des ASB Nordhessen © Hoffmann, Sascha

Dass es zu keinen vergleichbaren Attacken wie in Berlin kam, erleichtert auch Judith Ehret, Geschäftsführerin beim ASB Regionalverband Kassel-Nordhessen. Unabhängig von Silvester kämen Übergriffe auf Rettungshelfer dennoch immer wieder vor. Wie man sich im Notfall deeskalierend verhält, sei bereits Teil der Ausbildung zum Notfallsanitäter. Allerdings stelle sich bei den Mitarbeitern ein Gefühl der Resignation ein, da die Vorfälle kaum Konsequenzen nach sich ziehen und die Täter oft nicht zu ermitteln seien. In solchen Fällen bietet der ASB den Mitarbeitern nun die Unterstützung durch Rechtsanwälte an.

„Die Geschehnisse an Silvester machen mich völlig sprachlos“, sagt Karsten Schreiber, Sprecher der Bürgermeister im Landkreis. „Dass Menschen, die anderen helfen sollen und wollen, plötzlich selbst Opfer werden, weil sie mit Böllern und Raketen abgeschossen werden, ist zutiefst zu verurteilen.“ Schreiber fordert, dass der Rechtsstaat gegen jeden einzelnen Täter vorgeht. „Wir brauchen ein hohes Maß an Abschreckung, damit so etwas nicht wieder vorkommt.“ Ein generelles Böllerverbot, so der Fuldataler Bürgermeister, sei nicht zielführend. „Wer soll das durchsetzen?“ (Josefin Schröder)

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