INTERVIEW mit Daniela Rösler aus Espenau

Psychologin gibt Einschätzung zum Weihnachtsfest unter Corona-Bedingungen

Frau ist an Weihnachten einsam wegen Corona
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Die Einsamkeit könnte an dem diesjährigen Weihnachtsfest, das unter Corona-Bedingungen stattfinden wird, zunehmen.

Corona wird das Weihnachtsfest in diesem Jahr stark beeinflussen – und somit auch den psychischen Zustand vieler Menschen. Wir sprachen mit der Psychologin Daniela Rösler aus Espenau über das Thema.

Kreis Kassel – Herrscht in diesem Jahr womöglich mehr Harmonie unterm Tannenbaum, weil weniger Familienmitglieder als sonst zusammenkommen? Oder ist das Konfliktpotenzial höher, weil viele mit den Menschen feiern, mit denen sie seit März sowieso schon aufeinanderhängen?

Grundsätzlich ist Weihnachten immer eine Belastung, unabhängig von der Pandemie, weil wir viele Erwartungen damit verbinden. Gerade durch die Corona-Einschränkungen haben wir aber noch mehr Erwartungen, die dann zwangsläufig enttäuscht werden, und das ist das große Problem. Wenn schon Konflikte vorhanden sind, werden die durch die Pandemie eher noch vergrößert.

Inwiefern gibt es in diesem Jahr noch mehr Erwartungen als sonst?

Manche haben die Erwartung, dass gerade wegen der aktuellen Einschränkungen Weihnachten wenigstens schön sein muss. Außerdem herrscht große Unsicherheit: Wir wissen nicht, was noch kommt, beispielsweise eine Ausgangssperre.

Für welche Gruppen in unserer Gesellschaft wird Weihnachten unter Corona-Bedingungen womöglich eine besondere psychische Belastung?

Es gibt viele Risikofaktoren, die eine Rolle spielen. Das sind sicherlich psychische Störungen und Erkrankungen, die schon vorhanden sind oder jetzt wiederkommen durch Faktoren wie Unsicherheit, Erwartungen, Enttäuschungen und Ängste. Auch Einsamkeit spielt eine große Rolle. Wenn mehrere Faktoren zusammenkommen, kann es durchaus sein, dass diese Personen stärker davon belastet sind. Es gibt Studien darüber, dass psychische Erkrankungen das Immunsystem beeinflussen und schwächen. Sie sind also ein Risikofaktor und könnten den Verlauf einer Corona-Infektion negativ beeinflussen.

Wer unter einer psychischen Krankheit leidet, sollte sich also eigentlich isolieren, hat aber das Problem, psychisch unter der Einsamkeit, gerade zu Weihnachten, zu leiden.

Das ist die große Gefahr. Auf der einen Seite will ich mich schützen, weil ich weiß, ich bin psychisch belastet. Auf der anderen Seite habe ich vielleicht auch gerade angefangen, soziale Kontakte aufzubauen, die jetzt wieder komplett eingeschränkt werden müssen. Doch ich brauche sie, um stabil zu bleiben.

Die Entscheidung, ob man die Angehörigen besucht, werden in diesem Jahr viele Menschen treffen müssen. Was raten Sie da?

Ganz wichtig: Die Familie muss darüber sprechen. Das ist immer eine Einzelfallentscheidung – wie hoch ist das Risiko? Was erwarten wir? Was haben wir für Bedürfnisse an Weihnachten? Was sind die Rituale, die uns lieb und wichtig sind? Gibt es Alternativen? Besonders wichtig ist, emotionale Nähe herzustellen. Die kann beispielsweise dadurch entstehen, dass ich ein Fotoalbum bastele oder Lieder aufnehme.

Ist das Risiko, sich in diesem Jahr an den Weihnachtsfeiertagen einsam und allein zu fühlen, höher als sonst?

Ja. Das betrifft nicht nur ältere Menschen, die Einsamkeitsgefühle haben, sondern auch jüngere. Es gab Studien bei der ersten Welle, in denen Kinder und junge Erwachsene untersucht wurden, und da gab es leider sehr viele Einsamkeitsgefühle und depressive Symptome. Die Gefahr ist natürlich groß, dass sich solche depressiven Verstimmungen verschlimmern, wenn man sie vorher schon hatte.

Oft rücken die älteren Menschen und ihr Schutz in den Fokus. Sind die jüngere Altersgruppe und ihre Sorgen rund um Corona unterschätzt worden?

Ich habe viele junge Patienten und die haben durchaus psychische Erkrankungen, die deutlich schlimmer geworden sind. Gerade da ist ja ganz viel an sozialen Aktivitäten weggefallen. Das ist extrem schlimm – sie müssen aufgefangen werden.

Aus epidemiologischer Sicht sind die Beschränkungen um Weihnachten sinnvoll. Ist das auch aus psychologischer Sicht so?

Es gibt kein Entweder-oder. Wir müssen diese Regelungen akzeptieren, aber auch nach vorne schauen und uns Ziele setzen. Dabei hilft den Menschen, eine Zukunftsvision zu gestalten. Was mache ich danach? Denn es gibt ein Ende der Pandemie – es ist wichtig, sich das vor Augen zu halten und sich genau auszumalen, was man danach als erstes machen möchte.

Was raten Sie, wenn die psychischen Probleme schlimmer werden?

Man sollte mit einer Bezugsperson sprechen. Ihr zu schildern, wie es einem geht, finde ich ganz wichtig. Das sollte eine Person sein, der ich mich anvertrauen kann, und kann auch ein Arzt sein. Wenn ich merke, diese Stimmung geht nicht vorbei, versuche ich es erst einmal mit Bewegung. Es hilft, in die Natur zu gehen, auch wenn es schwerfällt. Besteht die gedrückte Stimmung weiterhin oder verschlimmert sich, ist die Psychotherapeutin oder der Arzt eine Anlaufstelle. In der Regel handelt es sich um eine depressive Episode, die durch Behandlung und Unterstützung wieder vorbeigeht.

Von Lara Thiele

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