Espenau geht neuen Weg

Fehlende Bebauungspläne in Ortskernen sorgen für Wildwuchs

Neubauten neben alten Häusern: Mit Bebauungsplänen können Kommunen Vorgaben zur Höhe und Gestaltung von Neubauten machen. Doch nicht alle Kommunen holen diese Pläne für schon bebaute Gebiete nach. Das Bild zeigt zwei Neubauten in Lohfelden an der Lindenbergstraße.
+
Neubauten neben alten Häusern: Mit Bebauungsplänen können Kommunen Vorgaben zur Höhe und Gestaltung von Neubauten machen. Doch nicht alle Kommunen holen diese Pläne für schon bebaute Gebiete nach. Das Bild zeigt zwei Neubauten in Lohfelden an der Lindenbergstraße.

Nicht jeder findet Neubauten neben historischen Fachwerkbauten ansprechend. Viel Einfluss hat eine Gemeinde ohne Bebauungsplan aber nicht. Und eben diese fehlen in vielen älteren Ortskernen. Espenau will das jetzt ändern.

Kreis Kassel - Ein Mehrfamilienhaus ragt direkt am alten Ortskern neben Einfamilienhäusern empor, es raubt den Nachbarn die Sonne und das Verständnis. Denn in den Augen vieler Bürger sind solche Gebäude eine Bausünde. Genehmigt sind sie trotzdem. Wenn die Kommune dafür nicht selbst Vorgaben in einem Bebauungsplan festgelegt hat, haben Bauherren mehr Gestaltungsfreiraum.

Die Gemeinde Espenau will das ändern. Kürzlich hat die Gemeindevertretung beschlossen, nachträglich für Mönchehof-Süd einen Bebauungsplan (B-Plan) aufzustellen. „Wir haben erfreulicherweise viele bauwillige Leute, aber B-Plan-Lücken“, sagt Bürgermeister Carsten Strzoda. Mönchehof-Süd ist der erste Schritt, nach und nach sollen in ganz Espenau für die vorhandenen Lücken nachträglich B-Pläne aufgestellt werden. Mönchehof-Süd macht ein Viertel davon aus.

„Es geht nicht um Verschlimmbesserung, sondern darum, Wohnbereich und Ortskern zu schützen und zu erhalten“, erklärt Strzoda. Konkret heißt das, dass ein Planungsbüro mit der Gemeinde erarbeitet, wo welche Vorgaben gelten, beispielsweise wie hoch ein Haus, wie flach ein Dach sein darf.

Mit diesem Vorhaben stellt Espenau eher die Ausnahme dar. So sieht das Bernd Kleibl, der im Landkreis den Fachbereich Bauen und Umwelt leitet und in das Vorhaben als Bauaufsicht eingebunden war. Dass in schon bebauten Gebieten, meist in alten Ortskernen, kein Bebauungsplan vorliegt, ist laut Bernd Kleibl keine Ausnahme. „Es ist sogar der Regelfall.“ Das liege daran, dass man Bebauungspläne überhaupt erst ab den 70er-Jahren aufgestellt habe. „Davor ging man lockerer damit um.“

Der Regelfall sei aber auch, dass Gemeinden das später nicht nachholen. Die Bauaufsicht des Landkreises empfiehlt Kommunen, die Pläne nachträglich aufzustellen, wenn absehbar ist, dass sich in einem Quartier baulich etwas tut. Denn: „Mit dem B-Plan kann die Gemeinde dann eine Art Feinsteuerung machen“, erklärt Kleibl, „sie überlässt damit nicht alles den Kräften des freien Marktes.“ Es gebe dann einen klaren rechtlichen Rahmen, Einzelfallentscheidungen der Bauaufsicht seien nicht mehr notwendig.

Ohne B-Plan gilt lediglich das Einfügungsgebot nach dem Baurecht (siehe Hintergrund). Doch: „Was schon gebaut ist, prägt das Gesamtbild“. Steht also schon ein Haus mit Flachdach in der Straße, wird auch leichter ein zweites genehmigt.

Gegen ein solches Flachdach hat die Gemeinde kein Instrument, weiß Espenaus Bürgermeister – zumindest nicht so lange, bis ein Plan aufgestellt ist. „Es ist wie bei einer Versicherung: Ich kann ja nicht warten, bis was passiert.“

Auch in Baunatal gibt es immer wieder Anfragen für Neubauten in gewachsenen Strukturen wie alten Ortskernen, teilt eine Sprecherin mit. Doch die Stadt sieht nicht die Notwendigkeit, nachträglich Pläne aufzustellen. In Genehmigungsfragen regele das der Paragraf 34 des Baugesetzbuches, heißt es.

Auf dieses Einfügungsgebot beruft sich auch Lohfeldens Bürgermeister Uwe Jäger. Natürlich stelle sich die Frage, ob die Gemeinde noch ein B-Plan draufsetzen wolle. Aber dafür stünden auch nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung. Beim Thema Ortsinnenentwicklung stehe die Gemeinde im Dialog mit den Bürgern. Außerdem sei die B-Plan-Frage eine Entscheidung der Gemeindevertretung.

Espenaus Bauamtsleiter Christian Steltmann rechnet damit, dass der B-Plan bereits in einem Jahr stehen könnte. Für das etwa 15 Hektar große Gebiet Mönchehof-Süd geht er von 50 000 Euro Planungskosten aus. ArchivFoto: Moritz Gorny

Von Valerie Schaub

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.