Espe-Pflegedienst schaut nicht auf jede Minute

Frühjahrsserie Pflege: Sie sind 365 Tage im Jahr im Dienst

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Freut sich über jeden Besuch des Espe-Pflegedienstes: Das Ehepaar Waltraud und Franz Dressler empfindet die Hilfe von Martina Bujok, Inhaberin und Pflegedienstleisterin des Espe-Pflegeteams, und ihrem Team als großes Glück.

Espenau – Strahlende Gesichter, herzliche Umarmungen und Zeit für Zwischenmenschliches sind nicht unbedingt die Dinge, die einem zuerst in den Kopf kommen, wenn man an die Arbeit in der Pflege denkt. Begleitet man jedoch Martina Bujok und ihr Team vom Espe-Pflegeteam einen Tag lang, lernt man schnell, sich von Vorurteilen zu verabschieden.

7.30 Uhr

Natascha Wagner hat schon zwei Patienten besucht, bevor sie an diesem Morgen um halb acht ins Büro kommt. Die 27-jährige Auszubildende hat schon Insulin gespritzt und Blutzucker gemessen und danach ihren fünfjährigen Sohn in die Kita gebracht. Wagner ist im ersten Ausbildungsjahr und hat zuvor schon ein Praktikum bei Martina Bujok im Espe-Pflegeteam gemacht.

Warum hat sie gerade der Pflegeberuf gereizt, als alleinerziehende Mutter? „Weil es sich super mit Familie vereinbaren lässt“, ist die erstaunliche Antwort. Wenn sie mittags ihre Frühschicht beendet, hat sie noch genügend Zeit, den Kleinen abzuholen, und auch der Spätdienst lässt sich in den Familienalltag gut einbauen. Zum Gute-Nacht-Kuss ist Wagner pünktlich zu Hause.

Martina Bujok weiß wie schwer es ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Vor zehn Jahren war genau das der Grund, warum sie sich für die Selbstständigkeit entschied. Die 51-Jährige ist seit 33 Jahren Krankenschwester. „Es gab nie einen anderen Berufswunsch.“ Als das erste Kind kam, ging sie in die ambulante Pflege, nach dem zweiten machte sie sich in Espenau selbstständig. Ein Schritt, den sie nie bereut hat: „Ich möchte nichts anderes machen.“

Auch, wenn sie der Job schon an ihre körperlichen Grenzen gebracht hat. Denn die Pflege kennt kein Wochenende und keinen Feiertag. „Wir betreuen unsere Patienten 365 Tage im Jahr“, sagt Bujok. Und natürlich haben sie auch ein eigenes Hausnotrufsystem, mit dem die Patienten per Knopfdruck signalisieren können, dass sie Hilfe benötigen – jederzeit auch außerhalb der vereinbarten Pflegezeiten.

8.50 Uhr

Käthe Busch trägt ihren Knopf tagsüber um den Hals, nachts hängt er griffbereit am Bett. Die 98-Jährige ist die älteste Patientin des Espe Pflegeteams. Als Martina Bujok und Natascha Wagner an diesem Morgen bei der Patientin in die Wohnung kommen, schläft sie noch. Natascha Wagner tritt an ihr Bett, weckt die 98-Jährige sanft.

Morgens, mittags und abends kommt eine Mitarbeiterin des Pflegeteams bei Käthe Busch in Vellmar vorbei. Eine gute Dreiviertelstunde ist Natascha Wagner mit Käthe Busch beschäftigt. Toilettengang, waschen, anziehen, frisieren und Frühstück bereiten. „Aber wenn sie in Schnuddellaune ist, dauert es auch mal länger“, sagt Martina Bujok. Busch erzählt gerne aus ihrer Jugend.

Lila Rollkragenpullover, eine Kette aus Rosenquarz darüber und ein Perlenarmband am Handgelenk – so sitzt sie um 9.30 Uhr an einem Tisch, Kaffee, ein Marmeladenbrot und die Zeitung vor sich. Mit einem Küsschen werden Wagner und Bujok fröhlich verabschiedet.

Für die geht es weiter zum nächsten Patienten. Vier weitere hat Wagner heute auf ihrer Tour zu betreuen. Trotzdem: Jeder Patient bekommt die Zeit, die er oder sie benötigt. „Wir müssen nicht rennen“, sagt Wagner. Sie habe keine Vorgaben. „Ich wehre mich gegen die Zeitmessung mit dem Handy“, sagt ihre Chefin. Da gehe die Menschlichkeit verloren. Manche Patienten hätten sehr viel Redebedarf, und die Zeit für einen Plausch nehmen sie sich.

9.40 Uhr

Auch beim Ehepaar Dressler in Espenau, wo sie um 9.40 Uhr an der Tür klingeln. Der 79-jährige Franz Dressler wird seit Januar vom Espe-Pflegeteam betreut. Ein Krankenhausaufenthalt und eine beginnende Demenz machen es nötig, dass zwei Mal am Tag eine Pflegerin kommt, um ihn beim Waschen und Anziehen zu unterstützen. Seine Ehefrau kann das nicht mehr leisten. „So eine Hilfe hätte ich nicht erwartet, ich hatte großes Glück“, sagt Waltraud Dressler.

Das Verhältnis zwischen den Pflegerinnen und den Dresslern ist herzlich. „Die Pflegerinnen nehmen sich Zeit, man kann mit ihnen sprechen und Spaß haben“, sagt Waltraud Dressler. Die Zeit für eine Tasse Kaffee nehmen sich Natascha Wagner und Martina Bujok, dann müssen sie los.

Ihr Gebiet erstreckt sich von Espenau über Vellmar, Kassel-Harleshausen bis nach Hofgeismar. Derzeit betreut das zehnköpfige Pflegeteam 48 Patienten im Umkreis von 20 Kilometern. „Längere Strecken wären nicht wirtschaftlich“, sagt Martina Bujok. In der Grundpflege ist zum Beispiel das Baden der teuerste Posten. Wasser einlassen, Temperatur kontrollieren, den Patienten trocknen, pflegen und die Badewanne im Anschluss saubermachen. Kostenpunkt: 22,80 Euro.

10.30 Uhr

Wieder zurück in Vellmar. Ellen Koch sitzt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch, als Natascha Wagner und Martina Bujok an die Terrassentür klopfen. Seit fünf Jahren betreut das Team Friedrich Wilhelm Koch, seit zwei Jahren nun auch seine Frau Ellen. Das Verhältnis ist fast familiär, alle duzen sich. „Wir haben einen Pflegedienst gefunden wie einen Sechser im Lotto“, sagt Ellen Koch.

Ihr 82-jähriger Mann sitzt nach einem Bandscheibenvorfall im Rollstuhl und wird morgens und abends vom Pflegeteam betreut. Natascha Wagner wäscht ihn, macht Beinübungen mit ihm, zieht ihn an und hilft ihm in den Rollstuhl.

Wie ist das, wenn ein fremder Mensch zwei Mal am Tag kommt, um einen im Intimbereich zu waschen? „Man braucht die Hilfe, und dann akzeptiert man das auch. Es geht ja nicht anders“, sagt Koch. Scham empfinde man irgendwann nicht mehr, und er habe Glück gehabt: „Es ist ein bisschen wie Familie.“ Die Pflegerinnen haben tiefe Einblicke in das Familienleben. Auch deshalb entstehen oft enge Vertrauensverhältnisse.

11.30 Uhr

Wie mit Martina Bujoks jüngster Klientin Christine Wagner. Die beiden kennen sich seit 18 Jahren. Die 54-Jährige leidet am Asperger-Syndrom und an einem Lipödem. An fünf Tagen in der Woche fährt eine Pflegerin nach Hofgeismar, um die Autistin zu versorgen. An diesem Mittwoch ist nur das „kleine“ Programm dran. Natascha Wagner braucht knapp eine halbe Stunde, um der Patientin in ihre Kompressionsstrümpfe zu helfen. Alleine würde die 54-Jährige es nicht schaffen, das dreiteilige, eng anliegende System aus Strümpfen und Hose anzuziehen. Auch Natascha Wagner kommt ins Schwitzen.

12.30 Uhr

Zurück in Espenau. Alle Patienten sind versorgt – zumindest auf der Morgenrunde. Patienten wie Käthe Busch bekommen bald den nächsten Besuch, der das Mittagessen vorbereiten wird.

Jeder Tag sieht beim ambulanten Pflegedienst anders aus. „Jede Tour ist anders, auch im Arbeitsaufwand“, sagt Bujok. Manche Patienten werden nur drei Mal die Woche angefahren, andere drei Mal am Tag. Für Natascha Wagner endet der heutige Arbeitstag gegen 13 Uhr. Für sie beginnt jetzt Familienzeit.

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