SPD nur noch knapp vorne

Das sind die Gewinner und Verlierer der Europawahl in Stadt und Kreis Kassel

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Auch in Stadt und Landkreis Kassel brachte die Europawahl einige Veränderungen.

Europa wird pluralistischer, klare Mehrheiten werden seltener – auch im Landkreis Kassel. Das Ergebnis in Kreis und Stadt in der Analyse.

Knapp fünf Millionen Hessen haben über das neue Europaparlament gestimmt - in fast allen der 423 Gemeinden musste die SPD herbe Verluste hinnehmen. Vor allem die Grünen profitierten und sind zweitstärkste Kraft im Land.

Die großen Veränderungen dieser Wahl bekommt besonders die SPD zu spüren. Sie hat eine herbe Niederlage zu verdauen - auch in ihren Hochburgen in Nordhessen. Zwar sind die Sozialdemokraten mit 28,6 Prozent im Landkreis Kassel immer noch stärkste Kraft, aber der Abstand zu anderen Parteien schrumpft. 

Die Wahlergebnisse aus Stadt und Kreis Kassel in der Analyse:

Die Verlierer

Ein Minus von 12,6 Prozentpunkten – damit hat die SPD wohl kaum gerechnet. In einigen Kommunen fiel das Ergebnis sogar noch desaströser aus. In Vellmar beispielsweise verloren die Sozialdemokraten 16 Prozentpunkte, ein historisch schlechtes Ergebnis für die zweitgrößte Stadt im Landkreis Kassel. Dort begegnen sich SPD (25,3), CDU (24,8 Prozent) und Grüne (22,8 Prozent) neuerdings auf Augenhöhe.

Auch in Baunatal sind die Verluste groß. Dort wählten nur noch 32,4 Prozent die SPD (minus 13,8 Punkte). Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich in Söhrewald. Dort hatte die SPD vor fünf Jahren noch sensationelle 51,6 Prozent geholt. Jetzt liegen die Sozialdemokraten nur noch bei 35,6 Prozent (minus 16 Punkte). Interessanterweise belegen sie damit aber hessenweit immer noch Platz 4. In Nieste – der kleinsten Kommune im Altkreis – holte die SPD ihr hessenweit bestes Ergebnis mit 39,6 Prozent (minus 7,4).

Die Beständigen

Kaum Veränderungen gab es für die CDU. Mit einem Minus von 2,3 Punkten sind die Verluste moderat. Auch im hessenweiten Vergleich schnitt die Kreis-CDU besser ab (minus 4,8 Punkte). In Söhrewald und Nieste hat die CDU landesweit ihr zweit-, beziehungsweise ihr drittschlechtestes Ergebnis eingefahren.

Die AfD scheint sich mehr und mehr bei einer Stammwählerschaft etabliert zu haben. Mit 9,5 Prozent konnte sich die Partei um 0,1 Prozentpunkte steigern. Hessenweit erzielte die Alternative 9,9 Prozent. Die meisten Wähler hat die AfD in Helsa (10,6 Prozent) und Lohfelden (10,2 Prozent). Dort lag ihr Ergebnis im zweistelligen Bereich und über dem Hessendurchschnitt. Leichte Verluste gab es indes für Die Linke. Noch vor fünf Jahren konnte sie 5,1 Prozent der Wähler überzeugen. Heute liegt sie bei 4 Prozent.

Die Gewinner

Wer hätte das gedacht? Die Grünen sind die großen Gewinner bei der Europawahl. Nicht nur bundes- und landesweit, auch auf Kreisebene konnten sie ihr Ergebnis auf 20,3 Prozent verdoppeln. Top-Ergebnisse gab es in Kaufungen (25,7 Prozent), Ahnatal (23,6 Prozent), Vellmar (22,8 Prozent) und Fuldatal (21,4 Prozent). Auch die FDP im Landkreis kann sich durchaus als Gewinnerin verstehen. Die Liberalen verdoppelten ihr Ergebnis auf 5,1 Prozent (plus 2,5 Prozent).

Die tragische Figur

Martina Werner ist wohl die tragischste Figur im Spiel um die Sitze in Brüssel. 18 Prozent hätte ihre Partei bundesweit holen müssen, dann hätte es auch für die 57-Jährige aus Niestetal gereicht. Nun schaut sie in die Röhre. Und das, obwohl die Sozialdemokraten in ihrem Wahlkreis beste Ergebnisse im bundesweiten Vergleich erzielten. Wäre die Europawahl eine personenbezogene Direktwahl gewesen, wäre die Niestetalerin mit Sicherheit ins Europaparlament eingezogen, doch mit dem Listenplatz 17 verpasste sie ihr Ziel nun knapp.

Das Ungewöhnliche

Die Entwicklung der sonstigen Parteien ist beachtlich. Unter ihnen gibt es altbekannte wie die Tierschutzpartei, die Freien Wähler, Die Piraten, die NPD und Die Partei. Letztere war sogar bemerkenswert erfolgreich im Landkreis (1,7 Prozent). Damit holte die Satirepartei sogar mehr Stimmen als die Freien Wähler (1,6 Prozent). 

Aber auch ganz exotische Gewächse wie die Liebe, Die Frauen und die Gesundheitsforschung waren auf dem gut einen Meter langen Wahlzettel vertreten. Insgesamt entschieden sich 9,6 Prozent der Wähler für eine der kleinen Parteien. Vor fünf Jahren waren es noch 5,9 Prozent.

Der Ausblick

Die Politik wird sich auch im Landkreis Kassel verändern. Nach der Kommunalwahl 2021 wird sich zeigen, ob die SPD zur alten Stärke zurückfindet und welche Politik in Nordhessen künftig gemacht wird.

Das sagen die Parteien

Manuela Strube, Landtagsabgeordnete

SPD: "Das Wahlergebnis ist desaströs. Ich habe zwar mit einem schlechten Ergebnis gerechnet, aber so habe ich das nicht erwartet. Auch auf die rote Hochburg Nordhessen hat sich der Bundestrend der SPD ausgewirkt. Es muss sich umgehend etwas tun, personell und inhaltlich, aber auch in der Kommunikation. Es muss transportiert werden, was die SPD in der Großen Koalition geschafft hat. Die Menschen wissen nicht, wofür wir stehen."

Michael Stöter, Europawahl-Kandidat

CDU: "Die Politik in Europa wird schwieriger und es braucht mehr Kompromisse. Das Ergebnis der CDU ist schlecht. In den letzten Wochen war der Klimawandel das bestimmende Thema. Es war zu erwarten, dass die Menschen das Original wählen. Es wird die Aufgabe der CDU sein, Sozialpolitik, Klimaschutz und Wirtschaft zu verbinden. Schade, dass wir kein besseres Ergebnis erzielt haben, aber es hat mich nicht überrascht."

Monika Woizeschke-Brück, Kreistagsfraktionsvorsitzende

Grüne: "Wir haben Rückenwind bekommen und werden den auch nutzen. Das gute Ergebnis im Landkreis zeigt, dass die Themen Klimaschutz und Energiewende ernst genommen werden. Und wir sehen uns in der Situation, unsere Themen mit noch mehr Nachdruck zu vertreten. Vor allem der Zuspruch und das Vertrauen der jungen Wähler und Wählerinnen freut uns und ist uns Verpflichtung für eine lebenswerte Zukunft."

Dr. Christian Knoche, Kreistagsfraktionsvorsitzender

Linke: "Die Verluste der SPD sind dramatisch. Das Ergebnis der Linken ist zwar nicht dramatisch, aber besorgniserregend. Der Klimaschutz war das Thema, das die Menschen bewegt. Das zeigt auch die Fridays-for-Future-Bewegung. Die Linke hat zum Klimaschutz eine Menge Antworten, aber die Grünen haben das gute Ergebnis eingefahren. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und uns und unsere Ideen besser präsentieren."

Björn Sänger, Kreistagsfraktionsvorsitzender

FDP: "Ich hatte bundesweit ein besseres Ergebnis vermutet, aber das hat sich wohl in den vergangenen Wochen noch einmal gedreht. Wir liegen mit unserem Landkreisergebnis zwar im Bundestrend, können aber trotzdem zufrieden sein. Denn im Landkreis Kassel haben wir überproportional dazugewonnen. Auch im Vergleich zur Stadt Kassel haben wir besser abgeschnitten, was ein Beleg für unsere offenbar gute Arbeit im Landkreis ist."

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