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Förster und Wälder stehen vor Herausforderung: „Wir brauchen Landregen“

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Von: Moritz Gorny, Eike Rustemeyer

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Hofft auf Landregen: Petra Westphal, Leiterin des Forstamts Melsungen, hat zwischen Wattenbach und Wollrode ein Loch gebuddelt. Die Erde in ihrer Hand ist kühl und feucht, alles darunter trocken.
Hofft auf Landregen: Petra Westphal, Leiterin des Forstamts Melsungen, hat zwischen Wattenbach und Wollrode ein Loch gebuddelt. Die Erde in ihrer Hand ist kühl und feucht, alles darunter trocken. © Moritz Gorny

Das Klima schlägt Kapriolen: erst ein Sturm, dann Hitze und Trockenheit, Regen und zuletzt ein außergewöhnlich warmer Oktober. Die Natur und insbesondere die Baumwelt stehen vor bislang unbekannten Herausforderungen – und somit auch die Förster. Große Baumbestände sind abgestorben, auch durch den Borkenkäfer. Wie sieht es nun in den Wäldern aus und wie können sie für die ungewisse Zukunft gerüstet werden?

Beim ersten Stich gräbt sich der Spaten noch leicht in den feuchten Waldboden. Dann hat Petra Westphal Schwierigkeiten, das Loch tiefer zu machen. Hier ist der Boden trockener. Die Leiterin des Forstamts Melsungen umreißt damit den Status quo in den Wäldern. Nur bis in rund 30 Zentimeter Tiefe ist Wasser vorgedrungen.

„Die jüngsten Regenfälle kamen in letzter Sekunde“, sagt die Leiterin. Junge Bäume hätten die Folgen der vorherigen Trockenheit sonst nicht überstanden. Das hätte verheerende Auswirkungen gehabt: Schon jetzt seien längst nicht mehr nur Fichten betroffen, auch ältere Buchen – mit hohem Wasserbedarf – hätten gelitten. So sei zumindest der Nachwuchs vorerst gerettet.

Westphal blickt „vorsichtig optimistisch“ in die Zukunft. 4000 der 20 000 Hektar Fläche im Forstamt seien kahl, „wir versuchen, mit Verjüngung oder mit Nachpflanzungen einen neuen Mischwald zu schaffen“. Wichtig sei, mindestens fünf Baumarten zusammenzustellen, die an Standort und Witterung angepasst sind. Ob die Bäume überleben, lasse sich nicht sagen. Die Bedingungen ließen sich immer schlechter abschätzen. Was es nun brauche? „Regen, Regen, Regen.“ Anhaltend und leicht, sagt Westphal.

Der Niederschlag ist auch im Forstamt Wolfhagen Hoffnung Nummer eins. „Wir brauchen monatelangen Landregen“, sagt Produktionsleiterin Britta Winterhoff. Nur so könne sich der Wald erholen. Der jetzige Stand stimme sorgenvoll: Bei Buchen würden durch Trockenheit Baumteile absterben, die Esche leide an Triebsterben, der Bergahorn an der Rußrindenkrankheit und Laubbäume kämpften mit Pilzen.

Winterhoff lässt nicht unerwähnt, dass die Politik in den vergangenen Jahrzehnten nicht stringent gegen die durch Klimaerwärmung ausgelösten Probleme vorgegangen ist. „Die Menschheit reagiert meist nur unter Not, dann ist es oft zu spät“, sagt sie.

Auch Matthias Dumm, Leiter des Forstamtes Hessisch-Lichtenau, sieht Handlungsbedarf bei Politik und Gesellschaft. Diese müssten seiner Meinung nach mehr Anreize für die Waldbesitzer schaffen, ihre Wälder den Entwicklungen des Klimawandels entsprechend anzupassen und umzubauen.

Dumm macht sich nach vier heißen Sommern große Sorgen um die älteren Buchenbestände in seinem Waldgebiet. Deren Gesundheit sei „in weiten Bereichen schlecht“. Die Fichten litten außerdem unter den Folgen von Sturm Friederike. Auch der Borkenkäfer habe Spuren hinterlassen. Allerdings habe man das Tierchen in diesem Jahr in den Griff bekommen können.

Die Böden beschreibt Dumm als trocken, er hoffe deshalb auf einen feuchten Winter. Der Förster vermutet, dass der Klimawandel die Ursache für die angeschlagene Waldgesundheit ist. Es müsse sich etwas bei der Klimapolitik ändern.

Der Hitzesommer hat auch im Waldgebiet Reinhardshagen seine Spuren hinterlassen, sagt Klemens Kahle vom örtlichen Forstamt. Schon im August hätten einige Bäume ausgesehen wie normalerweise im Herbst, berichtet er. Ob die Buchen durch den Blattverlust langfristig geschädigt wurden, könne man derzeit noch nicht absehen.

In der Vergangenheit richteten der Orkan Friederike, Dürren und der Borkenkäferbefall vor allem an den Fichten Schäden an. Dies sorgte unter anderem für über 5000 Hektar kahle Flächen. Das Forstamt wolle diese Fläche zu einem Drittel wieder aufforsten. In einem weiteren Drittel soll über Verjüngung eine neue Baumgeneration wachsen können und im dritten Abschnitt soll die Natur erst einmal freie Hand haben.

Es bleibe ein ungutes Gefühl, betont der Förster. Auch in diesem Jahr hätten der Regenmangel und der ungewöhnlich heiße Sommer den Wäldern stark zugesetzt. Für ein gesundes Wachstum brauche es Niederschlag statt plötzlichem Starkregen. Die Zukunft der Wälder hänge also maßgeblich auch von der weiteren Entwicklung des Klimas ab, sagt Forstamtsleiter Kahle.

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