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Frauenhaus braucht mehr Plätze

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Von: Ingrid Jünemann

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Hilferuf mit drei spezifischen Handzeichen: Opfer von häuslicher Gewalt können mit dieser Abfolge von Gesten möglichst unauffällig auf ihre Situation aufmerksam machen.
Hilferuf mit drei spezifischen Handzeichen: Opfer von häuslicher Gewalt können mit dieser Abfolge von Gesten möglichst unauffällig auf ihre Situation aufmerksam machen. © Matthias Lohr

Die Zahl der Schutzsuchenden vor Häuslicher Gewalt ist durch die Corona-Lockdowns gestiegen. Im Frauenhaus des Landkreises fehlen aber noch immer Plätze.

Kreis Kassel – Anfang Oktober hat der Kreistag einstimmig festgelegt, dass mehr Schutzräume für Frauen entstehen sollen, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind. Das ist nach Auffassung des Vereins „Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel“, der das Frauenhaus im Kreis trägt, ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings steht in dem Beschluss auch, dass bis Spätsommer 2023 zunächst ein Konzept mitsamt Vorschlägen zur Finanzierung vorliegen soll. Danach will man weitersehen.

Der Verein „Frauen helfen Frauen“ mit Sitz in Baunatal benötige jedoch eher heute als morgen mehr Plätze, sagen die Vorsitzenden Monika Hartmann und Anette Milas (beide Baunatal). Zurzeit gibt es fünf Familienzimmer im Frauenhaus und zwei in einer Schutzwohnung, zusammen 14 Plätze. Sieben Mütter mit ihren Kindern können gleichzeitig unterkommen. Die Räume waren in diesem Jahr bis Anfang November zu 93 Prozent belegt, 17 Frauen mit 41 Kindern wurden betreut.

Im selben Zeitraum zählte man indes 59 Anfragen von Frauen in Not, 33 Betroffene mussten mangels Platz abgewiesen werden. 2021 waren es 116 Anfragen, 60 Frauen mit 75 Kindern konnten nicht aufgenommen werden. „Zehn Plätze mehr wären gut“, sagt Anette Milas. Dann wären es 24 oder 12 Familienzimmer – so viele, wie es bis 2003 gab, ehe das Land die Zuschüsse massiv kürzte. Laut der Istanbul-Konvention des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen müssten im Kreis mit 240 000 Einwohnern 24 Familienzimmer bereitstehen.

Corona hat die Situation forciert, das zeigen die Erfahrungen in den fünf Beratungsstellen des Vereins „Frauen helfen Frauen“. Während des Lockdowns konnten betroffene Frauen zumeist nicht unbemerkt von ihrem Peiniger um Hilfe bitten, zugleich eskalierten Probleme. Weniger soziale Kontakte, räumliche Enge, finanzielle Nöte, weil das Einkommen sank oder Arbeitsplätze verloren gingen, begünstigten häusliche Gewalt. Nach dem Lockdown suchten umso mehr Frauen Hilfe.

Möglichkeiten der Erweiterung des Frauenhauses will der Trägerverein im Dezember mit Vize-Landrätin Silke Engler erörtern. Dabei ist für den Vorstand klar: „Neue Räume müssen in der Nähe der jetzigen liegen. Sonst kann das der Verein nicht schultern“, sagt Monika Hartmann. Anderenfalls bräuchte man ein neues Mitarbeiterinnenteam, was mangels Geld, aber auch wegen des leer gefegten Arbeitsmarktes nicht machbar sei. Neben dem bestehenden Frauenhaus, dessen Adresse wegen der Sicherheit anonym bleibt, gebe es Platz zum Vergrößern. Der Verein könne ein solches Bauprojekt nicht stemmen.

Zurzeit sieht die Finanzierung des Frauenhauses und der Beratungsstellen so aus: 69 000 Euro zahlt das Land Hessen, 15 000 Euro kommen aus einem Fonds häusliche Gewalt, 58 000 Euro von elf Kommunen im Kreis, 7000 Euro aus Spenden und aus Bußgeldern. Jobcenter und Sozialamt tragen Betreuungs- und Mietkosten der Bewohnerinnen. Weitere 32 000 Euro speziell für Kinderbetreuung hat das Land bewilligt, doch die Überweisung lässt auf sich warten. Dabei sei gerade dieses Geld dringend nötig, so Hartmann: „Wir haben immer Frauen mit vielen Kindern.“

Der Verein beschäftigt fünf Mitarbeiterinnen in Teilzeit: drei im Frauenhaus und zwei im Beratungssektor. Hinzu kommt eine Alltagshelferin mit Minijob. Zu den Aufgaben gehört auch, Frauen in Not über ein bundesweites Netzwerk an andere Schutzhäuser zu vermitteln – entweder, weil kein Platz frei ist oder weil die Situation der Betroffenen es nahelegt, sie weit weg vom Wohnort unterzubringen. Selbst das hilft nicht immer. Vor Kurzem hat der Verein erneut die bittere Erfahrung gemacht, dass eine Schutz suchende Frau aus einem anderen Bundesland auf einem Wochenmarkt im Landkreis auf einen Verwandten ihres gewalttätigen Ehemanns traf. Wieder musste die Frau anderswo untergebracht werden, wieder mussten ihre vier Kinder Kita und Schule wechseln. „Das macht was mit den Kindern, die verstehen das nicht“, sagt Anette Milas. Auch das ist eine Folge häuslicher Gewalt.

Kontakt zum Frauenhaus: Tel. 05 61/4 91 01 94 oder per E-Mail info@frauenhaus-lk-kassel.de, Infos unter frauenhaus-lk-kassel.de

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