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„Es ging einfach nicht mehr“: Pflegedienstchef aus Kreis Kassel gibt auf

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Von: Theresa Novak

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Sigmund Kühl (links) und sein Nachfolger Kevin Bringmann aus Lohfelden.
Jahrzehnte hat er in der Pflegebranche gearbeitet, jetzt ist Schluss: Sigmund Kühl (links) hat seinen Betrieb zum 1. September an Kevin Bringmann aus Lohfelden übergeben. © Theresa Novak

Die Personalnot sorgt auch im Kreis Kassel für Überlastung. Nun hat der Chef eines privaten Pflegedienstes genug.

Fuldabrück – 500.000 Pflegekräfte könnten laut dem Institut der deutschen Wirtschaft bis zum Jahr 2035 in Deutschland fehlen. Gründe, warum den Job nur noch wenige machen wollen, gibt es einige. Überbelastung, die auch durch den Personalmangel entsteht, ist einer davon. Ein Fuldabrücker Pflegedienstleiter gibt seinen Betrieb deshalb jetzt ab.

Sigmund Kühl, bis vor kurzem Chef eines privaten Pflegedienstes in Fuldabrück, hat wegen dieser Überbelastung jetzt, im Alter von 59 Jahren, seinen Betrieb aufgegeben. „Es ging einfach nicht mehr“, sagt der Fuldabrücker. „Weil seit Jahren an allen Ecken und Ende Personal fehlt und ich auch keine neuen Mitarbeiter finden konnte, musste ich regelmäßig mit auf Patiententour fahren, habe am Wochenende, spätabends, frühmorgens und eigentlich immer gearbeitet.“ Das habe am Ende zu gesundheitlichen Problemen geführt.

Kreis Kassel: Pflegedienst-Chef aus Fuldabrück gibt auf

Kühl hatte als Inhaber eines ambulanten Pflegedienstes mit den Leitungs- und Büroaufgaben alle Hände voll zu tun, sagt er. Die Arbeit der Pflegekräfte, die täglich mit dem Auto unterwegs sind und ihre Kunden versorgen, sollte eigentlich nicht seine Aufgabe sein. Doch in der Praxis habe es ohne seine Mithilfe nicht funktioniert. „Die Patienten sind auf uns angewiesen. Wir können denen nicht sagen, wir kommen heute nicht, weil wir kein Personal haben.“

Kühl ist ein alter Hase in der Pflegebranche, macht den Job schon seit Jahrzehnten. Den Pflegedienst in Dennhausen/Dittershausen führte er von 2005 bis jetzt. „Die Situation ist mit den Jahren immer schlimmer geworden“, sagt er.

„Mein Team wird mir fehlen“: Pflegedienst-Chef aus Kreis Kassel gibt Betrieb ab

Auch die Überbürokratisierung sei ein Punkt, der Geschäftsinhabern das Leben schwermache. „Es gibt für jeden Vorgang so viele Formulare, dass man irgendwann den Überblick verliert. Auch neue Verordnungen in der Pflege seien immer wieder eine Herausforderung. „Bei manchen Themen müsste ich eigentlich jeden Tag stundenlang lesen, um alles richtig umsetzen zu können.“

Dabei verliere man aber die Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: „Patienten aufzunehmen und sich um sie zu kümmern.“ Trotz aller Widrigkeiten geht Kühl auch mit einem weinenden Auge in den Ruhestand. „Mein Team wird mir fehlen, wir waren wie eine kleine Familie. Auch einige Patienten begleite ich schon seit Jahren und habe sie lieb gewonnen. Ich habe den Job mit Herzblut gemacht.“ Die Zusammenarbeit mit Kasseler und Fuldabrücker Ärzten und Apotheken sei auch immer gut verlaufen und habe viel Spaß gemacht. „Dafür bin ich sehr dankbar.“

Kreis Kassel: Sigmund Kühl gibt Betrieb in „gute Hände“

Den Abschied leichter macht Sigmund Kühl, dass er seinen Betrieb in „gute Hände“ weitergeben konnte. Ab sofort leitet der 34-jährige Kevin Bringmann den Pflegedienst an der Parkstraße in Fuldabrück. Er hat alle neun Mitarbeiter übernommen und ist selbst ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger mit der Zusatzausbildung „verantwortliche Pflegefachkraft“.

Während Kevin Bringmann erst anfängt, ist Sigmund Kühl jetzt am Ende seiner Selbstständigkeit angelangt. „Ich muss mich erst mal daran gewöhnen, dass mein Handy nicht mehr dauernd und zu allen Tages- und Nachtzeiten klingelt“, sagt er. „Das genieße ich sehr.“ Mit seiner Partnerin will Kühl nun viel reisen, im Garten sein und seine Freizeit genießen. (Theresa Novak)

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