Eine Frau voller Energie

Gerda Barttlingck aus Dörnhagen feiert ihren 100. Geburtstag

Vier Generationen: Tochter Jutta Schätzlein (Zweite von links), Enkelin Lena Schätzlein (Zweite von rechts) sowie die Urenkel Meret (links) und Michael (rechts) freuen sich über den 100. Geburtstag von Gerda Barttlingck.
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Vier Generationen: Tochter Jutta Schätzlein (Zweite von links), Enkelin Lena Schätzlein (Zweite von rechts) sowie die Urenkel Meret (links) und Michael (rechts) freuen sich über den 100. Geburtstag von Gerda Barttlingck.

Gerda Barttlingck wird 100 Jahre alt - dass sie ihren Geburtstag während der Coronakrise feiern muss, ist für sie nicht schlimm, weil bereits viele Familienfeste in Ausnahmesituationen stattfanden.

Fuldabrück – Gerda Barttlingck ist eine besondere Frau. Ihr spitzbübisches Lächeln, ihre Schlagfertigkeit und ihr Erinnerungsvermögen sind bemerkenswert. Zu ihrem 100. Geburtstag ist die Fuldabrückerin körperlich und geistig wohlauf. Nach einem Jahrhundert voller Höhen, Tiefen und den Erfahrungen eines Weltkriegs strotzt sie vor Fröhlichkeit und Energie. „Meine Positivität kommt von einem langen und erfüllten Leben, gesunder Ernährung und der Unterstützung meiner Familie.“ Die gebürtige Hannoveranerin hat drei Kinder, vier Enkel, acht Urenkel und seit kurzem einen Ururenkel.

In ihrer Familie dürfte auch das Geheimnis ihres Wohlbefindens liegen – immerhin wurden ihre Mutter und Großmutter 98 Jahre alt. Letztere unter besonderen Umständen: „Meine Großmutter hat nie einen Arzt besucht und war in keiner Krankenkasse.“ Ironie, war Gerda Barttlingck, geborene Stöter, doch seit 1942 mit Hans Barttlingck verheiratet, späterer Geschäftsführer des Landesverbandes hessischer Betriebskrankenkassen.

Viele Feste der Barttlingcks waren mit Widrigkeiten verbunden: Sei es die Hochzeit während des Krieges, die Geburt von Tochter Lore am Tag der Alliierten-Landung in der Normandie, oder Lores Taufe ohne Weihwasser während eines Bombenangriffs. „Unser Pfarrer sagte, Gott werde sie auch so aufnehmen“, erinnert sich Barttlingck.

Sie war nach der Handelsschule in der Personalabteilung eines Rüstungsbetriebs tätig. „Da habe ich schlimme Dinge erlebt.“ Sie habe es mit der Gestapo zu tun bekommen, die sich in der Personalabteilung nach Verdächtigen und Regimegegnern informierte. „Sie haben wieder einen wechgeholt“, war eine gängige Redewendung jener Tage, erinnert sich Barttlingck. Meistens seien die Betroffenen im Konzentrationslager geendet, berichtet sie.

Ihr Mann kam während des Krieges krank von der Front zurück. In den Nachkriegsjahren bauten sich die Barttlingcks wieder eine Existenz auf. 1946 kam Sohn Hans-Gerd zur Welt. 1946 folgte Tochter Jutta, 1960 zog die Familie dann nach Kriftel bei Frankfurt, wo Hans Barttlingck für den Betriebskrankenkassen-Landesverband arbeitete. Gerda Barttlingck kümmerte sich nicht nur um Haus und Familie: Sie war im Kirchenvorstand und Gemeinderat und brachte sich auch als Schöffin ein.

Gerda Barttlingck im Jahr 1940. Damals hieß sie noch Stöter.

Nach der Pensionierung Hans Barttlingcks zog die Familie 1980 nach Niestetal, da er aus Kassel stammte. Sie pflegten eine Freundschaft zu einer Deutschlehrerin in Jaroslawl (Russland), die noch heute besteht, und reisten 1987 zum ersten Mal zu ihr.

Nach dem Tod ihres Mannes 2011 lebte Gerda Barttlingck noch vier Jahre im Haus in Niestetal, bis sie 2015 in das Awo-Altenzentrum Fuldabrück zog. „Hier werden wir unglaublich liebevoll behandelt“, sagt die Rentnerin. Sie habe ein Gerät, mit dem sie sich täglich die HNA vorlesen lasse und sei deswegen trotz schwachen Augenlichts immer informiert. Tochter Jutta Schätzlein ergänzt: „Das Gerät wird von der Krankenkasse gestellt.“

Nun hofft Barttlingck, noch lange für ihre Familie da sein zu können. Nach all ihren Erfahrungen macht ihr Corona keine Angst. „Und sowieso hat kaum ein Fest in meinem Leben unter normalen Umständen stattgefunden, wieso sollte es diesmal anders sein“, sagt sie lachend. (Raphael Digiacomo)

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