„Mittagspause gab’s damals nicht“

Martha Buss aus Fuldabrück-Dörnhagen wird 100 Jahre alt

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Martha Buss aus Dörnhagen wird am Sonntag 100 Jahre alt.

Fuldabrück – Martha Buss hat viel erlebt. Am Sonntag wird die Dörnhagenerin 100 Jahre alt.

Martha Buss hat mit dem Pflug auf Feldern geholfen, den Bombenangriff miterlebt, sie war für ihren aus dem Krieg zurückgekehrten Mann da, ihren zweiten Ehemann pflegte sie 12 Jahre lang zuhause. „Wenn man so alt ist, lebt man von Erinnerungen“, sagt die Dame mit Perlenkette. Eins ihrer 25 Fotoalben liegt auf ihrem Wohnzimmertisch. Den Sinn für Ordnung hat sie von ihrem Vater gelernt, sagt Buss.

Schon als Kind muss sie viel zu Hause mithelfen. Ihre Mutter ist Hebamme und wenn sie gerufen wird, ist es die zehnjährige Martha, die die Ziegen, Schweine, Hühner und Gänse füttert, bevor sie zur Schule geht. Ihre Mutter liebt ihren Beruf. Aber als ihre Tochter selbst einen erlernen will und in Guxhagen in einem Laden für Gartengeräte anfangen kann, geht ihre Mutter schnurstracks zum nächsten Telefon im Ort und sagt ab. Sie braucht sie zuhause.

Also näht die junge Martha weiter fleißig Bettbezüge und stickt Initialen in Geschirrtücher. Heute sagt sie: „Mir hat es in meiner Jugend an nichts gefehlt“ und sie erinnert sich an Tanzabende mit Musik aus dem Grammofon. „Ich war eine gute Tänzerin“, sagt die Rentnerin. Auf die Frage, ob sie noch Sport mache, antwortet sie, an Wintersport lasse sie nichts aus und blickt schmunzelnd auf ihren Fernseher.

Erinnerungen: Das undatierte Foto zeigt Martha Buss in ihren 20ern . 

Ihre aufregendsten Jahre waren mit Anfang 20, erinnert sie sich. Es ist 1939, Kriegsbeginn. Martha ist 19 Jahre alt und lernt Konrad Döring kennen, der in Dörnhagen ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt. „Wir waren verliebt“. Doch Döring muss in den Krieg. Als er 1943 für drei Wochen zurück nach Dörnhagen darf, heiratet das Paar.

Dann fallen die Bomben über Kassel. Martha Buss erinnert sich, wie sie auf die Straße rennt. „Es sah aus, als regnet es Christbäume.“ Ein Tag später muss ihr Mann den nächsten Zug in Guxhagen nehmen, er will nicht, dass jemand denkt, er drücke sich. Er verabschiedet sich und Martha weiß lange nicht, ob sie ihn je wieder sehen wird.

Als sie ein paar Tage später mit anderen in Kassel Erbsensuppe verteilt, liegt der süßliche Geruch von Leichen in der Luft. Zwei Jahre später kehrt ihr Mann aus russischer Gefangenschaft nach Hause zurück – „er war kaum wieder zu erkennen“, sagt Martha Buss. Er habe sich davon nie richtig erholt.

Nach der Geburt ihres ersten Sohns steht Martha prompt wieder hinter der Ladentheke. Mittagspausen gab es nicht. „Ich war morgens die Erste und abends die Letzte.“

Der Laden bleibt eine Konstante in ihrem Leben. Auch nach der Geburt ihres zweiten Sohnes, als ihr Mann stirbt und als ihr erster Sohn einem Hirnbluten erliegt. Später heiratet Buss noch ein zweites Mal und führt den Laden mit ihrem zweiten Mann, Gerhard Buss, bis zur Rente. Sie reisen noch viel zusammen, bis auch ihr zweiter Mann 2011 stirbt.

„Ich bin heute noch ein Mensch, der gut alleine sein kann“, sagt Martha Buss. Zeit verbringt sie gern mit ihrer Nichte und mit einer 95-jährigen Freundin in der Nachbarschaft. Mit ihnen wird sie am Sonntag im Gasthaus feiern. Natürlich in Dörnhagen, dem Ort, aus dem sie nie wegwollte. „Mich hätte man nicht in die Fremde schicken können.“

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