30 Jahre Mauerfall

Ina Spilker kam im Herbst 1989 aus der DDR nach Nordhessen - ein Unglück veränderte ihre Pläne

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Hier ist sie zu Hause: Ina Spilker kam vor 30 Jahren nach Nordhessen und lebt seit vielen Jahren in Fuldabrück. Die DDR vermisst sie nicht.

Im Sommer 1989 begann die DDR zu bröckeln, Tausende flüchteten in den Westen. Darunter auch Ina Spilker - die im Herbst 1989 nach Nordhessen kam - und dann erstmal ein Unglück erlebte.

 Am 9. November fiel schließlich die Mauer in Berlin. Knapp ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, trat die DDR der Bundesrepublik bei.

Der Start in ihr neues Leben auf der anderen Seite der Mauer beginnt für Ina Spilker mit einem Schock. Am 30. November 1989 sind die 21-Jährige und ihr damaliger Mann Martin Ziemann gerade einen Tag und eine Nacht im Westen, da passiert das Unglück: Ihre einjährige Tochter Theresa klettert auf den Doppelstockbetten in der Kaserne in Fritzlar herum, in der die Familie auf Zwischenstation untergebracht ist, fällt aus dem Bett und knallt mit ihrem kleinen Kopf auf den Betonboden.

Die Einjährige wird von den Soldaten sofort in das Kinderkrankenhaus Park Schönfeld in Kassel gebracht. Mit einem Schädelbruch kommt die Kleine auf die Intensivstation und die Reise der Eltern endet erst einmal hier. Die Fahrkarten nach Unna, wohin sie weiterreisen sollten, verfallen. Ein Jahr zuvor hätte sich Spilker wahrscheinlich im Traum nicht vorstellen können, dass sie im Herbst 1989 in einem Krankenhaus im Westen sitzen würde. 

Ina Spilker hielt das System in der DDR nicht mehr aus

Was sie jedoch wusste, war, dass sie das System in der DDR nicht mehr aushielt. Dabei hat sie einen sicheren Job, arbeitet in Aschersleben (heute Sachsen-Anhalt) im Vorzimmer des Stadtrats und des Bürgermeisters. Doch sie will nicht in die Partei, „auch wenn ich dann eine Neubauwohnung mit Warmwasser bekommen hätte“, wie es ihr der Bürgermeister verspricht. Sie bleibt lieber in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung ohne Bad und heißes Wasser, „ein Loch“, wie sie sagt.

Ina Spilker und ihr Mann Martin Ziemann im Garten seiner Eltern in Wedderstedt (heute Sachsen-Anhalt), ein paar Jahre vor dem Mauerfall.

Die DDR wird ihr zu eng. „Ich hatte die ständige Bevormundung satt und wollte da nicht mehr sein“, sagt die 51-Jährige. Ihr damaliger Freund und späterer Ehemann ist „ein kleiner Revoluzzer“, der sich mit Regimekritikern trifft. Als die Stasi versucht, ihn als Spitzel zu rekrutieren, ist beiden klar, dass sie wegmüssen. Im Sommer 1989 stellt das Paar einen Ausreiseantrag.

Flucht mit Kleinkind war Ina Spilker zu unsicher - sie versuchte es offiziell

Zur selben Zeit flüchten hunderte DDR-Bürger über die Grüne Grenze von Ungarn nach Österreich. „Ich hätte das auch gemacht“, sagt Spilker. Aber vier Monate zuvor ist ihre Tochter zur Welt gekommen und mit einem kleinen Kind ist ihr die Flucht zu unsicher. 

Also versuchen sie es auf dem offiziellen Weg. Die Bombe platzt noch am selben Tag. Sie verliert ihren Job, wird in ein kleines Zimmer gesetzt, „wo ich acht Stunden aus dem Fenster geschaut habe“, wie sich Spilker erinnert. Ihren Lohn bekommt sie weiter ausgezahlt. Die Kollegen reden nicht mehr mit ihr, behandeln sie wie eine Aussätzige.

Die DDR war schon am Bröckeln

Die DDR ist zu dieser Zeit bereits am Bröckeln. „Das war unser Glück“, sagt Spilker, „sonst hätten sie uns wahrscheinlich jahrelang zappeln lassen.“ Im Herbst beginnen auch in Aschersleben die Montagsdemonstrationen. Spilker und Ziemann sind dabei. „Die Stimmung war euphorisch, kämpferisch und trotzdem friedlich. Angst hatte keiner.“

Schnell unterwegs: Ina Spilker auf dem Motorrad ihres damaligen Freunds in Gartersleben (Sachsen-Anhalt).

Am 7. November wird Spilker mitgeteilt, dass ihr Ausreiseantrag genehmigt wird. Zwei Tage später werden die Grenzen geöffnet. Sie lösen ihre Wohnung auf und setzen sich am 29. November in einen mit Flüchtlingen vollgepackten Zug nach Gießen. Von dort werden sie nach Fritzlar gebracht, von wo es nach Unna weitergehen soll.

Unfall der Tochter veränderte die Pläne von Ina Spilker

Doch der Unfall verändert alles. Im Krankenhaus in Kassel lernt Spilker eine Mutter kennen, deren Sohn neben Theresa im Bett liegt. Die beiden freunden sich an und die Frau sucht in ihrem Heimatort eine Bleibe für die junge Familie. 14 Tage später ziehen Spilker, ihr Mann und die Tochter nach Guxhagen-Wollrode, in eine voll möblierte Wohnung. „Die Leute waren unheimlich nett, wir haben säckeweise Klamotten und Spielzeug bekommen“, erinnert sich Spilker.

Ina Spilker denkt nicht ans wegziehen: "Das hier ist meine Heimat"

Sieben Jahre später zieht sie nach Guxhagen, heute lebt sie in Dörnhagen und arbeitet dort seit zehn Jahren als Altenpflegerin. Aus dieser Region wegzugehen, kam nie infrage. „Das hier ist meine Heimat.“ Mit Ostalgie kann sie nichts anfangen. „Heimweh habe ich nie gehabt.“ Auch ihre Tochter ist ganz in Fuldabrück verwurzelt. Und sie hat zwar einen ganz eigenen Kopf, aber er ist heil. Der Bruch von damals ist komplett verheilt.

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