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Nur Selbstgenähtes im Schrank: Ruth Böhm aus Dörnhagen kauft niemals Kleidung im Geschäft

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Von: Theresa Novak

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Ruth Böhm  aus Fuldabrück-Dörnhagen vor ihrer Nähmaschine
Wenn Ruth Böhm einen neuen Pullover braucht, näht sie sich einen. Das macht sie schon seit ihrer Schneiderlehre in den 50er-Jahren so. © Theresa Novak

Wenn Ruth Böhm ihren Kleiderschrank öffnet, findet sie darin nichts von der Stange. Ins Geschäft gehen und eine neue Hose kaufen? Macht sie nicht. Geld ausgeben für Kleider, Röcke und Mäntel? Macht sie auch nicht.

Fuldabrück – Denn die 88-jährige Dörnhagenerin näht alles selbst. Sogar ihre Nachthemden. „Ein einziges Mal habe ich mir einen neuen Mantel gekauft“, sagt Böhm. „Als ich damit die Kasseler Königsstraße entlang gegangen bin, habe ich die gleiche Jacke dreimal gesehen. Das ist doch doof.“

Weil sie eben nicht wie jeder aussehen will und sich gern besonders kleidet, hat sie schon viele Stunden an der Nähmaschine verbracht. Für die Dörnhagenerin ist das ein großes Hobby. Es begleitet sie schon fast ihr ganzes Leben.

Nach der Handelsschule lernte sie in den 50er-Jahren den Beruf der Schneiderin. Der Grundstein für ihr späteres Berufsleben war gelegt. Schon kurze Zeit später ging es für Böhm auf die Werkkunstschule in Kassel. „Das war schon eine Art Eliteschule, die Kinder von Architekten und Ärzten besucht haben“, sagt Böhm. „Damals glaubte ich, die haben mich dort nur angenommen, weil ich so schön hochdeutsch sprach. In Kassel hatten ja alle einen Dialekt.“

Auf der Werkkunstschule lernte Böhm Grundlagen der Architektur, der Grafik und der Modezeichnung. Letzteres hat sie später genutzt, um sich mit ihrer Schulfreundin zusammen selbstständig zu machen und Kleider zu entwerfen. Das Geschäft lief zehn Jahre lang gut. „Wir hatten am Ende sogar fünf Angestellte“, erinnert sich Böhm.

Für die damalige Zeit führten die Geschäftsfrauen ein sehr modernes Leben. „Die meisten Frauen arbeiteten nicht, sie waren mit den Kindern zu Hause und der Mann verdiente das Geld. Bei uns war das anders.“ Auf die Gründung einer Familie verzichteten die Freundinnen aber trotz ihres Berufslebens nicht. „Als ich dann das dritte Kind bekam und meine Freundin heiratete, ging es nicht mehr und wir gaben das Geschäft auf.“ Doch die Leidenschaft für Kreativität und Nähen blieb.

„Ich habe mein Hobby dann an meinen Kindern ausgelebt. Die mussten alles tragen, was ich genäht habe.“ Einmal sei die Tochter gefragt worden, ob ihre Eltern denn kein Geld für Kleidung hätten. „Daran lag es aber nicht. Ich habe unsere Sachen einfach gerne selbst gemacht.“

Damit ihre Kinder auch mal eine Levis tragen konnten, hat Böhm die Etiketten aus alten Jeans einfach in ihre selbst genähten Hosen eingenäht. „Das ist gar nicht aufgefallen. Man muss einfach Ideen haben.“

Abgesehen vom Nähen ist Böhm auch in anderen handwerklichen Bereichen begabt und an Kunst interessiert. Besonders gern erinnert sie sich an die allererste documenta. „Kassel war ja wegen des Krieges eine Trümmerstadt. All die schönen Sachen auf der documenta anzusehen, tat damals sehr gut. An dieses Gefühl kann ich mich noch gut erinnern.“ Auch die jüngste documenta hat sie besucht. „Ich fand sie ganz toll. Natürlich ist Kunst heute anders als 1955, aber ich war trotzdem begeistert.“ (Theresa Novak)

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