Erinnerungen an den Mauerfall vor 30 Jahren

Ein Fuldataler war der erste Wessi in der  Feuerwache Erfurt: "Habe geheult wie ein Schlosshund"

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Tag der offenen Tür in der Erfurter Feuerwache: Am 1. April 1990 übergibt die Fuldataler Wehr vor vielen Gästen der Feuerwache Erfurt einen Satz hydraulischer Rettungsgeräte.

Bereits im Sommer 1989 begann die DDR zu bröckeln, Tausende flüchteten in den Westen. Am 9. November fiel schließlich die Mauer in Berlin.

Als Hans-Hermann Trost am 2. Januar 1990 um 15 Uhr die Feuerwache in Erfurt betritt, schreibt der ehemalige Gemeindebrandinspektor der Gemeinde Fuldatal Geschichte. Noch nie hatte ein „ausländischer“ Besucher zuvor die Feuerwache besuchen dürfen.

Das Betreten der Feuerwehr als Sicherheitsbereich war Außenstehenden nicht gestattet. Sie waren in der DDR Bestandteil der Polizei-Organisation. Trosts Besuch ist so ungewöhnlich, dass die Fachzeitschrift der DDR-Feuerwehren „Unser Brandschutz“ später schreibt: „Hauptbrandmeister Hans-Hermann Trost war der erste „Wessi“, der die Feuerwache Erfurt betreten hat.“

Hans-Hermann Trost hatte schon zwei Jahre vor dem Mauerfall auf die Wiedervereinigung gewettet

Hans-Hermann Trost, ehemaliger Gemeindebrandinspektor in Fuldatal

Vorausgegangen sind außergewöhnliche Monate in der deutsch-deutschen Geschichte und im Leben von Trost. Der hat wie alle fasziniert beobachtet, was im Herbst 1989 geschieht. Schon zwei Jahre zuvor hatte er mit einem Kollegen gewettet, dass die Wiedervereinigung kommen und er sie noch erleben würde. 

„Die Leute haben mir den Vogel gezeigt und einige Kollegen fanden, ich sei bekloppt“, erzählt Trost,  der damals in Hessisch Lichtenau an der Freiherr-vom-Stein-Schule Geschichte, Politik und Germanistik unterrichtet. Trost war das egal. Er spürte, dass mit Michail Gorbatschow, dem damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und späterem Staatspräsidenten eine Zeitenwende angebrochen war.

Nach der Grenzöffnung übermannen Hans-Hermann Trost die Emotionen

Doch dass es so schnell gehen würde, damit hatte auch Trost nicht gerechnet. Als er am Samstag nach der Grenzöffnung auf dem Weg nach Hessisch Lichtenau ist, überwältigen ihn die Tränen beim Anblick der Karawane, die sich ihren Weg gen Westen bahnt. „Stoßstange an Stoßstange, Trabis und Wartburgs mit jubelnden Menschen“, erinnert sich Trost. Menschen die Fahnen schwenken, hupen, überwältigt sind. So wie Trost. „Ich hab geheult wie ein Schlosshund.“

Das Geburtstagsgeschenk: Hans-Hermann Tr ost (rechts) übergibt den Satz hydraulischer Rettungsgeräte, bestehend aus Spreizer, Schneidegerät, Handpumpe mit Höchstdruck-Schläuchen und Spreizerketten mit Gelenkhaken.

In Kassel hat die Stadt den Zivilschutzbunker unter dem Hauptbahnhof geöffnet, wo die vielen Menschen aus dem Osten, die in die Stadt strömen, eine Schlafmöglichkeit finden. Und viele nehmen die „Ossis“ auch bei sich zu Hause auf. Auch Trost.

Er fährt nach Kassel und lädt dort spontan ein junges Pärchen ein, dass er auf dem Bahnhofsvorplatz trifft. Monika und Wesko, die in Erfurt leben, kommen mit zu seiner Familie nach Fuldatal und bleiben die Nacht. „Es wurde ein eigenartig fröhlicher und beglückender Abend“, erinnert sich Trost. Aus dieser ersten Begegnung entstehen weitere Besuche in Fuldatal, Sondershausen, wo ihre Eltern leben, und in Erfurt.

Aus Zufallsbegegnungen wurden Freundschaften

Für den 2. Januar 1990 verabreden sich Trost und seine Frau Maritta mit Monika und Wesko in Erfurt. Wesko hat für Trost eine Überraschung vorbereitet. „Wesko hatte begriffen, dass ich ein Feuerwehr-Bekloppter bin“, sagt Trost, der 32 Jahre lang Gemeindebrandinspektor in Fuldatal war. Um Punkt 15 Uhr hat Wesko eine Besichtigung bei der Erfurter Feuerwehr angemeldet. Eigentlich unmöglich, aber Wesko schafft es irgendwie, was für den Feuerwehr-Verrückten Trost ein Volltreffer ist.

Feuerwehrkameraden aus Erfurt kamen zum Gegenbesuch nach Fuldatal

Und eine Bekanntschaft wird, die bis heute hält. Denn Trost schreibt schon am nächsten Tag eine Gegeneinladung an die Kameraden im Osten. Die kommen und sind beeindruckt von der Ausrüstung und Ausstattung der Freiwilligen Feuerwehr in Fuldatal.

Am 1. April dann kommt der Höhepunkt für Trost. Auf seine Idee hin organisiert die Feuerwehr in Erfurt zu ihrem 80-jährigen Bestehen einen Tag der offenen Tür, und die Wehr aus Fuldatal ist mit dabei. Als Gastgeschenk hat Trost etwas ganz Besonderes mit dabei: Schere und Spreizer für die Unfallrettung. Die gab es in der gesamten DDR bisher nicht.

Wie groß die Freude damals und wie eng die Freundschaft noch heute zwischen den beiden Wehren ist, lässt sich auch an diesem Geschenk erkennen. Es liegt bis heute in einer Glasvitrine in der neuen Feuerwehr in Erfurt. Trost hat also gleich zweimal Geschichte geschrieben.

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