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Angst vor dem Winter: Was die Energiekrise für ein Rentner-Ehepaar bedeutet

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Von: Sebastian Schaffner

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Verfeuern im Küchenofen die Bäume aus ihrem Garten: Die Rentner Fritz (77, links) und Irene Matouschek (74) aus Fuldatal-Rothwesten haben fast kein Heizöl mehr im Tank. Weil sie es sich selbst nicht leisten können, sind sie aufs Sozialamt angewiesen.
Verfeuern im Küchenofen die Bäume aus ihrem Garten: Die Rentner Fritz (77, links) und Irene Matouschek (74) aus Fuldatal-Rothwesten haben fast kein Heizöl mehr im Tank. Weil sie es sich selbst nicht leisten können, sind sie aufs Sozialamt angewiesen. © Sebastian Schaffner

Der Winter nähert sich in großen Schritten und die Matouscheks haben kaum noch Heizöl. Weil das Sozialamt sie warten lässt, fällen sie jetzt schon ihre Bäume, um daraus Brennholz zu fertigen.

Fuldatal – Dieser Winter dürfte teuer werden. Rasant steigende Energiepreise bereiten vielen Menschen Kopfzerbrechen. Dazu gehören auch Fritz und Irene Matouschek. Doch die beiden Rentner haben erst einmal ein viel drängenderes Problem: Sie haben nur noch ein paar Tropfen Heizöl im Tank und sind aufs Sozialamt angewiesen – doch das lässt sie warten.

„Wir wissen nicht, wie wir durch den Winter kommen“, sagt Irene Matouschek. Seit 1983 lebt die 74-Jährige mit ihrem drei Jahre älteren Mann Fritz in Fuldatal-Rothwesten im Kreis Kassel. Sicherheitshalber haben die Matouscheks schon Bäume im Garten gefällt und zu Brennholz verarbeitet. „Man kann ja nie wissen“, sagt Fritz Matouschek.

Beide leben nach eigenen Angaben von monatlich 1040 Euro Rente plus Wohngeld. „Das reicht natürlich nicht, um über die Runden zu kommen“, sagt Fritz Matouschek. Deshalb beantragt das Paar jedes Jahr finanzielle Unterstützung beim Sozialamt des Landkreises. Ganz früher sei das Amt direkt für die Heizkosten aufgekommen. „Seit ein paar Jahren bietet es uns ein Darlehen an, das wir dann monatsweise in kleinen Raten zurückzahlen“, sagt der Rentner, der einst Geschäftsführer einer Autowerkstatt war. Doch in diesem Jahr gestalte sich selbst das schwierig.

Sozialamt reagiert nicht: Rentner-Ehepaar steht ohne Heizöl da

„Ich habe unseren Heizölbedarf im Juli mit einem Brief angemeldet. Das sind rund 2000 Liter für ein ganzes Jahr. Eine Antwort bekam ich nicht“, berichtet der Rentner. Auch ein zweiter Brief im September sei unbeantwortet geblieben. Selbst auf telefonische Nachfrage habe er keine Antwort erhalten, erzählt er. In ihrer Verzweiflung riefen sie ihren Enkelsohn Milan Matouschek um Hilfe. „Es ist für mich bestürzend zu sehen, wie der sogenannte Sozialstaat mit hilfsbedürftigen Menschen in so einer Notsituation umgeht“, sagt er. „Meine Großeltern derart auflaufen zu lassen, ist demütigend.“

Doch auch der studierte Agrarwissenschaftler sei weder per Brief, noch am Hörer weitergekommen. Lediglich die generelle Energiepauschale habe zwischenzeitlich dafür gesorgt, dass sie 172 Liter Heizöl nachtanken konnten. „Der Zuschuss hat aber mit unserem Fall nichts zu tun. Den bekommen alle“, sagt der Enkelsohn. Zuletzt habe es geheißen, die Sachbearbeiterin sei im Urlaub. „Und dann bleiben die Sorgen der Menschen unbearbeitet liegen?“

Steigende Energiepreise: Rentner-Ehepaar aus dem Kreis Kassel hat Angst vor dem Winter

Auto, NVV-Monatskarte, Tageszeitung – all das hat das Ehepaar längst nicht mehr. Im Sommer, als es das 9-Euro-Ticket gab, haben sie es sich auch mal erlaubt, mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Irene Matouschek musste wegen einer Operation ja irgendwie ins Krankenhaus kommen. Aber dieser Zug ist mit dem Ende des Entlastungspakets abgefahren.

Zum Glück, sagen sie, ist der Herbst in diesem Jahr noch außergewöhnlich mild. Trotzdem werden die Nächte allmählich kälter. Solange sie kein neues Heizöl haben, setzen sie sich dann möglichst vor ihren alten Küchenofen und verfeuern ihr Holz. „Unsere Heizung läuft eigentlich nur im Wohnzimmer, in dem Fritz’ Pflegebett steht“, sagt Irene Matouschek. Ihr Mann hat Pflegestufe 2. „Oben im Bad heizen wir schon lange nicht mehr. Abgesehen vom Wasser.“

Ihre Sorge vor der Kälte ist auch deshalb so groß, weil ihnen der harte Wintereinbruch im Februar des vergangenen Jahres noch sehr im Gedächtnis ist. „Damals mussten wir sogar eine Nottankung vornehmen“, erinnert sich Fritz Matouschek. Weil sie dafür nicht genug Geld hatten, baten sie Verwandte und Bekannte um Hilfe – ohne Erfolg. „Keiner hat sich erbarmt, uns zu helfen. Das werden wir nie vergessen.“ Schließlich eilte damals schon ihr Enkel Milan zur Hilfe, der sich erfolgreich beim Sozialamt für sie einsetzte. Nun hoffen sie, dass das Amt sie auch diesmal nicht im Stich lässt. (Sebastian Schaffner)

Wie die Matouscheks sind viele Menschen angesichts der steigenden Energiepreise verzweifelt. Versicherer warnen deshalb bereits vor „gefährlichen Experimenten“ mit alternativen Heiz-Methoden.

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