Dieser Teddy erzählt deutsche Geschichte

Fuldataler überlässt historisches Kuscheltier dem Stadtmuseum in Kassel

Hans-Hermann Trost mit seinem Teddy, der als eines von drei Objekten nach dem Luftangriff am 22. Oktober 1943 und der völligen Zerstörung des Hauses von Trosts Onkel in Kirchditmold gerettet werden konnte.
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Das Kuscheltier zog gestern von Ihringshausen ins Stadtmuseum: Hans-Hermann Trost mit seinem Teddy, der als eines von drei Objekten nach dem Luftangriff am 22. Oktober 1943 und der völligen Zerstörung des Hauses von Trosts Onkel in Kirchditmold gerettet werden konnte.

Ein Fuldataler erzählt die Geschichte seines Teddys: Wie er in Rothenditmold die Kasseler Bombennacht überlebt hat und dann in Ihringshausen ein neues Zuhause fand. 

Fuldatal - Könnte dieser Teddy reden, er hätte viel zu erzählen. Wie er vor etwa 90 Jahren erst das Kuscheltier eines kleinen Mädchens in Fuldatal wurde und später Zeitzeuge eines Krieges, der alleine in einer Nacht 10 000 Menschen in Kassel das Leben kostete. Eine Nacht, die der kleine Teddy wie durch ein Wunder fast unbeschadet überstand und so immer wieder Zentrum der Familienerinnerung wurde. Gestern nun wurde das Stofftier der Familie Trost an das Stadtmuseum in Kassel übergeben.

Für den studierten Historiker und Politologen Hans-Hermann Trost, der auch im Vorstand des Museums Währungsreform in Fuldatal ist, war der Schritt, das Stofftier ins Museum zu geben, nur logisch. Im Stadtmuseum wiederum freut man sich, das Stück in die Sammlung aufnehmen zu können.

Dass der Teddy keine Haare und ein Loch in der Nase hat, stört Museumsleiter Kai Füldner dabei gar nicht. Ganz im Gegenteil. Bei solch einem Objekt gehe es nicht um den Sammler-, sondern den ideellen Wert und die Geschichte, die sich in einem solchen Objekt dramatisch manifestiere. Dass der Teddy durch Zufälle aller Art gerettet wurde, mache den musealen Wert aus. „Es sind genau solche Zusammenhänge, die das Stück für uns interessant und wertvoll machen“, sagt Füldner.

Lange lag der Teddy in einer Tüte im Schrank in Ihringshausen, doch 77 Jahre nach dem Luftangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 wollte Trost das Stofftier und dessen Geschichte weitergeben. Er selber hat die Bombennacht nicht erlebt, er kam erst im April 1945 zur Welt. Doch seine Familie und die seines Onkels überstanden den Angriff – zumindest körperlich – unbeschadet. Vielleicht war es gerade ein Unfall, der die Familie vor dem Schlimmsten gerettet hat.

Wurde am 22. Oktober 1943 völlig zerstört: das Haus von Trosts Onkel in Kirchditmold. Nur ein Teddy überstand den Angriff unbeschadet.

Am 3. Oktober 1943 wird Trosts Elternhaus bei einem Luftangriff getroffen. 13 Brandbomben landen im Dachgeschoss, „noch heute sieht man die verkohlten Sparren“, erzählt Trost. Er wohnt bis heute mit seiner Frau in dem Haus, das damals gerettet werden konnte.

Da sein Vater zu der Zeit an der Westfront eingesetzt ist, kommt sein Onkel Hermann am nächsten Tag mit dem Fahrrad aus Kirchditmold nach Ihringshausen gefahren, um den Schaden zu begutachten. Als er sich auf den Rückweg macht, gibt es wieder Fliegeralarm. „Er hat in die Pedale getreten, um es noch zurück nach Hause zu schaffen“, erzählt sein Neffe. Doch in voller Fahrt übersieht ihn ein Militärtransporter, rammt ihn und verletzt ihn so stark, dass Hermann Trost die kommenden elf Monate in Kliniken verbringen muss. In dieser Zeit besuchen ihn seine Frau und seine kleine Tochter fast täglich. Hella hat mittlerweile den Teddy ihrer großen Cousine geerbt, der nun mit ihr und den Eltern in einem schicken Neubau in Kirchditmold wohnt.

13 Brandbomben landeten im Dachstuhl: Das Familienhaus von Hans-Hermann Trost in Ihringshausen wurde aber gerettet.

Am 21. Oktober hält Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels eine seiner berüchtigten Reden, die auch im Landeskrankenhaus am Möncheberg, in dem Hermann Trost liegt, übertragen wird. Als seine Frau und Tochter später zu Besuch kommen, beschwört er sie, das Haus in Kirchditmold sofort zu verlassen und aufs Land zu den Schwiegereltern zu fahren. „Er hatte eine Ahnung, dass auf die Rede ein weiterer Angriff folgen würde und dass es Kassel treffen könnte“, sagt Trost. Er behält recht. Am nächsten Abend werfen britische Bomber hunderttausende Brandbomben über Kassel ab. Eine Luftmine trifft auch das Haus in Kirchditmold. „Da blieb nur die Betonplatte des Kellers übrig“, sagt Trost. Sonst steht nichts mehr. Im Garten findet Trosts Tante nur noch eine Wolldecke, eine Aktentasche und den Teddy. Mehr ist von ihrem Leben nicht übrig.

Das Stofftier kommt ein paar Jahre später zurück nach Ihringshausen, in das Kinderzimmer von Hans-Hermann Trost. Anfang der 80er-Jahre wäre das Kuscheltier dann fast im Müll gelandete. Doch Trosts Sohn Alexander rettet es hinter dem Rücken seines Vaters aus der Tonne und versteckt es. „Mein Sohn ist also dafür verantwortlich, dass der Teddy überlebt hat und jetzt ins Museum kommt“, sagt Trost. (Amira El Ahl)

Luftangriff auf Kassel

Im Zweiten Weltkrieg gab es über 40 Luftangriffe auf Kassel. Der schlimmste fand am Abend des 22. Oktober 1943 statt. Damals warfen fast 500 britische Bomber mehr als 400 000 Brandbomben sowie zahlreiche schwere Sprengbomben ab. So entstand in der Fachwerkaltstadt ein Feuersturm, bei dem etwa 10 000 Menschen ums Leben kamen. Orientierungspunkt für die Bomberpiloten waren die Doppeltürme der Martinskirche.  (tos)

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