Mutter ist schwanger

Flüchtlingsfamilie sucht Wohnung in Fuldatal: Vorurteile und hohe Kosten

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Froh, wieder zusammen zu sein: Die syrische Familie Hamo lebt seit Mai gemeinsam in der Gemeinschaftsunterkunft in der Fritz-Erler-Anlage in Rothwesten. Trotz Aufenthaltsgenehmigung müssen sie weiter in der Gemeinschaftsunterkunft leben, da sie keine Wohnung finden. Von links: Sohn Roujlat Ibrahim Khalil Hamo, Sohn Hamo Ibrahim Khalil, Mutter Roushin Hamo, Vater Ibrahim Khalil Hamo.

Die vierköpfige Familie Hamo aus Syrien wohnt in der Gemeinschaftsunterkunft in der Fritz-Erler-Anlage Rothwesten. Trotz Aufenthaltsstatus müssen sie weiter in der Unterkunft leben.

Bisher blieb ihre Wohnungssuche erfolglos. Auf dem Herd in der Küche der Gemeinschaftsunterkunft in Fuldatal-Rothwesten steht ein großer Topf, in dem ein warmer, orientalischer Eintopf vor sich hin blubbert. Der Geruch lässt einem schon draußen auf dem Gang das Wasser im Mund zusammenlaufen. Doch was des einen Freud, ist des anderen Leid. Roushin Hamo haben die vielen unterschiedlichen Gerüche, die täglich aus der Küche auf den Gang und in ihr anliegendes Zimmer wabern, fast verrückt gemacht.

Flüchtlingsunterkunft: Bad und Küche werden mit allen geteilt

Die 31-jährige Syrerin ist im fünften Monat schwanger. Eigentlich ein wunderbarer Zustand. „Aber mir war die ersten Monate einfach nur schlecht.“ Einmal musste sie sogar ins Krankenhaus, um eine Infusion zu bekommen. Ansonsten habe sie vier Monate ihr Zimmer nicht verlassen, erzählt die 31-Jährige. Ein Zimmer, in dem sie mit ihren zehn- und elfjährigen Söhnen und ihrem Mann lebt. Zwei Betten, zwei Schränke, ein Tisch, ein Teppich. Keine Privatsphäre. Bad und Küche werden mit allen geteilt.

Seit Mai 2018 lebt sie mit ihren zwei Söhnen Roujlat und Hamo Ibrahim bei ihrem Mann Ibrahim Khalil Hamo in der Gemeinschaftsunterkunft in Rothwesten. Nach zweieinhalb Jahren Trennung ist die Familie nun endlich wieder vereint. „Wir sind froh, endlich hier zu sein“, sagt Roushin Hamo und ist sichtbar dankbar für all die Hilfe, die sie seither erfahren hat. Die Unterstützung der vielen Ehrenamtlichen aus dem Unterstützerkreis für Flüchtlinge in Fuldatal, die ihr Deutsch beibringen, mit ins Krankenhaus fahren, mit den Kindern Ausflüge machen. 

Die Familie ist auf dem besten Weg, gut anzukommen. „Sie sind Vorzeigebewohner und sehr hilfsbereit“, sagt Reza Danesh, der seit zwei Jahren die Gemeinschaftsunterkunft leitet. „Für die Familie Hamo würde ich meine Hand ins Feuer legen.“

Ibrahim Hamo kam schon im Dezember 2016 aus seiner Heimatstadt Aleppo nach Rothwesten und arbeitet mittlerweile drei Stunden am Tag auf dem Reiterhof des Gut Eichenberg. „Es ist gut, um Deutsch zu lernen und mit Menschen zusammenzusein“, sagt der 38-Jährige. Die Söhne Hamo Ibrahim (11) und Roujlat (10) gehen in Rothwesten zur Schule. Doch bald werden sie zu fünft sein und dann wird es noch enger werden in ihrem kleinen Zimmer in der Unterkunft, aus der sie als anerkannte Flüchtlinge eigentlich schon längst hätten ausziehen können.

Deshalb sucht die Familie nach einer kleinen Wohnung in Fuldatal, die ihr zu Hause werden soll. Doch die Suche ist schwer. „Die Wohnungen sind oft zu teuer“, sagt Barbara Wagner vom Unterstützerkreis. Außerdem gäbe es oft auch Ressentiments gegen Flüchtlinge. „Sobald ich sage, ich suche eine Wohnung für eine syrische Familie, wird es schwierig.“ Seit fünf Monaten sucht die Familie nun schon. Gerne würden sie in Fuldatal bleiben, wo sie Freunde gefunden haben und sich so wohl fühlen. „Mein Mann kann auch ganz toll kochen“, sagt Roushin Hamo und lacht. Für Freunde der syrischen Küche ein bestechendes Argument.

Vielleicht überzeugt es ja auch potenzielle Vermieter. Die können sich an den Ehrenamtsbeauftragten des Landkreises Kassel Simon Gellermann wenden unter Tel.: 0561/1003-1183.

Ehrenamtliche helfen bei Wohnungssuche

In der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Fuldatal-Rothwesten leben derzeit 110 Menschen. Von ihnen sind 30 alleinstehende Männer und Frauen, die restlichen 80 Personen sind Familien. Neun dieser Familien und zwölf der alleinstehenden Männer und Frauen sind anerkannt und haben einen Aufenthaltsstatus – sie dürfen also arbeiten und bekommen Leistungen vom Jobcenter. Sie alle könnten theoretisch die Gemeinschaftsunterkunft verlassen und in Wohnungen ziehen. Wenn sie aber keine Wohnungen finden, dürfen sie weiterhin in der Gemeinschaftsunterkunft leben. 

„Wir machen niemanden obdachlos“, sagt Kreissprecher Andreas Bernhard. „Die Gemeinschaftsunterkunft ist aber eigentlich als Übergang gedacht. Wir wünschen uns, dass die Menschen Wohnungen finden, weil es ein wichtiger Schritt für die Integration ist.“ 

Die ehrenamtlichen Integrationshelfer des Unterstützerkreises für Flüchtlinge in Fuldatal kommen regelmäßig in die Unterkunft, um dort zu helfen. „Ohne die Ehrenamtlichen ginge gar nichts, sie unterstützen in allen Bereichen“, sagt Reza Danesh, Leiter der Gemeinschaftsunterkunft. Sie geben Deutschkurse, helfen den Kindern bei den Hausaufgaben, geben Nähkurse, organisieren Ausflüge, Schwimmkurse und die Kleiderkammer. Und sie helfen natürlich auch bei der Wohnungssuche. Sie betreuen die Familien auch weiter, wenn sie aus der Unterkunft in Wohnungen in Fuldatal gezogen sind.

Syrer eröffnet Imbiss in Kassel

Eine Erfolgsgeschichte kommt aus Kassel: Maher Raad ist vor dem Krieg in Syrien geflohen. Der ehemalige Flüchtling hat sich inzwischen eine eigene Existenz aufgebaut. In Kassel hat er einen Imbiss eröffnet. Dort gibt es nun arabische und mexikanische Baguettes.

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