Zwei moderne Baustile

Fliegerhorst Rothwesten: Kaserne war Vorbild für ganz Deutschland

Zu sehen ist ein langgezogendes Gebäude, davor befindet sich eine Rasenfläche sowie eine Straße.
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Steht als einziges Haus, welches im Bauhaus-Stil errichtet wurde, heute noch an der Sonnenallee: die ehemalige Bildstelle im Fliegerhorst Rothwesten. Dort ist heute die Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises Kassel untergebracht. Allerdings fehlen mittlerweile der Balkon und der Anbau.

Der Fliegerhorst Rothwesten wurde 1935 fertiggestellt und gehörte zu den modernsten in Deutschland. Er diente der Luftwaffe als Vorzeigeobjekt. Wir werfen einen Blick auf die Architektur.

Fuldatal – Ein Schwimmbad in einer Kaserne wäre in der Kaiserzeit undenkbar gewesen. Im Fliegerhorst Rothwesten dagegen gehörte das Bad zur Freizeitgestaltung selbstverständlich dazu. „Schließlich waren hier Piloten untergebracht“, sagt Klaus Brandstetter. „Sie waren die Elite und schon immer die besseren Soldaten.“

Der Tower wurde im Bauhaus-Stil errichtet: Die Flugleitung wurde kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gesprengt. Im Vordergrund ist eine Hanomag-Zugmaschine zu sehen, die eine Focke-Wulf FW44 zieht.

Als das Militärgelände 1935 nach nur acht Monaten Bauzeit fertiggestellt war, stand da mitten im Wald am östlichen Rand von Rothwesten eine der modernsten Kasernen Deutschlands, die sich architektonisch stark abgrenzte von den riesigen Kasernen der Kaiserzeit. Rothwesten wurde so zum Vorbild nicht nur für andere Militärstandorte, die im selben Baustil errichtet wurden, sondern der Stil des Fliegerhorsts prägte auch das Ortsbild Rothwestens, erzählt Klaus Brandstetter. Kaum einer kennt die Geschichte des Fliegerhorsts so gut wie der 55-Jährige, der bereits seit 2007 Exponate aus der ehemaligen Kaserne sammelt und eine Ausstellung rund um die Geschichte des Fliegerhorsts betreibt.

Gleich zwei Baustile prägen die Architektur auf dem Gelände. Alle Gebäude, die um das Flugfeld herum standen, wurden im Bauhaus-Stil errichtet, erklärt Brandstetter. Klar, mit einer industriellen, minimalistischen Optik. Alle anderen Gebäude, also die Wohn- und Schulungsräume, sind in einem Stil erbaut, der sich Luftwaffenmoderne nennt.

Das Haus am Eingang hat typische Baumerkmale: Hohe Giebel, Kastenfenster und Fensterläden.

Laut dem Architekturhistoriker Wolfgang Schäche ließ sich diese vermeintlich nationalsozialistische Architektur der Luftwaffenmoderne in drei Teile gliedern: Den Klassizismus für Staats- und Parteibauten (zum Beispiel das ehemalige Reichsluftfahrtministerium in Berlin, in dem heute das Bundesfinanzministerium untergebracht ist), den Heimatstil für Wohnungs- und Sozialbau und die Neue Sachlichkeit für Bauten der Industrie. In Rothwesten erkennt man eindeutig den von Schäche beschriebenen Heimatstil.

Der Fliegerhorst wurde von Werner Noell geplant, der laut Brandstetter Regierungsbaumeister im Reichsluftfahrtministerium war und nach dem Krieg Leiter des Hochbauamts in Kassel wurde. „Wenn man die Baustile von vielen Gebäuden in Kassel vergleicht, dann ähneln sie dem der Kaserne in Rothwesten“, sagt Brandstetter, und nennt als Beispiel die Montessori-Schule.

Von der Bauhaus-Architektur des Fliegerhorsts ist heute fast nichts mehr zu sehen. Nur die ehemalige Bildstelle und eine Flugzeughalle stehen noch. Die Wohngebäude gibt es zwar fast alle noch, sie wurden aber in den Jahrzehnten, in denen die Bundeswehr hier stationiert war, teilweise erheblich verändert. „Die für den Baustil üblichen Sprossenfenster und Fensterläden gibt es an keinem Haus mehr“, sagt Brandstetter. Auch die Dächer wurden verändert oder Anbauten entfernt.

Nur ein Haus sieht fast noch genau so aus, wie es von Noell geplant wurde. Das Offizierskasino. Aber auch dieses Haus verfällt mit jedem ungenutzten Jahr mehr.

Von Amira El Ahl

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