Befugnis zur Weiterbildung verweigert

Nachfolge unsicher: Ärztekammer verweigert Befugnis zur Fortbildung

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Sind mit Leib und Seele Ärzte: Dr. Gunter Lehmann und seine Frau Dr. Margarete Lehmann führen seit mehr als 30 Jahren eine allgemeinmedizinische Gemeinschaftspraxis in Ihringshausen. Sie suchen seit zwei Jahren einen Nachfolger. Nun haben sie jemanden gefunden, aber die Behörden legen ihnen Steine in den Weg.

In Fuldatal darf eine Ärztin ihre Kollegin nicht weiterbilden. Das verweigert die Ärztekammer. 

  • Probleme mit Nachfolgern haben viele Ärzte in Fuldatal
  • Bürokratie gefährdet Versorgung - Weiterbildungen werden oft nicht bewilligt
  • Befugnis zur Weiterbildung an konkrete Bedingungen geknüpft

Gunter Lehmann ist seit acht Jahren in Rente. „Aber ich habe in meinem Leben noch nie so viel gearbeitet wie jetzt“, sagt der Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin.

Während Altersgenossen ihre neu gewonnene Freizeit genießen, ist der 73-Jährige jeden Tag in seiner Praxis in Ihringshausen, die er seit über 30 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Margarete Lehmann führt.

„Riesenprobleme“ mit Nachfolgern in Fuldatal

Zwei Jahre lang haben sie Nachfolger gesucht, die ihre Arztsitze in Fuldatal übernehmen würden. Zwei Jahre lang ohne Erfolg. „Wir haben niemand gefunden, der einsteigen will“, sagt Gunter Lehmann, und damit geht es ihm wie vielen seiner Kollegen im ländlichen Raum.

In den kommenden zehn Jahren werden alleine im Landkreis Kassel 89 von heute 163 Arztsitzen vakant sein – wenn sich bis dahin keine Nachfolger finden lassen. So könnten zum Beispiel Bad Karlshafen, Calden, Espenau und Naumburg bald komplett ohne hausärztliche Versorgung dastehen.

„Wir steuern da auf ein Riesenproblem zu“, sagt Alexander Kowalski, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Umso glücklicher war das Ärztepaar Lehmann, als es nun gleich zwei Nachfolger für seine jeweiligen Arztsitze fand.

Bürokratie gefährdet Versorgung

Seit Anfang des Jahres arbeitet Dr. Frank Steinau als Weiterbildungsassistent bei Gunter Lehmann, dessen Sitz er übernehmen möchte. Auch Margarete Lehmann hat eine Nachfolgerin gefunden, die im April mit in die Praxis einsteigen und ihren Sitz übernehmen würde.

Kein grünes Licht: Ärztekammer verweigert Weiterbildungen

„Der Kollegin fehlen nur noch acht Monate Ausbildungszeit in Allgemeinmedizin“, sagt Margarete Lehmann. Die 68-Jährige würde die Kollegin ausbilden, sodass diese nach der Facharztprüfung den Arztsitz übernehmen könnte.

Die Landesärztekammer Hessen verweigert jedoch Lehmann „die Befugnis zur Weiterbildung“, wie es im Antwortschreiben auf ihren Antrag steht, „da Sie die Voraussetzungen nicht erfüllen.“ Der Grund: Lehmann ist Fachärztin für Innere- und Palliativmedizin.

Befugnis zur Weiterbildung an konkrete Bedingungen geknüpft

„Die Befugnis zur Weiterbildung kann nur erteilt werden, wenn der Arzt die Bezeichnung führt, fachlich und persönlich geeignet ist und eine mehrjährige Tätigkeit nach Abschluss der entsprechenden Weiterbildung nachweisen kann“, heißt es in der Begründung der Landesärztekammer.

Für Lehmann ist diese Begründung nicht nachvollziehbar, denn am 26. September 2017 erteilte ihr die Landesärztekammer genau diese Befugnis, um eine andere Kollegin auszubilden.

„Und ich bin da auch keine Ausnahme“, sagt die Internistin. Sie hat Widerspruch gegen die Nichtbewilligung eingelegt. Die Landesärztekammer erklärte auf Anfrage, dass gerade „die Möglichkeit einer Übergangsregelung im Rahmen des Widerspruchsverfahrens geprüft werde“.

Wie ein Knüppel zwischen die Beine: schwierige Nachfolge für Ärzte in Fuldatal

„Bei so einem Versorgungsmangel ist es überhaupt nicht verständlich, dass einem solche Knüppel zwischen die Beine geworfen werden“, sagt Gunter Lehmann. Denn wenn er und seine Frau nicht noch tätig wären, gäbe es in Ihringshausen nur noch einen Kollegen, der aus Altersgründen jedoch nicht ständig anwesend sei. Das Ärztepaar Lehmann betreut neben vielen anderen auch 80 Patienten in zwei Altersheimen in Ihringshausen.

Doch ewig werden sie nicht weitermachen können. Deshalb sind die Ärzte umso glücklicher, dass ihre Tochter Raphaela Lehmann seit 2019 ebenfalls Fachärztin für Allgemeinmedizin ist und vermutlich im April den Arztsitz eines ausgeschiedenen Kollegen aus Fuldatal übernehmen und in der Praxis der Eltern arbeiten wird.

„Aber alleine kann sie die Versorgung gar nicht gewährleisten“, sagt Gunter Lehmann. Was ihm jetzt bleibt, ist die Hoffnung, dass der Einspruch seiner Frau Erfolg haben wird.

So funktioniert die Praxisübernahme

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen benötigt man zu einer Praxisüberahme eine Zulassung (und einen Facharzt). Außerdem muss eine Eintragung ins Arzt- oder Psychotherapeutenregister vorliegen.

Sobald beides vorliegt, kann sich der Arzt nach einem passenden Arztsitz zur Übernahme umschauen. „Hierauf kann sowohl auf unsere Praxis- als auch Ausschreibungsbörse zurückgegriffen werden“, erklärt Alexander Kowalski, Pressesprecher der KV. 

Im Anschluss muss sich der Übernehmer auf den ausgeschriebenen Sitz in der Ausschreibungsbörse bewerben. Zusätzlich ist ein Antrag auf Zulassung beim Zulassungsausschuss (ZA) einzureichen. Der Antrag auf Zulassung wird vom ZA beschieden und der Übernehmer kann zum Quartalsbeginn tätig werden

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