Strenge Empfehlungen des RKI für Altenheime sorgen für Unverständnis

Fuldatalerin sollte trotz Impfung und Test in Quarantäne

Versteht die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts nicht: Fritz Tappe aus Fuldatal vor dem Haus Sandershausen in Niestetal, wo seine Frau Traudel seit zwei Jahren lebt.
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Versteht die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts nicht: Fritz Tappe aus Fuldatal vor dem Haus Sandershausen in Niestetal, wo seine Frau Traudel seit zwei Jahren lebt.

Die strengen Empfehlungen für Altenheime des RKI stoßen auf großes Unverständnis bei einem Fuldataler, der liebend gern seine Frau in einem Niestetaler Seniorenheim besuchen wollte. Doch die sollte in Quarantäne.

Niestetal/Fuldatal - Eigentlich ist Fritz Tappe ein friedliebender Mensch, aber neulich wäre er fast auf die Barrikaden gegangen. Zumindest hat sich der 84-jährige Fuldataler so aufgeregt, dass er sich überlegt hat, vor dem Heim zu demonstrieren, in dem seine Frau Traudel seit zwei Jahren wegen einer Parkinson-Erkrankung lebt.

Denn obwohl die 84-Jährige bereits eine Corona-Infektion überstanden hat, mittlerweile zweifach geimpft ist und gerade aus dem Krankenhaus mit einem negativen PCR-Test entlassen wurde, sollte Traudel Tappe bei ihrer Rückkehr ins Heim erneut für sieben Tage in Quarantäne.

„Die neue Regelung war, dass meine Mutter sieben Tage in Quarantäne muss, weil sie aus dem Krankenhaus kommt“, sagt ihre Tochter Anke Tappe-Theodor. Ihr Vater sei darüber sehr erzürnt gewesen, sagt Tappe-Theodor, die als Pharmakologin an der Uni in Heidelberg arbeitet und mit ihrer Familie in Speyer wohnt.

Dabei gab es eigentlich einen Grund, sich zu freuen. Fast vier Wochen lang hatte Traudel Tappe aufgrund von Herz- und Atemproblemen im Krankenhaus gelegen. Vier Wochen, in denen ihr Mann sie kaum sehen konnte. Anfang April durfte Traudel Tappe dann endlich wieder zurück in das Haus Sandershausen.

Fritz Tappe rief umgehend im Heim an, um einen Besuchstermin abzusprechen. Doch obwohl er sich schon so gefreut hatte, wurde daraus erst einmal nichts. „Ich bin fünf Minuten später zurückgerufen worden und mir wurde mitgeteilt, dass meine Frau in Quarantäne müsse“, sagt Tappe.

Wie fast alle der 75 Heimbewohner ist seine Frau zweifach geimpft. Auch Fritz Tappe, der alleine in Fuldatal lebt, wurde bereits zweifach geimpft. Es habe sich ihnen daher nicht erschlossen, warum die 84-Jährige nun erneut in Quarantäne müsse, sagt die Tochter. Einen Schnelltest hätte ihr Vater sowieso vor Eintritt ins Heim machen müssen. „Warum habe ich mich impfen lassen, wenn ich keine Freiheiten bekomme“, fragt sich Fritz Tappe.

Dem Heim machen weder er noch seine Tochter einen Vorwurf. „Ich kann gegen das Heim nichts Negatives sagen, die sind alle sehr nett und zuvorkommend, aber diese Vorschriften sind unmöglich“, sagt Tappe. Das Heim hat sich nach der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) gerichtet.

Das hessische Sozialministerium bestätigt auf Anfrage, dass das RKI strengere Empfehlungen für Bewohner von Einrichtungen ausgibt. „Da es sich um besonders vulnerable Gruppen handelt, empfiehlt das RKI bei diesen Personen eine Quarantäne, da ein Restrisiko besteht, dass über Geimpfte/Genesene das Virus weiter verbreitet wird und man einen Eintrag in die sensiblen Bereiche fürchtet.“

Auch die Stadt Kassel, die für das Gesundheitsamt zuständig ist, bestätigt die Vorgehensweise des Heims. „Das Gesundheitsamt handelt grundsätzlich nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts und der Hessischen Landesverordnungen“, heißt es auf Anfrage. Bisher sei es grundsätzlich so gewesen, dass sich Bewohner bei einer Rückverlegung aus dem Krankenhaus für 14 Tage in Quarantäne begeben mussten. „Diese Quarantäne kann bei vorliegendem negativen PCR-Test auf sieben Tage verkürzt werden“, erklärt ein Stadtsprecher.

Die gute Nachricht auch für Traudel Tappe: Laut dem Sozialministerium gibt es neuerdings auch einen Ermessensspielraum. Der Sprecher der Stadt Kassel erklärt es folgendermaßen: „Für geimpfte Bewohnerinnen und Bewohner, die keinen Kontakt zu SARS-CoV-2 positiven Personen hatten und die keine Covid-19 typischen Symptome aufweisen, kann diese Quarantäne in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt in Einzelfällen aufgehoben oder angepasst werden.“

Nachdem Anke Tappe-Theodor selber noch beim Gesundheitsamt angerufen hatte, wurde der Fall ihrer Mutter geprüft. Zwei Stunden später stand fest: Ihre Mutter musste doch nicht in die Quarantäne und ihr Vater durfte gleich am nächsten Tag zu ihr. Tappe darf seine Frau, die mittlerweile bettlägerig ist, nun wieder auf ihrem Zimmer besuchen. Dann hält er ihre Hand, streichelt sie und zeigt ihr alte Fotoalben, „damit sie mal wieder am Leben teilnimmt“, wie er sagt. Morgen wird Traudel Tappe 85 Jahre alt. Ihr Mann wird bei ihr sein und hofft, mit ihr ein paar Sonnestrahlen genießen zu können.

Das sagt das Pflegeheim

Als Traudel Tappe am 9. April aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe er selber nicht verstanden, warum sie nun – obwohl zweifach geimpft und mit negativem PCR-Test – nun noch einmal sieben Tage in Quarantäne solle, sagt Dirk Fischer. Der 57-Jährige leitet seit drei Jahren das Haus Sandershausen in Niestetal. Es sei das erste Mal gewesen, dass sie eine solche Situation im Haus gehabt hätten, sagt Fischer. Das Gesundheitsamt habe schließlich schriftlich bestätigt, dass die Quarantäne für Tappe aufgehoben werden kann. Erst einen Tag zuvor habe das Robert-Koch-Institut (RKI) seine Richtlinien dementsprechend geändert, sagt Fischer. „Neu war, dass es nun einen Ermessensspielraum gibt.“
Im Landesschutzkonzept für Pflegeeinrichtungen gelten spezielle landesweite Regelungen. „Danach richten wir unser individuelles Schutzkonzept aus“, erklärt Fischer. Das Konzept sei schriftlich festgehalten und mit dem Gesundheitsamt abgestimmt. Natürlich müsse man sich nicht an alle Empfehlungen des RKI halten, aber: „Letztendlich stehe ich in der Verantwortung. Da geht es nicht nur um die 75 Bewohner, sondern auch um 60 Mitarbeiter und alle, die daran hängen.“ Sie versuchten, so vorsichtig wie möglich zu sein. Denn im Oktober gab es im Haus Sandershausen einen Corona-Ausbruch, „und das war keine schöne Erfahrung“, sagt der Einrichtungsleiter.

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